Ist das schon ein richtiges Auto? Mit dem überdachten Elektrovierrad Ami leistet Citroën einen ungewöhnlichen Beitrag zur Verkehrswende. Quelle: Getty Images

Citroën Ami im Test: Der rollende Würfel

Berlin. Ein Fahrzeug, nach dem sich die Menschen umdrehen, muss etwas Besonderes sein. Erst recht in einer Weltstadt wie Berlin, in der Luxuskarossen und Supersportwagen zum Stadtbild gehören wie das Brandenburger Tor und der Reichstag. Exakt dort sorgt der Citroën Ami das erste Mal für Aufsehen.

Die Damen und Herren in ihren adretten Kostümen und schicken Anzügen, die aus dem Zentrum der deutschen Politik in den Feierabend eilen, bleiben stehen, drehen sich um, staunen oder schmunzeln und fotografieren den kleinen Franzosen sogar. Hier steht er. Bescheiden, jedoch als lebender Beweis für den Beginn der Verkehrswende.

Lebender Beweis für den Beginn der Verkehrswende

Ein vierrädriges, überdachtes Elektrogefährt, das im wuseligen Großstadtdschungel genauso flott vorankommt wie die protzigen Premiumfahrzeuge mit Panzerglas – und das, obwohl der Ami bei einer Geschwindigkeit von 45 km/h abgeregelt wird. Als “perfekte Mobilitätslösung für die Stadt” preist Christopher Rux, Pressechef von Citroën Deutschland, den Citroën Ami an.

Den Citroën Ami als Auto zu bezeichnen, ist wohl etwas zu dick aufgetragen. Aus lediglich knapp 250 Einzelteilen zusammengesetzt, erscheint das 8 PS starke Elektrogefährt eher wie ein, ja, Schuhkarton auf Rädern? Ein überdachter Vierradroller oder eher ein überdimensioniertes Playmobil-Spielzeug für Junggebliebene? Immerhin darf der rollende Würfel hierzulande mit der Führerscheinklasse AM bereits ab 16 Jahren im öffentlichen Straßenverkehr bewegt werden.

Mit 16 Jahren darf man hierzulande den Ami schon fahren

Drei Bundesländer gestatten gar die freie Fahrt ab 15 Jahren. Wenn die anderen Jungs bei Nieselregen mit dem Mofa vor den Jugendklub rollen, kann sich der Ami-Fahrer großzügig als Gentleman andienen und die Dame des Herzens trockenen Fußes nach Hause bringen.

In seinem Heimatland dürfen sich bereits 14-Jährige hinters Steuer des Ami klemmen. Wobei sich Fahrer und Beifahrer gar nicht unbedingt hinein quetschen müssen. Platz ist auch in der kleinsten Hütte, selbst wenn sie beim zweitürigen Ami nur 2,41 Meter Länge aufweist.

Spartanischer Innenraum

Dafür ist der Innenraum mit seinem harten Kunststoffgestühl recht spartanisch, und so winkt der Ami-Pilot bereits etwas gequält zurück, als er nach gut einer Stunde Fahrzeit auf Berlins Prachtboulevard Unter den Linden dem freundlichen Chauffeur eines Luxusvans begegnet, der ganz betont und ernst gemeint den Daumen nach oben reckt. Diese Momente sind es dann, die einem die Einschränkungen der Verkehrswende sympathischer machen, selbst wenn der Komfort dem Rotstift zum Opfer gefallen ist.

Die Außenhaut aus durchgefärbtem Kunststoff über dem Stahlrohrrahmen ist äußerst kratzunempfindlich, betont Pressechef Rux. Französisch einparken erlaubt. Den Praxistest verkneifen wir uns. Mit seiner 5,5-kWh-Batterie kann der inklusive Akku 471 Kilogramm leichte Ami bis zu 75 Kilometer weit stromern. Dieser Aktionsradius muss reichen, dafür beträgt die Ladezeit an der heimischen 220-Volt-Steckdose lediglich drei Stunden.

Bremsen und beschleunigen wie ein Großer

Der kleine Franzose bremst und beschleunigt wie ein Großer. Nun gut, etwas stärker erfolgt der Tritt auf die Bremse schon, allein, um die eigenen Nerven zu beruhigen. Und auch die Fahreigenschaften auf unebenen Straßen entsprechen nicht unbedingt dem gewohnten Standard. Dass der Ami nicht über eine Blinkerrückstellung verfügt, ist Gewöhnungssache: geschenkt.

Und der spärliche, 63 Liter umfassende Stauraum im Beifahrerfußraum lässt auch keine Großeinkäufe zu. Ebenfalls geschenkt. Lüftung, Heizung und ein Dach über dem Kopf. Was braucht man mehr auf dem Weg zur Schule, ins Büro oder zum Café Wichtig in der Innenstadt? In Berlins Szenevierteln freut sich der Ami-Fahrer ebenso über die zahlreichen netten Gesten. Dort, wo sehen und gesehen werden eine große Bedeutung haben, ist der kleine Franzose für diesen kurzen Moment der Größte. An der grünen Ampel noch kurz warten, bis das Foto der Staunenden im Kasten ist, und weiter geht es mit dem kleinen Sympathieträger.

Der Ami kommt Ende des ersten Quartals 2021 nach Deutschland

Der im marokkanischen PSA-Werk gefertigte Ami kommt Ende des ersten Quartals 2021 nach Deutschland. Einen verbindlichen Preis gibt es noch nicht, in seiner Heimat kostet der kleine Freund ab 6900 Euro, wobei der französische Staat 900 Euro Förderung zugibt. “Ähnlich wird die Preisgestaltung auch hierzulande sein”, sagt Pressechef Rux, eine staatliche Förderung gibt es allerdings nicht. Wer mag, kann den Ami zu 100 Prozent online erstehen: konfigurieren, auswählen, bezahlen und wie ein Amazon-Paket nach Hause liefern lassen.

Eines hat das “leichte Vierrad zur Personenbeförderung”, so das Behördendeutsch, mit allen anderen Vierrädern dann aber doch gemein: Im Stau steht der Fahrer wie ein Großer. Da ziehen die Rollerfahrer bei bestem Spätsommerwetter mit luftig flatternden Klamotten locker rechts und links vorbei bis zur nächsten roten Ampel.

 

Von Markus Beims/RND