Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, nimmt während einer Präsentation der Zwischenbilanz zum "Strategiedialog Automobilwirtschaft BW" an einer Pressekonferenz teil (Archivbild). Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Daimler-Chef Källenius beim Mobilitätskongress: “Die Zukunft wartet nicht auf uns”

Duisburg. Bedeutender könnte die Frage kaum sein, die sich der Thinktank “Neuland” auf die Fahnen geschrieben hat: Wie sollte der Weg in eine ökologisch und ökonomisch nachhaltige Zukunft am besten aussehen?

Rund um diese Frage ging es denn auch an den beiden vergangenen Tagen in Duisburg beim Kongress “Neuland 2020”, den der Zusammenschluss aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen jährlich abhält. Gäste aus Politik, Wissenschaft und Industrie diskutierten teils vor Ort, teils virtuell Innovationen und Lösungsansätze für die Herausforderungen der Zukunft. Vor allem Nachhaltigkeit, Klimawandel und Digitalisierung standen dabei im Mittelpunkt.

Das erklärte Ziel von “Neuland” ist es, eine Plattform für Vordenker aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu schaffen. Und so standen auf der Rednerliste nicht nur etliche Wissenschaftler, sondern auch Spitzenpolitiker wie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), Grünen-Chef Robert Habeck oder EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans (europäische Sozialdemokraten) und Topmanager wie Daimler-Chef Ola Källenius und der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing.

Wie kann Deutschland seinen technologischen Rückschritt aufholen?

Im Duo stellten sich die beiden Konzernchefs der Debatte, warum Deutschland beim technologischen Fortschritt im internationalen Vergleich an Bedeutung verloren hat. Und wie dieser Rückstand aufgeholt werden kann. Letzteres beantwortet der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, mit gezielten Strukturänderungen und -investitionen. “Ich glaube nicht, dass wir total abgehängt sind”, sagt er. Jedes Unternehmen müsse seine Stärken definieren und darauf den Fokus legen.

Schlüsselworte in der Diskussion sind strategische Zielsetzung, Schnelligkeit und Mut, neue Wege zu gehen. Beide Chefs appellieren an ein “Zusammenwachsen” der europäischen Staaten, um im internationalen Wettbewerb ein stärkeres Europa zu werden. “Ansonsten nimmt man uns nicht ernst”, sagt Daimler-Chef Ola Källenius.

Trotzdem blickt die Welt momentan in Richtung USA, vor allem zu Tesla. Was tut Daimler dafür, als Global Player auf dem internationalen Markt mitzuhalten? “Transformation” lautet Källenius' Antwort. Er setzt auf Kooperation mit Experten aus dem Silicon Valley, um sich die fehlende Expertise anzueignen. Kombiniere man diese mit den Stärken der deutschen Automobilindustrie – dazu zählt er Qualität, Langlebigkeit und Sicherheit – läge man im Vorteil bei E-Mobilität.

Nicht anders sieht es bei der Digitalisierung aus. Auch dort blicken viele eher in die USA oder nach China. Der Deutschen Bank wird dagegen immer wieder vorgeworfen, die Digitalisierung verschlafen zu haben. Zumindest im Hinblick auf Bezahlplattformen. Das habe Anbietern wie Alipay aus China und Apple Pay aus den USA den Weg geebnet, Fuß zu fassen am europäischen Markt. Die Deutsche Bank arbeite inzwischen an einer digitalen Bezahlplattform, sagt Sewing. Dazu sei der Konzern eine Kooperation mit Google eingegangen. Er verteidigt sich damit, dass die Bezahlplattformen in Deutschland nicht die schnellsten, dafür aber vielleicht die besseren sein werden.

Sewing: Deutsche Bank will bei Nachhaltigkeit herausragende Rolle spielen

Und welche Aufgaben haben Banken bei der Gestaltung der zukünftigen Wirtschaft? In seinem 15-minütigen separaten Interview sieht Sewing die zentralen Punkte auch hier wieder in der Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Auf die Frage, wie Sewing die Verantwortung der Deutschen Bank für globale Entwicklungen wahrnehme, antwortet er vage: Ohne Geld keine Transformation; große Verantwortung, kleine Klassen.

In diesem Stil führt er das Interview fort: Was bremst die Profitabilität europäischer Banken? “Die Antworten würden die Leute langweilen”, winkt Sewing ab.

Und was sagt er zu den regulatorischen Unterschieden zwischen europäischen und amerikanischen Banken, die sich als nachteilig für die europäischen herausstellten? “Mehr Regulierung war notwendig, um die Banken in Europa robuster zu machen.”

Dafür will die Deutsche Bank aber in Sachen Nachhaltigkeit eine herausragende Rolle am Weltmarkt spielen. Sämtliche Unternehmensabläufe sollen nachhaltig transformiert werden. Dazu müsse man aber die gesamte Wertschöpfungskette umstellen. ““Die Deutsche Bank verfügt zurzeit über ein Kreditbuch von 430 Milliarden Euro”, sagte Christian Sewing. Er geht davon aus, dass die Bank im Jahr 2025 einen Anteil dieser Summe in nachhaltige Finanzierung setzen. “Wir wollen die Umstellung der Wirtschaft konkret finanzieren.”

Auf die Frage, ob Banking selbst langfristig komplett nachhaltig sein kann, antwortet er entschieden: “Es muss”. Zum Abschluss verweist der CEO noch darauf, dass sich Wirtschaft und Politik in Berlin und Brüssel besser vernetzen müssen.

Källenius: Covid-19 als Beschleuniger der Transformation

Wobei Politik und Wirtschaft ebenso gemeinsam handeln müssen, ist die Transformation der Automobilindustrie. Wie diese aussehen kann – darüber spricht Källenius in seinem Vortrag. Sie bestehe grundlegend aus der Dekarbonisierung (CO₂-Reduktion) und Digitalisierung. Diesen Wandel nennt Källenius einen “fundamentalen Systemwechsel". Konkret, sagt er, will der Daimler-Konzern bis 2039 CO₂-neutral sein. Dass dieses Klimaziel nach außen nicht sonderlich ambitioniert wirkt, ist ihm klar. Er ergänzt, dass es von der Science-Based-Targets-Initiative (SBTI) wissenschaftlich geprüft worden und mit dem Pariser Klimaabkommen konform sei.

Aber was tun Daimler und Mercedes Benz, um die Dekarbonisierung zu beschleunigen? “Der Fokus schwenkt jetzt um auf Elektrifizierung”, sagt der Konzernchef. Außerdem solle bis Ende 2022 die weltweite Pkw-Produktion beim Konzern CO₂-neutral sein.

“Dekarbonisierung muss man holistisch denken”, so Källenius. Daher solle die gesamte Wertschöpfungskette frei von Treibhausgasen werden. Der Konzern plane eine CO₂-neutrale Produktion als Vergabekriterium für Zulieferer. Dekarbonisierung baue Källenius zufolge auf drei fundamentalen Säulen auf: Transformation der Infrastruktur, Transformation der Industrie und Energiewende. “Wir kümmern uns ums Produkt, der Rest ist Aufgabe der Politik”, sagte er.

Auch auf die Digitalisierung kommt Källenius noch zu sprechen. Kernpunkt dabei sei die Digitalisierung der Transaktion bei einem Autokauf. Man wolle den Vertrieb für Kunden bequemer machen. Derzeit seien Menschen noch zurückhaltend beim Onlinekauf eines Pkw. Doch er ist sich sicher: Diese Hemmschwelle wird in den kommenden Jahren fallen.

Als “Beschleuniger und Katalysator” der Transformation sieht Källenius zudem die Corona-Pandemie. Sie sei eine Chance für die Industrie, die es zu ergreifen gelte. “Die Zukunft wartet nicht”, sagt der Konzernchef.

Von Sabrina Lösch/RND