Willkommen, BER: Die beiden ersten Jets am neuen Hauptstadtflughafen in Begrüßungsposition. Quelle: Getty Images

Ein grauer Tag am BER – keine Feierstimmung zur Eröffnung

Berlin. Die vorerst letzte Panne am Berliner Hauptstadtflughafen BER geschieht direkt zur Eröffnung. Schuld ist diesmal weder die Politik noch sind es die Baufirmen. Schuld ist einzig und allein das Wetter.

Denn in Brandenburg präsentiert sich der Himmel grau und wolkenverhangen zur Eröffnung dieses grauen Airports draußen vor der großen Stadt.

Zeitgleich mit einer Easyjet-Maschine aus Berlin-Tegel sollte ein Lufthansa-Airbus aus München auf einer anderen Landebahn aufsetzen. Wegen des wolkenverhangenen Himmels scheitert das.

Beide Jets setzen kurz nacheinander auf, Easyjet zuerst, Lufthansa als zweite, und rollen zum Terminal.

An Deutschlands modernstem Großflughafen aber, dem zweiten Drehkreuz der Lufthansa neben Frankfurt, ist strahlendes Herbstwetter.

In München, denn von welch anderem Ort sollten wir hier reden, warten Journalisten und Vielflieger auf den Airbus A320neo, der den Erstflug absolvieren soll.

Hier am Lieblings-Airport der Lufthansa steht Airline-Chef Carsten Spohr kurz vor dem Einsteigen in den Jet. „Hauptstadtflieger“ prangt als Schriftzug auf dem Airbus. Es ist eine Erinnerung an den „Siegerflieger“, mit dem die Lufthansa 2014 die deutschen Fußball-Weltmeister aus Brasilien nach Berlin flog.

Die Nationalmannschaft ist danach leistungsmäßig im Boden versunken, der internationale Luftverkehr auch, und einen Direktflug Berlin–Rio wird es wohl ohnehin nie geben.

Spohr spricht von der Historie, von Berlin als Gründungsort der Lufthansa 1926, von der Zeit des Kalten Krieges, als Berlin für die Linie tabu war. Und dann warnt er vor überzogenen Erwartungen an den BER.

Auch die Drehkreuze in Deutschland hätten sich „historisch entwickelt“, in Frankfurt und eben in München, sagt der Lufthansa-Chef. Die führende deutsche Airline-Familie plant nach dem Ende der Corona-Beschränkungen mit täglich 400 Flugbewegungen in Berlin – mehr gab es auch zu Tegel- und Schönefeld-Zeiten nicht.

Interkontinentalflüge oder gar ein drittes Drehkreuz für die Kranich-Linie? Spohr winkt ab.

Auch der Luftfahrtkoordinator der Bundesregierung, Thomas Jarzombek (CDU), begrüßt zwar die Eröffnung des BER, sieht für den Hauptstadtflughafen aber enge Grenzen. „Der BER wird mittelfristig zunächst das leisten müssen, was Tegel und Schönefeld in den vergangenen Jahren nur unter größeren Mühen und chaotischen Zuständen hinbekommen haben: den Flugverkehr in der deutschen Hauptstadt zu gewährleisten“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Dass aus dem BER mehr wird, ein drittes deutsches Drehkreuz nach Frankfurt und München, sehe ich zunächst eher nicht.“

Verabredung über Fürstenwalde

In München kommt jetzt „der Berliner“ um die Ecke: Peter Etzrodt, 55, Flugkapitän. Mit dem BER hat er gemein, dass er aus Brandenburg kommt, in der Ferne aber als Hauptstädter wahrgenommen wird. Deswegen ist er prädestiniert dafür, den Erstflug zu steuern.

Etzrodt hat eine spannende Geschichte: In der DDR durfte der passionierte Segelflieger zeitweise nicht in die Luft gehen, weil seine damalige Freundin eine Oma im Westen hatte und das für die Stasi reichte, Fluchtgefahr anzunehmen.

Aber die Geschichte muss warten, denn Etzrodt, Spohr und die anderen Erstfluggäste haben eine Verabredung im Luftraum über Fürstenwalde: Dort sollen sich die Easyjet-Maschine aus Tegel und der bayerische „Hauptstadtflieger“ begegnen.

Der Protest der Pinguine

Los geht’s, vorher macht Spohr noch einen letzten BER-Scherz über die Eröffnung: „Ich kann es noch gar nicht ganz glauben, in zwei Stunden werden wir es wissen.“

In Berlin passiert da gerade etwas ganz anderes: Klimaschutzaktivisten besetzen zeitweise die Haupthalle des Flughafens, ein als Pinguin verkleideter Kletterer seilt sich vom Terminal ab.

Sie wollen den BER am liebsten auf ganz andere Weise modernisieren. „Die coolsten Vögel bleiben am Boden“ ist ihr Motto.

Was sagen Sie den Pinguinen, Herr Spohr? Routiniert spricht der Lufthansa-Chef von Nachhaltigkeit als „wesentlichem Pfeiler für den Luftverkehr der Zukunft“. Er kündigt an: „Wir wollen so emissionsarm wie möglich fliegen.“ Der „Hauptstadtflieger“ sei mit umweltfreundlichem Synthetiktreibstoff betankt worden. Das könne jetzt jeder Fluggast als Kompensation dazukaufen. Spohr sagt auch: „Wir wollen da, wo Flugverkehr nicht notwendig ist, ihn mit der Bahn ersetzen.“

Der ICE braucht von München nach Berlin viereinhalb Stunden, also ist der Flug von LH2020 laut Airline-Chef eigentlich nicht notwendig. Aber er kann zur Eröffnung eines Flughafens ja schlecht mit der Bahn kommen. Und dann wartet noch die Easyjet über Fürstenwalde.

Deren Trip, von Tegel nach Schönefeld, finden auch gestandene Lufthanseaten eine sinnlose Umweltsauerei, dagegen sei München–Berlin eine ehrliche Route.

Es geht also los, über die Wolken, und dann hören die Wolken nicht mehr auf bis Sekunden vor der Landung. Die Paralleleröffnung scheitert, und Etzrodt kann auch nicht das Stadion seines 1. FC Union und die Tesla-Baustelle zeigen, alles grau in grau über Brandenburg.

Acht Jahre Verspätung

Und alles grau in grau auf dem Flugfeld. Jetzt ist man halt da, jetzt gibt es halt einen Flughafen, mit acht Jahren Verzögerung. Jetzt spricht Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke vom „ersten Tag einer Erfolgsgeschichte“ und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer verspricht allen Ernstes ein Drehkreuz.

Dann drücken Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup und die beiden Airline-Chefs Spohr und Johan Lundgren von Easyjet auf rote Knöpfe.

In der Bar im „Marktplatz“ auf der Abflugebene wird das erste Pils gezapft, in der Lufthansa-Lounge gibt es O-Saft und Sekt.

Draußen auf dem Flugfeld stehen Dutzende Jets, die hier geparkt sind, weil auf dem BER so schön viel Platz ist. Erst 2025, sagt Spohr, werde der Flugverkehr wieder auf dem Niveau von 2019 sein.

Der neue Hauptstadtflughafen hat viel Zeit zum Üben.

Von Jan Sternberg/RND