Dienstag , 27. Oktober 2020
Das Börsen-Aus von Rocket Internet versetzt Aktionärsschützer in Aufruhr.

„Legaler Betrug“: Was das Börsen-Aus von Rocket Internet besonders macht

Es begab sich zu der Zeit, als alle Angst hatten, dass die deutsche Wirtschaft abgehängt wird. Damals, als erkennbar wurde, wie mächtig Amazon, Google, Apple und Co wirklich sind. Doch dann betrat Oliver Samwer die Bühne. Und schwärmte mit etwas nuscheliger Stimme in Superlativen. Endlich ein richtiger Internetunternehmer. Im Oktober 2014 feierte er mit dem Slogan “We rock the internet” in Frankfurt das Börsendebüt seiner Firma Rocket Internet. Jetzt wird sie nach nur sechs Jahren schon wieder von den Kurszetteln gestrichen. Unter heftigem Protest von Aktionärsschützern, die sich verschaukelt fühlen.

Am Donnerstag wurden auf einer außerordentlichen Hauptversammlung (HV) die Details des sogenannten Delistings geklärt. Der Vorstand und der Aufsichtsrat des Unternehmens hatten den Rückzug bereits vorher beschlossen. Es besteht aber die Verpflichtung, den Anteilseignern ein Rückkaufangebot zu machen. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) wollte den Aufsichtsrat auf der virtuellen Versammlung zum Rücktritt auffordern, die Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) Samwer nach möglichen Schäden für die deutsche Aktienkultur befragen. All das dürfte am Gründer, Chef und Großaktionär von Rocket Internet abgeprallt sein – bei Redaktionsschluss war die HV noch nicht beendet.

So funktioniert das Geschäftsmodell von Rocket Internet

Die Aktionärsschützer unterstellen Samwer, der mit seiner Familie die Mehrheit an Rocket hält, ein abgekartetes Spiel zu spielen. So als würde ein gezielter Absturz der Internetrakete herbeigeführt. Das alles hat mit einem besonderen Geschäftsmodell zu tun. Das Unternehmen gründet andere Internetfirmen, die mit viel Geld und entsprechend hohen Verlusten groß gemacht werden. Haben sie eine merkliche Marktmacht erreicht, werden sie in die Börse gebracht.

So geschehen mit dem Online-Modehändler Zalando oder mit dem Mahlzeitenlieferdienst Delivery Hero – den beiden größten Erfolgen von Samwer. Delivery Hero ist kürzlich in die erste Börsenliga, den Deutschen Aktienindex, aufgestiegen, obwohl die Helden noch keinen Euro verdient haben. Auch Zalando könnte sich dort demnächst tummeln, das Unternehmen macht mittlerweile hohe Gewinne. Der Aktienkurs hat sich seit dem Börsengang im September 2014 fast vervierfacht.

Rocket Internet schreibt Verluste

Das lässt sich von der einstigen Mutter nicht sagen. Rocket Internet startete seinerzeit mit 42,50 Euro, inzwischen hat sich der Preis mehr als halbiert. Das hängt damit zusammen, dass einige Projekte, an denen Rocket noch beteiligt ist, keineswegs profitabel arbeiten – etwa der Onlinemöbelhändler Home24 oder die Global Fashion Group (ein Zalando für Schwellenländer). Unterm Strich kam bei Rocket Internet im ersten Halbjahr ein Minus von knapp 12 Millionen Euro zusammen.

Viel spannender aber ist der Verlauf der Aktie. Die brach wegen Corona zeitweise massiv ein. Das machte es aber Samwer möglich, ein aus seiner Sicht günstiges Pflichtangebot an die Aktionäre im Zuge des Delistings zu machen. Das wird nämlich laut hiesigem Recht nach dem Durchschnittskurs der vergangenen sechs Monate errechnet. Das sind gerade einmal 18,57 Euro, was bitter für Rocket-Aktionäre ist, die schon lange dabei sind. Zumal in den vergangenen sechs Jahren keine Dividenden gezahlt wurden.

Experten: Aktie ist im Moment unterbewertet

Und: Experten der Deutschen Bank haben laut Handelsblatt berechnet, dass ein faires Angebot an die Aktionäre bei etwa 40 Euro liegen würde. Das bedeutet: Die Aktie wäre im Moment unterbewertet, der tatsächliche Wert der Geldreserven, der Wertpapierbestände und der Tochterfirmen würde deutlich höher liegen. Mehrheitseigner Samwer würde also mit dem Rückkauf der Anteilscheine ein Schnäppchen auf Kosten der anderen Aktionäre machen.

Nun könnten die Anteilseigner sich theoretisch einfach weigern, ihre Papiere zurück zu geben. Aber das Delisting können sie nicht rückgängig machen. Eine Aktie, die an einer Börse nicht gelistet ist, lässt sich nur sehr schwer verkaufen, vor allem, weil es für sie keinen aussagekräftigen Preis mehr gibt. Die Anteilseigner sind also mehr oder weniger gezwungen, sich auf das Pflichtangebot einzulassen. Aus diesem Grund hat Marc Tüngler, Geschäftsführer der DSW, in Interviews von “legalem Betrug” gesprochen und davon, dass die Aktionäre “kastriert” würden. Es kursiert sogar die Spekulation, dass Samwer den Aktienkurs von Rocket Internet mit diversen Äußerungen bewusst nach unten gedrückt hat. So hat er mehrfach betont, er habe mehr Geld als Ideen – es würde also an neuen Projekten mangeln. Und auf Fragen nach einem möglichen Börsenrückzug soll er immer wieder die Dinge im Vagen gehalten haben, was Investoren verunsichert. Beobachter wie ein Kommentator der Finanznachrichtenagentur Bloomberg sehen allerdings nicht in Samwer den Schuldigen, sondern bewerten den Coup vor allem als einen weiteren Hinweis auf unzulängliche Regelwerke für den hiesigen Aktienmarkt – nach dem Desaster mit dem Zahlungsabwickler Wirecard.

Rocket Internet verabschiedet sich mit knappen Worten von der Börse

Als offizielle Begründung für den Rückzug von der Börse hat Rocket Internet knapp mitgeteilt: “Die Nutzung des öffentlichen Kapitalmarkts als Finanzierungsmöglichkeit als wesentlicher Grund einer Börsennotierung ist nicht mehr erforderlich und ein hinreichender Zugang zu Kapital ist auch außerhalb der Börse gesichert.” Dort werde es außerdem möglich, “sich unabhängig von temporären Umständen besser auf eine langfristige Entwicklung zu konzentrieren”. Zudem fällt weniger Verwaltungsaufwand an. Und die Führungsriege muss nicht mehr im Abstand von drei Monaten über die Geschäftsentwicklung berichten.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND