Dienstag , 27. Oktober 2020
Die Zukunft des Gemüsegartens: Vertical Farming erlaubt eine wetter- und weitgehend auch flächenunabhängige Zucht von Nutzpflanzen. Quelle: Getty Images

Warum “Vertical Farming” lebenswichtig für die Weltbevölkerung werden könnte

Rund 7,8 Milliarden Menschen leben momentan auf der Erde. Bis zum Jahr 2050 werden es laut Schätzungen der Vereinten Nationen 9,7 Milliarden sein – und sie alle müssen ernährt werden. Doch je mehr Menschen es gibt, desto weniger Platz bleibt für Ackerflächen. Und auch der Klimawandel erschwert den Anbau von Lebensmitteln, wie Landwirte ihn momentan betreiben.

Dass “Vertical Farming” aktuell gegen den Welthunger helfen könnte, verneint Kristin Jürkenbeck, die an der Universität Göttingen zur Nachhaltigkeit von Lebensmitteln und Agrarprodukten forscht. “Meines Wissens können heutzutage noch keine sättigenden, kalorienreichen Lebensmittel wie Mais oder Weizen in vertikaler Landwirtschaft angebaut werden. Dadurch ist es aktuell nicht möglich, den Welthunger zu vermindern.” Jedoch: In der neuen Technologie sieht sie auch jede Menge Vorteile.

Infarm betreibt “Vertical Farming”

Beim “Vertical Farming” wachsen Salat, Tomaten oder Pilze nicht auf Ackerflächen unter freiem Himmel, sondern übereinander gestapelt in von der Außenwelt abgeriegelten Fabriken. Oder, wie im Fall des Berliner Unternehmens Infarm, gedeihen Kräuter in Regalen übereinander in Indoor-Gewächshäusern direkt im Supermarkt oder Restaurant.

“In unseren Breitengraden bietet vertikale Landwirtschaft vor allem den Vorteil der Nähe zum Endkonsumenten”, sagt Wissenschaftlerin Jürkenbeck. Es sei aber zu bedenken, dass die Investitionskosten für “Vertical Farming” hoch seien. In klimatisch benachteiligten Regionen der Welt, Jürkenbeck nennt als Beispiel die Vereinten Arabischen Emirate, könne sich so eine Investition aber lohnen. So gediehen dort Pflanzen, die auf Ackern unter freiem Himmel sonst eingingen.

LGT Lightstone investiert in Startup

Dass “Vertical Farming” ein Konzept mit Zukunft ist, daran glauben offensichtlich auch die Geldgeber. Am Donnerstag verkündete Infarm, dass das Unternehmen 170 Millionen US-Dollar in einer Finanzierungsrunde eingenommen habe. Zum größten Kapitalgeber zählt LGT Lightstone. Der Investor aus Liechtenstein ist auf nachhaltige Investitionen spezialisiert.

Mehr als 300 Millionen US-Dollar Kapital hat Infarm damit insgesamt bereits eingenommen. Momentan schätzt das Unternehmen, dass seine Indoor-Farmen eine Gesamtfläche von 50.000 Quadratmetern einnehmen. Bis in fünf Jahren will Infarm diese Fläche verzehnfachen und “das größte urban Vertical-Farming-Netzwerk der Welt” aufbauen. Das Start-up kooperiert weltweit bereits mit einigen namhaften Supermarktketten, darunter in Deutschland Aldi-Süd.

Weniger Verbrauch von Ressourcen

Doch die Konkurrenz ist groß und global verteilt. Kein Wunder: Schließlich spart vertikale Landwirtschaft jede Menge Ressourcen. 99,5 Prozent weniger Fläche und 95 Prozent weniger Wasser als die herkömmliche Landwirtschaft benötigt beispielsweise Infarm laut eigenen Angaben für die Produktion seiner Lebensmittel. Außerdem verringern sich Transportwege, wenn Indoor-Gewächshäuser direkt im Supermarkt und Gemüsefabriken mitten in der Stadt stehen.

Weil die “Vertical Farming”-Fabriken meist geschlossene Systeme sind, benötigen sie keine Pestizide. Denn Schädlinge gelangen gar nicht erst zu den Pflanzen. Bewässerung oder Temperatur steuert eine Software, die zugleich Daten darüber sammelt, wie der Anbau noch effizienter gestaltet werden kann. Geerntet wird in solchen Gemüsefabriken das ganze Jahr über, denn Jahreszeiten beeinflussen das Wachstum nicht.

“Vertical Farming” in Europa

“In Anbetracht des Klimawandels bietet die vertikale Landwirtschaft sicherlich Vorteile, da sie nicht von Wetterextremen beeinflusst wird”, sagt Nachhaltigkeitsforscherin Jürkenbeck. Jedoch, es gebe auch Nachteile: Für den Bau, die Klimatisierung und Beleuchtung der vertikalen Farmen werde viel Energie benötigt. “Ich persönlich finde, dass vertikale Farmen ein Potenzial bieten, welches genutzt werden sollte”, meint die Wissenschaftlerin.

Die Möglichkeiten von vertikaler Landwirtschaft testen neben Infarm Firmen aus der ganzen Welt. In einer ehemaligen Tiefgarage in Paris züchtet beispielsweise das Start-up Cycloponics Champignons und Endiviensalat in Bioqualität. In London wächst Salat 33 Meter unter der Erde in einem ehemaligen Luftschutzbunker. Dafür benötigten die Pioniere von “Growing Underground” 70 Prozent weniger Wasser als Landwirte, die Gemüse draußen auf dem Feld anbauen. Finanziert hatte sich das englische Start-up zunächst mittels Crowdfunding.

Konsumenten wollen natürliche Lebensmittel

Die laut eigenen Angaben weltweit größte Indoor-Farm bewirtschaftet Aero Farms in Newark, das im US-amerikanischen Bundesstaat New Jersey liegt. Erde kommt hier nicht zum Einsatz. Stattdessen werden die Wurzeln der Pflanzen mit Nährstoffen, Wasser und Sauerstoff besprüht. Statt Sonnenlicht nutzen die Pflanzen LED-Licht zur Photosynthese – ziemlich futuristisch. “Es gibt Konsumentengruppen, die eine Natürlichkeitspräferenz bei Lebensmitteln aufweisen”, räumt Forscherin Jürkenbeck ein. Solche Menschen könnten Produkte aus vertikaler Landwirtschaft ablehnen, da ihnen die Wachstumsbedingungen zu unnatürlich seien.

Schmeckt Salat aus der Fabrik anders als vom Feld? Wissenschaftlich könne Jürkenbeck sich nicht zum Geschmack von Produkten aus vertikaler Landwirtschaft äußern. Eine persönliche Einschätzung gibt sie aber: “Ich finde den Salat aus den Infarm-Gewächshäusern knackiger und frischer als vergleichbaren, ‘konventionell’ angebauten Salat.”

Weitere Firmen, die in den USA vertikale Landwirtschaft betreiben, sind Plenty in San Fransisco oder Green Spirit Living Farm in Northport. In Schweden leitet Urban Oasis Fabriken für Salat. “Wir bauen das ganze Jahr über mitten in Stockholm Blattgemüse mit künstlichem Licht, minimalem Wasserverbrauch, ohne Erde und völlig frei von Pestiziden an”, informiert das Start-up auf seiner Webseite. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Sky Greens in Singapur.

Konzept ist noch unbekannt

Auch direkt in Berlin hat Infarm einen Konkurrenten. Der heißt Ecofriendly Farmsystems und produziert Basilikum und Barsche im Stadtteil Schöneberg. Die Ausscheidungen der Fische taugen als Dünger für die Kräuter. Eine ähnliche Technik nutzt das Schweizer Unternehmen Ecco-Jäger.

Besonders bekannt ist die vertikale Landwirtschaft allerdings noch nicht, wie ein Forschungsteam aus Göttingen im vergangenen Jahr herausfand, zu dem auch Kristin Jürkenbeck gehört. Gerade einmal 7 Prozent der Befragten hatten schon einmal von diesem Konzept gehört. Allerdings: Rund die Hälfte der Studienteilnehmer gab an, sich vorstellen zu können, mittels vertikaler Landwirtschaft produzierte Lebensmittel zu kaufen.

 

 

Von Sarah Franke/RND