Teilnehmer stehen im Rahmen eines Verdi-Warnstreiks bei einer Kundgebung auf dem Hamburger Rathausmarkt. Dabei hält ein Mann ein Schild mit der Aufschrift „Wir sind Helden? Bezahlt uns entsprechend!“. Quelle: Bodo Marks/dpa

Was wurde aus den Versprechen für die „Corona-Helden“?

Berlin. Wann genau hörten die Menschen eigentlich auf zu klatschen? Wochenlang war der Applaus für die „Corona-Helden“ im Frühjahr zu hören gewesen. Pünktlich um 21 Uhr schallte es deutschlandweit aus offenen Fenstern und von Balkonen. Ein Zeichen der Wertschätzung für Menschen, die in Berufen arbeiten, die, so hieß es oft, an vorderster Front gegen das Virus kämpften.

„Systemrelevant“ war das Wort dieses Corona-Frühlings. Selbst der Deutsche Bundestag erhob sich geschlossen, um den Heldinnen und Helden dieser Wochen zu applaudieren. Mit den sinkenden Infektionszahlen im Frühsommer jedoch wurde das Klatschen immer leiser. Schließlich verstummte es.

„Danke, dass Sie da sind und für Ihre Mitbürger buchstäblich den Laden am Laufen halten“, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende März noch in ihrer Fernsehansprache gesagt. Es wurde viel darüber debattiert, die systemrelevanten Berufe seien zu schlecht bezahlt, man müsse sie mehr wertschätzen – auch finanziell. Nun fordert genau das die Gewerkschaft Verdi in ihren Tarifverhandlungen für knapp 2,3 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Doch den Applaus aus dem Frühling in materielle Wertschätzung zu übersetzen erweist sich als schwierige und zähe Aufgabe. Ein guter Anlass, um nachzuschauen, was aus den Versprechen des Frühjahrs geworden ist.

1. Krankenpfleger

Unter erheblichem persönlichen Risiko versorgen Pflegekräfte Covid-19-Patienten, bedienen Beatmungsgeräte und halten den Krankenhausbetrieb am Laufen. Nun soll das Engagement dieser Menschen durch eine einmalige und steuerfreie Prämie in Höhe von bis zu 1000 Euro honoriert werden. Kritik kommt aus der Opposition, denn es werden nur Krankenhäuser mit mehr als 20 Covid-19-Fällen bei der Vergabe der Prämie berücksichtigt.

„Für die einzelne Pflegefachperson ist es allerdings irrelevant, ob in ihrem Krankenhaus nun 18 oder 25 Fälle bis zum 31. Mai versorgt wurden“, sagt die pflegepolitische Sprecherin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Auch die aktuellen Corona-Fälle würden nicht berücksichtigt. Nicht in der einmaligen Auszahlung von Prämien, sondern in einer langfristig angemessenen Entlohnung zeige sich die Anerkennung für diese gesellschaftsrelevante Berufsgruppe, so die Grünen-Politikerin weiter.

Verdi fordert im Rahmen der derzeit laufenden Tarifverhandlungen eine Lohnerhöhung von 4,8 Prozent. 3,5 Prozent bietet derzeit die Arbeitgeberseite. Zuzüglich soll es eine monatliche Pflegezulage von 50 Euro geben, die Intensivzulage soll von derzeit 46 Euro auf 96 Euro verdoppelt und die Wechselschichtzulage von 105 auf 155 Euro um knapp die Hälfte erhöht werden. „Durch den Arbeitgebervorschlag können Pflegekräfte und Beschäftigte in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen allein durch Schaffung und Erhöhung von Zulagen mit bis zu 150 Euro im Monat, also 1800 Euro mehr pro Jahr rechnen“, teilte eine Sprecherin des zuständigen Bundesinnenministeriums dem RND mit.

2. Altenpfleger

Auch Beschäftigte in der Altenpflege sollen je nach Art und Umfang ihrer Tätigkeit eine Corona-Prämie in Höhe von bis zu 1500 Euro erhalten. Zudem umfassen die derzeitigen Tarifverhandlungen der Gewerkschaft Verdi die Forderung nach einem Branchentarif für die Altenpflege. Da sich viele kommerzielle Träger Tarifverträgen verweigerten, würde ein einheitlicher Branchentarif für eine flächendeckend bessere Bezahlung und somit höhere Attraktivität des Berufs allgemein sorgen. Das Bundesarbeitsministerium teilte dem RND mit, es begrüße derlei Bemühungen.

3. Müllabfuhr

In Corona-Zeiten gibt es viel zu tun für die Müllabfuhr. „Die Beschäftigten in der Abfallwirtschaft waren und sind in besonderer Weise gefordert. Während des Lockdowns kamen dabei mehrere Faktoren zusammen“, sagt Jan Jurczyk, Sprecher der Gewerkschaft Verdi. So sei die Arbeitsbelastung deutlich höher als sonst. Zudem habe sich der Anteil des Feuchtmülls seit Beginn der Pandemie erhöht. „Das heißt, bei gleichzeitig ausgedünnter Schichtbesetzung mussten größere Lasten durch die einzelnen Beschäftigten bewältigt werden“, erklärt Jurczyk.

Im Zentrum der Debatte um die systemrelevanten Berufe standen die Beschäftigten der Abfallwirtschaftsbetriebe nie, das will die Gewerkschaft Verdi mit ihren Tarifforderungen für den öffentlichen Dienst nun ändern. Die Forderung nach einer Lohnerhöhung von mindestens 150 Euro sei dem Verdi-Sprecher zufolge deshalb entscheidend.

Denn von der Lohnanhebung würden besonders die Beschäftigten in den unteren Einkommensgruppen der Abfallwirtschaft profitieren. Zur Abmilderung der Belastung durch die Corona-Krise hat die Arbeitgeberseite, vertreten durch das BMI und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), zudem eine Corona-Sonderzahlung in Höhe von 300 Euro angeboten, die allen Beschäftigten im öffentlichen Dienst zusätzlich zum Arbeitsentgelt im Dezember gewährt werden soll.

4. Erzieher

Heftig sei die Situation seit März in den Kindertagesstätten, berichtet Elke Alsago, Referentin des Verdi-Bundesvorstands: „Wir müssen das Personal schützen und gleichzeitig einen pädagogischen Betrieb aufrechterhalten.“ Zu Beginn der Corona-Pandemie habe es nicht einmal ausreichend Schutzmaterialien gegeben.

In Nordrhein-Westfalen etwa wurden Bastelsets mit Masken zum Selbermachen an Kitas verschickt. Von den derzeitigen Tarifverhandlungen profitieren die Erzieherinnen überdies auch nicht, denn die Tarifrunde für die Sozial- und Erziehungsberufe wurde im März abgebrochen – wegen Corona. Wann die Verhandlungen fortgesetzt werden, steht noch nicht fest.

5. Supermarktkassierer

Besonders in Zeiten steigender Infektionszahlen waren und sind Beschäftigte im Lebensmittelhandel großen Herausforderungen ausgesetzt. Sie haben die wichtige Aufgabe, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Stefan Hertel vom Handelsverband Deutschland (HDE) freut sich, dass vielen Menschen im Zuge der Corona-Krise die Leistung der Branche erstmals bewusst geworden sei. So hatte auch die Bundesregierung eine Sonderprämie in Höhe von bis zu 1500 Euro für die Beschäftigten ermöglicht.

Dennoch sagt Hertel: „Wir brauchen mehr gesellschaftliche Wertschätzung für die Tätigkeiten im Einzelhandel.“ Oft sei noch nicht bekannt genug, dass man mit einer Ausbildung in der Branche hervorragende Karriereaussichten habe. Ein Problem sei die oft einseitige Beratung an Schulen und in Berufsberatungen, die Berufsanfängern meist eine akademische Karriere nahelege.

Doch: Mehr als 80 Prozent der Führungskräfte im Handel hätten Hertel zufolge einmal mit einer Ausbildung begonnen, das sei den meisten Menschen jedoch nicht bewusst. Würde diese Erkenntnis mehr in der Gesellschaft wahrgenommen werden, würden Berufe im Einzelhandel endlich die ihnen zustehende Wertschätzung erfahren, ist Hertel sich sicher.

Von Rebecca Lessmann/RND