Der Nutri-Score ist eine farbliche Nährwertkennzeichnung, die Verbrauchern eine schnelle Entscheidungshilfe beim Einkaufen bieten soll. Quelle: Patrick Pleul/zb/dpa

Nutri-Score: Wann kommt er, und wie wird er berechnet?

Hannover. Das Interesse an einer gesunden Ernährungsweise ist in Deutschland hoch. Im Ernährungsreport der Bundesregierung aus dem Jahr 2019 gaben 91 Prozent der Befragten an, dass ihnen gesundes Essen wichtig sei. Damit einher geht der Wille, beim Einkaufen auf Nachhaltigkeit zu achten. Der Trend setzt sich fort. Im aktuellen Report sagen 83 Prozent der Befragten, dass ihnen die Herkunft des Lebensmittels (sehr) wichtig sei. Gerade in der Corona-Krise habe zudem die Wertschätzung für Lebensmittel und diejenigen, die sie produzieren, zugenommen, so Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) bei der Vorstellung des Ernährungsreports 2020 im Mai.

Um dem gestiegenen Bewusstsein für eine gesunde Ernährungsweise gerecht zu werden, hat die Bundesregierung die Einführung des sogenannten Nutri-Scores auf den Weg gebracht. Was Verbraucher über das Nährwert-Label wissen müssen, fassen wir hier zusammen.

Was ist der Nutri-Score?

Der Nutri-Score ist ein System zur Kennzeichnung des Nährwertinhaltes eines Lebensmittels. Dabei weisen Buchstaben (A bis E) und Farben (Dunkelgrün, Hellgrün, Gelb, Orange, Rot) Verbraucher darauf hin, wie gut oder schlecht das Lebensmittel im Hinblick auf seine Nährstoffe und seinen Kaloriengehalt abschneidet. Der Nutri-Score soll es einfacher machen, die Nährwerteigenschaften eines Fertigproduktes auf einen Blick zu erfassen und mit denen anderer Produkte zu vergleichen.

Produkte mit günstigen Nährwerteigenschaften erhalten eine grüne Einordnung und den Buchstaben A oder B, weniger vorteilhafte Produkte werden gelb, orange oder rot und mit den Buchstaben C, D oder E versehen.

Ab wann gibt es den Nutri-Score auf Produkten in Deutschland?

Bevor Hersteller in Deutschland die Nährwertampel freiwillig auf ihre Produkte drücken können, braucht es die Zustimmung von Kabinett, Bundesrat und EU-Kommission. Nach der Zustimmung im Bundesrat am Freitag, 9. Oktober, soll der Nutri-Score ab November in Deutschland starten.

Wie funktioniert der Nutri-Score?

Für den Nutri-Score werden die Mengen verschiedener Nähr- und Inhaltsstoffe in einem Lebensmittel miteinander verrechnet. Als Portionsgröße dienen 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter eines Produktes. Für günstige Bestandteile wie Obst, Gemüse, Ballaststoffe oder Proteine gibt es Minuspunkte, Pluspunkte erhalten Produkte, wenn sie viel Zucker, Salz, Kalorien oder gesättigte Fettsäuren beinhalten. Je weniger Punkte ein Lebensmittel erhält, desto besser sein Nutri-Score.

Angaben zu einzelnen Bestandteilen macht der Nutri-Score nicht. Das neue Logo ist daher eher als Ergänzung für die EU-weit verpflichtende Nährwerttabelle zu sehen, die meist auf der Rückseite von Produktverpackungen steht.

So berechnet sich der Nutri-Score für feste Lebensmittel:

Punkte

Nutri-Score

-15 bis 1

A (Dunkelgrün)

0 bis 2

B (Hellgrün)

3 bis 10

C (Gelb)

11 bis 18

D (Orange)

19 und mehr

E (Rot)

So berechnet sich der Nutri-Score für Getränke:

Punkte

Nutri-Score

Wasser

A (Dunkelgrün)

-15 bis 1

B (Hellgrün)

2 bis 5

C (Gelb)

6 bis 9

D (Orange)

10 und mehr

E (Rot)

Wer hat den Nutri-Score entwickelt?

Das Nutri-Score-System wurde in Frankreich entwickelt und ist als Unionsmarke in allen EU-Mitgliedsstaaten geschützt. Für die wissenschaftliche Expertise sind Ernährungswissenschaftler aus Großbritannien und Frankreich zuständig. Als Vorlage dient ein ähnliches Ampelsystem aus Großbritannien.

Ist der Nutri-Score für Hersteller verpflichtend?

Nein. Die Kennzeichnung von Produkten mit dem Nutri-Score ist freiwillig, da geltendes EU-Recht eine national verpflichtende Nährwertkennzeichnung, die über die existierende Kennzeichnungspflicht hinausgeht, nicht vorsieht. Eine vereinfachte, erweiterte Kennzeichnung, wie sie der Nutri-Score darstellt, ist daher nur als staatliche Empfehlung erlaubt.

Nutri-Score: Welche Hersteller kennzeichnen ihre Produkte?

Einige Lebensmittelhersteller haben bereits angekündigt, ihre Produkte mit dem Nutri-Score zu kennzeichnen oder tun dies bereits. Dazu gehören etwa Bonduelle, Danone, Iglo, Agrarfrost und Harry-Brot. Auch die Supermarktketten Aldi, Lidl und Rewe wollen die Nährwertampel für einige Eigenprodukte einführen.

Wo gibt es den Nutri-Score bereits?

In Frankreich, wo es den Nutri-Score bereits seit 2017 gibt, wird das Nährwertlogo überwiegend positiv aufgenommen. Auch in Belgien ist der Nutri-Score auf Produktverpackungen teilnehmender Hersteller zu finden. Als erstes EU-Land führte Großbritannien 2013 eine Ampelkennzeichnung für Lebensmittel ein, allerdings auf Grundlage eines anderen Bewertungssystems. Auch in Spanien, Portugal, der Schweiz und Luxemburg kommt das Label zum Einsatz.

Wie sinnvoll ist der Nutri-Score?

Die Reaktionen auf den Nutri-Score fallen in Deutschland unterschiedlich aus. Skeptisch bis ablehnend zeigen sich vor allem der Lebensmittelverband Deutschland und Teile der Lebensmittelindustrie. So hat der Lebensmittelverband “Zweifel, dass bewertende Systeme geeignete Modelle für eine vereinfachte Nährwertkennzeichnung sind”. Eine “sinnvolle Bewertung” könne nur unter Berücksichtigung “auf das gesamte Ernährungsverhalten am Tag, nicht aber für ein einzelnes Produkt erfolgen”. Erwartbare Kritik kommt zudem von Herstellern von Süßwaren und Softdrinks, darunter Coca-Cola, Pepsi und Mondelez, deren Produkte überwiegend schlechte Noten bekämen.

 

Demgegenüber gibt es breite Zustimmung von Verbraucherschützern und Medizinverbänden. Gerade vor dem Hintergrund zunehmenden Übergewichts, Fettleibigkeit und Diabeteserkrankungen in der Bevölkerung erscheine eine zusätzliche Kennzeichnung gesunder Lebensmittel sinnvoll. Nicht zuletzt Kinder und Jugendliche würden von einer simplen Bewertung profitieren. Zudem belegen französische Studien, dass der Nutri-Score tatsächlich zu einem veränderten Kaufverhalten führt.

Laut Statistischem Bundesamt ist mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland übergewichtig, ein Anstieg um 3 Prozent seit der letzten Erhebung im Jahr 2005. Auch die Zahl der Diabetiker hat zugenommen. Laut aktuellem Diabetes Atlas der International Diabetes Foundation (IDF) wird die Zahl der an Diabetes erkrankten Erwachsenen in Deutschland auf 9,5 Millionen geschätzt. Damit gehört Deutschland zu den zehn Ländern mit der höchsten absoluten Zunahme der Diabetesprävalenz.

 

Von Patrick Fam/RND