Mittwoch , 28. Oktober 2020
Der Mann, der in den letzten Monaten vielfach zum Retter des deutschen Fußballs erklärt wurde, blickt mit gemischten Gefühlen auf die neue Bundesliga-Saison. “Wir fangen an, zu spielen und das ist erst mal gut”, sagt Christian Seifert. Quelle: imago images/Eibner

DFL-Chef Seifert: “Wie einst die Kirch-Pleite, war Corona ein heilsamer Schock für den Fußball”

München. Der Mann, der in den letzten Monaten vielfach zum Retter des deutschen Fußballs erklärt wurde, blickt mit gemischten Gefühlen auf die neue Bundesligasaison. “Wir fangen an, zu spielen, und das ist erst mal gut”, sagt Christian Seifert. Der Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL) bleibt aber wachsam.

Wie wacklig alles ist, zeigt das Eröffnungsspiel am Freitag (18.9.) zwischen Dauermeister Bayern München und Schalke 04. Weil am Spielort München die Corona-Neuinfektionen gerade wieder stark steigen, wird die Partie nun doch als Geisterspiel ausgetragen. Der Plan, nur ein Zehntel der in die Allianz-Arena passenden Zuschauer ins Stadion zu lassen und nicht das Fünftel, das das DFL-Konzept für die neue Saison eigentlich erlaubt, wurde kurzfristig gekippt.

“Wir fahren auf Sicht, und das wird weiter anhalten”, stellt Krisenmanager Seifert klar. Ob es auch künftig Geisterspiele ohne Publikum geben wird oder es die Lage erlaubt, die Stadien wieder zur Hälfte zu füllen, wisse niemand. Die Klubs seien deshalb angewiesen, ohne Zuschauer zu planen.

Hunderte Millionen Euro Verlust

Aber Fans sind nur eine Einnahmequelle der Sportindustrie Fußball. In der letzten bilanzierten Saison 2018/2019 sind 13 Prozent aller Bundesliga-Erlöse aus dem Ticketing gekommen. 17 Prozent haben die 36 Profiklubs der ersten und zweiten Liga mit Transfereinnahmen erlöst, je gut ein Drittel haben im Ligaschnitt Sponsoren und TV-Medienrechte beigesteuert. Summiert hat sich das auf 4 Milliarden Euro Umsatz.

Für die abgelaufene Saison 2019/2020 gibt es noch keine Bilanz. Aber einige Hundert Millionen Euro weniger dürften es gewesen sein, schätzt Seifert. Für verkraftbar hält er die Rückgänge beim Posten Medienrechte, der sich in der neuen Saison in ähnlichem Ausmaß fortsetzen dürfte. Rund 150 Millionen Euro Mindereinnahmen zeichnen sich da jeweils ab.

Sponsorenengagement hängt von der Strahlkraft des Fußballs ab

Rückgänge sieht Seifert auch bei den Transfererlösen als sicher an, wobei das durch gleichzeitig verbilligten Kauf von Spielern ausgeglichen werden kann. Keine Einschätzung wagt der DFL-Chef hinsichtlich des Verhaltens der Sponsoren und für das Ticketing. Vorige Saison hätten die Geisterspiele wohl rund 150 Millionen Euro gekostet. In der neuen Spielzeit sei man vom weiteren Verlauf der Pandemie abhängig.

Auch die Gelder der Sponsoren messen sich an Medienpräsenz. “Viele Sponsoren sind börsennotierte Unternehmen, die dürfen nicht einfach zahlen, wenn Spiele ausfallen und damit vertraglich vereinbarte Leistung nicht erbracht wird, selbst wenn sie es wollten”, betont Seifert. Auch wenn es nicht zum schlimmsten Fall einer erneuten Einstellung des Spielbetriebs kommt, könnten Sponsoren ihre Zahlungen kürzen, wenn sie den Eindruck bekommen, dass König Fußball in Corona-Zeiten an Strahlkraft verliert.

Noch keine Anzeichen von Clubpleiten

Nächsten Monat werden die Klubs gegenüber der DFL für die abgelaufene Spielzeit Bilanz ziehen. Dann wird auch klarer werden, ob Sponsoren in jedem Fall bei der Stange bleiben. In der Saison 2018/2019 haben 28 der 36 Profiklubs hierzulande schwarze Zahlen geschrieben. Die Corona-Saison 2019/2020 dürfte diese Zahl nicht erhöht haben. “Wir haben aber keine Anzeichen für eine Klubpleite”, beruhigt Seifert für den Moment.

Falls es dazu käme, würde weitergespielt, versichert er. Dafür würden schon eventuelle Insolvenzverwalter sorgen, um weiter Einnahmen zu erzeugen. Klar ist auch, dass im Fußball neuerdings andere Dinge als Meisterschaft oder Auf- und Abstieg in den Fokus rücken. Seifert kann der ungewissen Lage aber auch oder gerade deshalb etwas Gutes abgewinnen. Er vergleicht sie mit der Zeit der Kirch-Pleite 2002.

Bundesliga steht im europäischen Vergleich gut da

Leo Kirchs Medienimperium hatte damals für fast ein Drittel aller Bundesliga-Einnahmen gesorgt, die dann über Nacht weggebrochen sind. “Das war ein heilsamer Schock”, sagt Seifert im Rückblick. Mehr Kostendisziplin habe das seinerzeit ausgelöst, weshalb die deutsche Bundesliga heute finanziell besser dastehe als die meisten anderen europäischen Profiligen. Heilsam geschockt seien nun erneut alle, was sich in sinkenden Spielergehältern und Transfersummen widerspiegeln werde, sagt der DFL-Chef voraus.

Er glaubt nicht, noch einmal in den Abgrund blicken zu müssen, wie es beim Ausbruch der Pandemie und dem Einstellen des Spielbetriebs im April der Fall war. “Ich bin damals physisch und psychisch an meine Grenzen gekommen”, räumt der Krisenmanager heute ein. Zugleich habe er in der Liga einen Zusammenhalt erlebt, wie noch nie zuvor in seiner 15-jährigen Amtszeit. Das macht zuversichtlich für Kommendes. “Deutschland muss lernen, mit dem Virus zu leben.” Das ist auch Seifert klar, und natürlich gelte das auch für den Fußball: “Bei einem zweiten Lockdown müssten wir neu denken, aber diesmal wären wir vorbereitet.”

Von Thomas Magenheim/RND