Donnerstag , 29. Oktober 2020
Für das Gesamtjahr 2020 rechnen Experten mit bis zu 18.000 Firmenpleiten in Deutschland – besonders in Unternehmen aus den Branchen Gastronomie, Touristik, Entertainment sowie Messebauer. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbil

Droht jetzt eine Insolvenzwelle? Diese Branchen sind besonders angeschlagen

Seit Anfang Oktober sind die Anmeldepflichten für insolvente Firmen hierzulande größtenteils wieder in Kraft gesetzt. Ob nun unmittelbar eine große Pleitewelle folgt, ist umstritten. Einige Experten erwarten eher einen moderaten Anstieg. Klar ist aber, dass ab sofort wieder Insolvenz anmelden muss, wer zahlungsunfähig ist und mehr als ein Zehntel fälliger Rechnungen nicht binnen drei Wochen begleichen kann.

Zahlungsunfähigkeit ist in Deutschland statistisch gesehen der bei Weitem häufigste Pleitegrund. Neun von zehn Firmen müssen deshalb zum Insolvenzgericht, das restliche Zehntel wegen Überschuldung. Nur für Überschuldung sind die Anmeldepflichten weiter bis Ende des Jahres ausgesetzt. Dennoch sind einige Branchen – nicht nur wegen der Pandemiefolgen – schwer angeschlagen. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform beispielsweise sieht vor allem Tourismus- und Veranstaltungswirtschaft sowie Gastronomie unter Druck.

Viele Händler dürften unbemerkt aus dem Markt austreten

Der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VOD) sieht auch stationäre Einzelhändler gefährdet, die schon vor dem Ausbruch der Pandemie mit Onlinekonkurrenz zu kämpfen hatten. Aber die Corona-Krise mit dem zeitweisen Einfrieren vor allem auch des stationären Handels hat einen enormen Onlineschub ausgelöst, den auch die Rücknahme vieler Corona-Restriktionen nicht mehr rückgängig macht.

Das kann zwar demnächst in Deutschland zu einem Händlersterben führen, muss sich aber nicht zwangsläufig in den Insolvenzstatistiken widerspiegeln. VID-Chef Christioph Niering erklärt das mit stillem Marktaustritt. Darunter versteht man Ausverkauf mit anschließender Geschäftsaufgabe, wofür vor allem Handelsgeschäfte prädestiniert sind. Insolvenz muss man dazu nicht anmelden.

Bei Reisebüros, Hotels oder Kneipen sowie in der Veranstaltungswirtschaft funktioniert das überwiegend nicht. Hier ist die klassische Insolvenz der übliche Weg des Sterbens. In diesen Bereichen macht Creditreform auch einen massiven Anstieg der Zahlungsziele aus, was vielfach drohende Zahlungsunfähigkeit signalisiert.

Weniger Firmenpleiten während der Corona-Krise wegen ausgesetzter Anmeldepflicht

Creditreform ist auch pessimistischer als beispielsweise Niering und fürchtet demnächst ein deutliches Anschwellen der Firmenpleiten speziell in diesen Bereichen. Niering sagt eher einen gemäßigten Anstieg voraus. Grund sei auch, dass Firmen bis zur letzten Minute vielfach noch auf weitere Staatshilfen warten, die eine Insolvenzanmeldung hinfällig machen könnten. Schließlich wird nächstes Jahr in Deutschland gewählt. Da kann die Politik keinen Pleitentsunami brauchen. Außerdem seien derzeit auch Finanzämter zurückhaltend beim Eintreiben fälliger Steuern, um nicht für das Auslösen einer Pleitewelle verantwortlich zu werden. Einig sind sich aber alle Experten, dass sich jetzt wieder der Insolvenzverschleppung schuldig macht, wer zahlungsunfähig wird und das nicht meldet.

In den letzten Monaten war die Zahl der Firmenpleiten trotz Corona so niedrig wie nie, weil Anmeldepflichten ausgesetzt waren. Allein im August hatte das Statistische Bundesamt fast 40 Prozent weniger Insolvenzen gezählt. Schon das erste Halbjahr hatte ein Minus von 6 Prozent auf nur noch gut 9000 insolvente Firmen gebracht. Dabei war 2019 mit knapp 19.000 Firmeninsolvenzen schon ein ausgesprochen pleitearmes Jahr gewesen. Der bisherige Höchststand war 2003 mit gut 39.000 Pleiten erreicht worden.

Von Thomas Magenheim/RND