Das Pariser Klimaabkommen galt als Meilenstein der multilateralen Diplomatie.

Soziologin zum globalen Umbau während der Pandemie: Kooperation der EU-Mitglieder macht Mut

Die Welt, in der wir leben, muss schnell und umfassend umgebaut werden, wenn die Menschheit eine friedliche Zukunft haben will. Wissenschaftliche Analysen und Berichte belegen: Der Zustand des Weltklimas, der Ozeane und der Biodiversität erfordert diesen Umbau ebenso wie die sehr ungleich über den Globus verteilten Lebens- und Entfaltungschancen der Menschen. Es geht um eine große Transformation, kleinere Renovierungsmaßnahmen hier und da werden nicht ausreichen.

Wesentlich für diesen Umbauprozess ist ein leistungsfähiges internationales Kooperationssystem. Kein Land kann den Umbau für sich allein in Angriff nehmen. Nicht alle Länder können für sich selbst einstehen. Internationale Kooperation ist wirksam, wenn sie auf gemeinsamen Zielen beruht, einem geteilten Verständnis der Dringlichkeit des Wandels und der Einsicht, dass es um die gemeinsame Verantwortung für das globale Gemeinwohl geht, innerhalb einer sehr ungleichen Weltgemeinschaft. Das Klimaabkommen von Paris und die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung stellen diese Grundlage bereit.

Rückbesinnung auf die Vorteile der EU

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die internationale Kooperation aus? Drei Überlegungen: Erstens macht es Mut, dass sich die EU-Mitglieder endlich wieder auf die Vorteile der Kooperation besonnen haben. Das Wiederaufbaupaket wird besonders stark getroffenen europäischen Ländern helfen, und es wird Investitionen und Reformen auf dem Weg zur Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft ermöglichen. Die EU hat eine internationale Initiative aufgelegt, um allen Ländern Zugang zu Impfstoffen, Medikamenten und Testmaterial zu ermöglichen. Das ist ein gutes internationales Signal.

Auswirkungen der Pandemie sind nur schwer absehbar

Zweitens ist aber unklar, wie lange die Pandemie anhalten wird, und damit, wie tiefgreifend ihre Auswirkungen sein werden. Internationale Verhandlungsprozesse zum Klima- und Biodiversitätsschutz in der Nachhaltigkeitspolitik sind unterbrochen; online lassen sie sich nur schwer voranbringen. Arbeitslosigkeit und sinkende Steuereinnahmen belasten private und öffentliche Haushalte. Insgesamt ist die Pandemie ein Stresstest für Regierungen und Parlamente. Das schränkt vielerorts die Möglichkeiten ein, in Transformation und internationale Zusammenarbeit zu investieren.

Risiko des Aufeinandertreffens mehrerer Krisen wächst

Drittens kann daraus eine Kettenreaktion entstehen: Unmittelbare Folgenbekämpfung reduziert vorbeugendes Handeln in anderen Bereichen. Das Risiko wächst, dass unterschiedliche Krisen – Pandemien, Klimawandel, Konflikte – aufeinandertreffen. Es geht nicht um eine Weltregierung. Die Vielfalt politischer Institutionen und Kulturen, historischer Erfahrungen und gewachsener gesellschaftlicher Werte weltweit ist eine wichtige Innovationsquelle. Sie bringt verschiedene Wege zur Nachhaltigkeit hervor. Notwendig bleibt aber ein Geflecht internationaler Normen und Regeln und starker multilateraler Organisationen, um die Mächtigen einzuhegen, Menschenrechte zu schützen, politische Teilhabe zu ermöglichen. Die Corona-Pandemie zeigt, dass die Lücke, die durch Nichthandeln einflussreicher Länder und ihrer Regierungen entsteht, durch nichts zu füllen ist. Wir werden bald sehen, ob wir uns das leisten konnten.

In unserer Serie „Wie wollen wir jetzt leben?“ stellen wir Ihnen vom 7. bis zum 14. November Ideen für eine nachhaltige Welt vor.

 

Von Imme Scholz/RND