Montag , 21. September 2020
Die Modebranche scheint die Corona-Krise hinter sich gelassen zu haben. Zumindest die großen Konzerne wie H&M verbuchten im Sommerquartal wieder solide Umsätze. Quelle: Jentakespictures/Getty Images

Modeketten lassen die Corona-Krise hinter sich

Die Modebranche scheint die Corona-Krise hinter sich gelassen zu haben. Zumindest große Konzerne wie Zara und H&M verbuchten im Sommerquartal wieder solide Umsätze. Ausgeklügelte IT-Systeme und schnelle Lieferketten machen es möglich.

Das ist in kurzem Abstand die zweite positive Nachricht aus der Modebranche: Auch die spanische Zara-Mutter Inditex hat im Sommer mehr verdient als viele Branchenkenner erwartet hatten. Anfang der Woche überraschte bereits der schwedische Rivale H&M mit einem Gewinn im zweiten Quartal. Vieles spricht dafür, dass die Bekleidungsgiganten die Corona-Krise hinter sich gelassen haben. Das setzt hierzulande aber viele Unternehmen aus dem Mittelstand zusätzlich unter Druck.

Analysten loben Management

Die Inditex-Aktie schoss am Mittwoch bis zum Nachmittag um mehr als 7 Prozent in die Höhe. Es gab Applaus von Analysten. Sie lobten eine hohe Gewinnspanne und die operative Stärke des Konzerns, zu dem neben Zara unter anderem die Marken Bershka, Pull&Bear oder Massimo Dutti gehören. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres (Anfang Mai bis Ende Juli) verdienten die Spanier schon wieder 214 Millionen Euro unterm Strich und näherten sich damit dem Vorjahresergebnis von 253 Millionen.

Noch im vorherigen Drei-Monats-Abschnitt hatte Inditex mit einem Verlust von 409 Millionen Euro erstmals seit Jahren rote Zahlen geschrieben. Im April waren wegen der Corona-Pandemie noch zeitweise etwa neun von zehn Geschäften geschlossen. Besonders erfreulich ist nun aus Sicht des Managements: In den ersten Wochen des neuen Quartals (Anfang August bis Anfang September) lagen die Umsätze nur noch gut ein Zehntel unter den Werten des Vorjahres.

Ausgeklügelte IT-Systeme und schnelle Lieferketten

Wie kriegen das die Spanier hin? Der Konzern ist mit seinen mehr als 7000 Filialen weltweit, von denen 98 Prozent inzwischen wieder geöffnet sind, nicht nur groß, sondern auch extrem beweglich. Ausgeklügelte IT-Systeme und schnelle Lieferketten machen es möglich, dass in den Läden zu günstigen Preisen genau die Shirts und Hosen sind, die die Kundschaft gerade sucht. Rund zwei Drittel der modischen Ware wird in Europa und Nordafrika und nur ein geringerer Teil im fernen Asien gefertigt.

So lag in den heißen Wochen denn auch die Sommermode in den Regalen, die in normalen Jahren häufig schon im Frühjahr verkauft wird. Flexibilität sei der Schlüssel für die Performance, so der Konzern im Zwischenbericht. Es gelang trotz des Lockdowns Lagerbestände deutlich zu verkleinern und Kosten insgesamt erheblich zu drücken. Rabattaktionen für liegen gebliebene Ware konnten damit vermieden werden – Geschwindigkeit spielt in der Modebranche eine immer wichtigere Rolle.

Starkes Onlinegeschäft gleicht stationäres Geschäft aus

Hinzu kommt, dass der weltgrößte Modekonzern mit großen Sortimenten im Internet präsent war, was die Ausfälle im stationären Geschäft zumindest teilweise ausgleichen konnte. Die Kundschaft bestellte von zu Hause aus so heftig, dass die Umsätze im Onlinehandel um drei Viertel zulegten. Und trotz der Wiedereröffnungen wachse der E-Commerce nach wie vor weiter, teilt der Konzern mit. Ein Phänomen, dass auch andere Händler beschreiben: Kunden sind während der Ausgangsbeschränkungen auf den Geschmack gekommen und haben deshalb ihre Einkaufsgewohnheiten zugunsten des Internets verändert.

Inditex reagierte darauf und hat im ersten Halbjahr in insgesamt 17 Ländern – vor allem in Europa und Südamerika – neue Onlinestores eröffnet. Damit ist die Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen. Der Versandhandel soll ausgebaut und mit den stationären Angeboten noch stärker verknüpft werden. In diesem und in den folgenden zwei Jahren will der Vorstand dafür insgesamt eine Milliarde Euro investieren.

Bei H&M, der globalen Nummer zwei, waren auf etwas kleinerer Flamme ähnliche Entwicklungen zu erkennen. Von April bis Juni verdienten die Schweden rund 200 Millionen Euro. Auch hier spielte die Kombination aus Kostensenkungen und mehr Onlinegeschäften eine maßgebliche Rolle.

Handelsverband Textil nicht so optimistisch

Die beiden Moderiesen weisen Kennziffern für das Geschäft in Deutschland nicht gesondert aus. Doch Branchenkenner sind davon überzeugt, dass der von Inditex so bezeichnete Turning Point auch hierzulande erreicht wurde. Hingegen berichtet der Handelsverband Textil (BTE), dass dem stationären Modefachhandel in Frühjahr und Sommer ein einmaliger Umsatzeinbruch beschert wurde.

Hochrechnungen zufolge gingen die Einnahmen in der mittelständisch geprägten Branche um rund ein Drittel zurück. “Boutiquen und Modehäuser haben damit im Vergleich zum Vorjahr etwa 5 Milliarden Euro Umsatz verloren”, rechnet BTE-Hauptgeschäftsführer Rolf Pangels vor. Er prognostiziert massive Verluste für das Gesamtjahr.

Die kleinen Unternehmen haben weiterhin zu kämpfen

In der Branche ist von einem erwarteten Minus von 20 Prozent die Rede. Die Unternehmen könnten immer schwerer mit den Preisen und der Geschwindigkeit der Großen mithalten. Corona habe diese Entwicklung noch einmal beschleunigt, heißt es. Ganz zu schweigen von den Aufwendungen für den Betrieb von Onlineplattformen und für die Logistik zum Versenden der Textilien, die sich viele Mittelständler nicht leisten können. Corona habe, so der BTE, das Eigenkapital und damit die Altersversorgung vieler mittelständischer Händler massiv angegriffen oder sogar aufgezehrt. “Wenn hier keine weiteren Entlastungen und Hilfen kommen, rechnen wir in den nächsten Monaten mit Tausenden Geschäftsschließungen”, betont Pangels.

Er fordert unter anderem Restriktionen beim Zuwachs der Verkaufsflächen in den Innenstädten. Auch hier ist Inditex insbesondere bei besten Lagen expansiv unterwegs. Ferner müsse es eine gute Erreichbarkeit der Läden für Pkw geben, und es brauche mehr verkaufsoffene Sonntage – dagegen stemmt sich die Gewerkschaft Verdi aber mit aller Macht. Zudem beklagt die Branche Schikanen durch Politik – etwa in Form des geplanten Lieferkettengesetzes.

In einem Brief an mehrere Minister der Bundesregierung, der dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vorliegt, schreibt Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie: “Hier wollen Sie uns entlang der gesamten Lieferketten für das Handeln Dritter weltweit in Haftung nehmen. Wir stellen uns die Frage, wie wir unter diesen Bedingungen noch am Standort Deutschland konkurrenzfähig sein sollen.”

Von Frank-Thomas Wenzel/RND

Die Modebranche scheint die Corona-Krise hinter sich gelassen zu haben. Zumindest die großen Konzerne wie H&M verbuchten im Sommerquartal wieder solide Umsätze.