In der absoluten Minderheit: Noch immer planen Vorstände von Dax-Konzernen ohne Frauen. Quelle: Christophe Gateau/dpa

Dax-Konzerne machen Rückschritte bei der Frauenquote in Toppositionen

Stuttgart. Der Frauenanteil in den Führungspositionen der deutschen Dax-Konzerne ist erstmals seit zwei Jahren wieder gesunken. Zum Stichtag per 1. September 2020 saßen in den 30 Dax-Konzernen gerade einmal 23 Managerinnen im Vorstand. Im Vorjahr waren es noch 29 Frauen. Der Anteil weiblicher Führungskräfte im Vorstand sank damit von 14,7 auf 12,8 Prozent, so eine aktuelle Untersuchung der gemeinnützigen Allbright-Stiftung, die sich für mehr Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft einsetzt.

Verkleinerung der Vorstände

Die Anzahl der DAX-Unternehmen, die ohne eine einzige Frau im Vorstand sind, kletterte von sechs im Vorjahr auf elf Unternehmen.

Auf Sicht aller 160 deutschen börsennotierten Unternehmen in DAX, MDAX und SDAX war deren Vorstand mit 603 Männern und 68 Frauen besetzt. Damit ist die Anzahl der Frauen fast unverändert, im Vorjahr arbeiteten 66 Frauen in den Vorständen. Dennoch beträgt der Männeranteil weiterhin rund 90 Prozent, der leichte Zuwachs von 0,8 Prozentpunkten beim Frauenanteil erklärt sich vor allem aus einer Verkleinerung der Vorstände im Krisenjahr (671 Vorstandsmitglieder gegenüber 707 im Vorjahr), so die Studie weiter.

Zwar sind die Vorstände der 30 großen DAX-Konzerne schon internationaler und weiblicher als die der kleinen und mittleren Börsenunternehmen, doch ihr Männeranteil beträgt noch immer rund 87 Prozent.

Im Aufsichtsrat ist die Frauenquote besser

Bei den Aufsichtsratssitzen ist derweil die Frauenquote deutlich besser. In den Aufsichtsräten der 160 deutschen Börsenunternehmen saßen im September 2020 insgesamt 551 Frauen und 1164 Männer, das entspricht einem Frauenanteil von 32,1 Prozent.

Einen leichten Zuwachs gab es der Studie zufolge bei der Anzahl der Unternehmen, die bereits einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent im Aufsichtsrat erreicht haben: Sie ist von 34 im Vorjahr auf nun 37 angestiegen. Insgesamt acht Unternehmen haben eine weibliche Aufsichtsratsvorsitzende, im Vorjahr waren es jedoch noch neun.

Der durchschnittliche Vorstand ist Jahrgang 1967 und Wirtschaftswissenschaftler

Laut der Allbright-Untersuchung ist das durchschnittliche Vorstandsmitglied zu 77 Prozent deutscher Staatsbürger, im Jahr 1967 geboren und hat zu 67 Prozent seine Ausbildung in Deutschland gemacht. 52 Prozent der Vorstände sind studierte Wirtschaftswissenschaftler beziehungsweise zu 24 Prozent Ingenieure.

Während in Deutschland der Frauenanteil zurückging, haben im internationalen Vergleich Länder wie Frankreich, Großbritannien, Polen, Schweden und die USA den Frauenanteil in den Vorständen konsequent ausgebaut. In den genannten Ländern sind laut der Untersuchung Vorstände mit mindestens 2 Frauen längst Alltag: 97 Prozent der amerikanischen und 87 Prozent der französischen Großunternehmen haben mehrere Frauen im Vorstand.

“Den Firmen in diesen Ländern gelingt es viel besser, weibliche Talente zu befördern – ein dringend notwendiger Modernisierungsschub, der den deutschen Unternehmen fehlt. Das ist ein strategischer Nachteil für den Standort Deutschland, der alarmieren sollte”, so Wiebke Andersen, Geschäftsführerin der Allbright-Stiftung.

Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher

Dass es besser geht, zeigen direkte Vergleiche deutscher Firmen mit ihren internationalen Wettbewerbern: Während der nach außen augenscheinliche hippe Adidas-Konzern keine einzige Frau in Toppositionen hat, sind es beim US-Konkurrenten Nike 27 weibliche Angestellte. Auch der Chiphersteller Infineon wartet mit einer Quote von Null auf, sein amerikanischer Wettbewerber Intel hat 29 Frauen in Toppositionen angestellt.

Deutschland ist außerdem das einzige Land im Vergleich, in dem kein einziges Großunternehmen von einer Frau geführt wird oder einen Frauenanteil von 30 Prozent im Vorstand erreicht.

Auch die Organisation Frauen in die Aufsichtsräte (Fidar) forderte zuletzt einmal mehr eine Ausweitung der verpflichtenden Quote in Aufsichtsräten auf börsennotierte oder mitbestimmte Unternehmen. "Das wäre der Hebel, um deutlich mehr Breitenwirkung zu erzielen und weit mehr Frauen in Führungspositionen zu holen“, sagte Fidar-Chefin Monika Schulz-Strelow .

Telekom und SAP stechen heraus

Aber es gibt zumindest einen kleinen Lichtblick. Zwei Dax-Konzerne werden in Kürze erstmals einen 33-prozentigen Frauenanteil im Vorstand erreichen: Die Deutsche Telekom im November 2020 und SAP im Januar 2021. Ob es in naher Zukunft weitere Unternehmen geben wird, die dieses anstreben, darf erst einmal bezweifelt werden:

Letztlich sind die 160 Unternehmen in DAX, MDAX und SDAX zwar gesetzlich verpflichtet, feste Zielgrößen für die Steigerung des Frauenanteils in ihren Vorständen zu veröffentlichen. Es gibt aber eine große Zahl (55 von 160) an Unternehmen, die laut eigener Veröffentlichung ausdrücklich das Ziel “null Frauen” rausgeben. Zu solchen Unternehmen gehören auch vier Dax-Konzerne: Delivery Hero, Deutsche Wohnen, HeidelbergCement und RWE planen im Jahr 2020 noch immer mit null Frauen.

Von Christoph Scherbaum/RND