Die EU will es Start-ups in Europa leichter machen. Quelle: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Start-ups: EU-Fonds soll Milliarden in junge Unternehmen investieren

Das gab es noch nie: Die EU-Kommission hat erstmals direkt in eine Start-up-Firma investiert. Sie ist in einem Pariser Vorort zu Hause, hat rund 60 Beschäftigte und heißt Corwave. Die Medizintechniker haben ein Gerät entwickelt, das Herzkranken implantiert werden soll, um die Blutzirkulation zu verbessern. Das Projekt hat das Zeug zum Musterbeispiel für die künftige EU-Förderpolitik. Doch viele Fragen sind noch offen. Die Bertelsmann-Stiftung jedenfalls empfiehlt, bei künftigen Projekten den sozialen und ökologischen Nutzen in den Fokus zu stellen.

Brüder aus Bayern investierten in Biontech

Biontech hat in den vergangenen Wochen die Aufmerksamkeit für Start-ups geschärft. Das Mainzer Unternehmen ist mit seinem Corona-Impfstoff innerhalb weniger Monate zu einem wichtigen Akteur in der globalen Pharmabranche geworden – mit einem komplett neuen Verfahren. Hätte es nicht mutige Investoren wie die milliardenschweren Brüder Strüngmann aus Bayern gegeben, die früh an die Firma glaubten und viele Millionen Euro locker machten, könnten heute nicht Tausende Menschen gegen das Virus geimpft werden.

Doch die Strüngmanns allein genügten nicht, Biontech sammelte auch US-Kapital an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq ein. In Europa gebe es zwar exzellente Forschung, hat Thomas Strüngmann gewarnt, aber die Abhängigkeit insbesondere von amerikanischen Geldgebern wachse. Es mangelt in Europa an Investoren für Risikokapital.

EU-Kommission will Start-up-Branche stärken

Das hat auch die EU-Kommission mitbekommen und arbeitet an neuen Konzepten für die Start-up-Förderung. Es gibt bereits mehrere Programme. Die neueste Errungenschaft ist der European-Innovation-Council-Fonds (EIC). Das ist der Geldtopf, mit dem die Kommission erstmals direkt in Unternehmen investiert, die noch ganz am Anfang stehen. Corwave hat als erste Firma davon profitiert, 15 Millionen Euro stellt die Kommission über Banken zur Verfügung. Damit sollen auch private Investoren ermuntert werden, Risikobereitschaft zu zeigen.

Insgesamt will Brüssel bis 2027 beim EIC-Programm 10 Milliarden Euro investieren – in anspruchsvolle Start-up-Projekte in den Sektoren erneuerbare Energie, Mobilität, Digitalisierung oder eben Pharma- und Medizintechnik. Das soll weitere private Investitionen von bis zu 50 Milliarden Euro auslösen.

Bertelsmann-Studie lobt EU-Engagement

Aus der Perspektive von Start-ups sei solch ein Programm dringend nötig, heißt es in einer noch nicht veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt. Bisher erreichten vielversprechende Firmen oft nicht das Stadium kommerzieller Stabilität. „Auch die Ausrichtung ist aus unserer Sicht richtig“, sagt Jake Benford, einer der Autoren der Studie. Er empfiehlt jedoch, die Förderung von Start-ups so zu steuern, dass Lösungen für relevante soziale und ökologische Probleme gefunden werden. Das könne zu einer echten Stärke der EU ausgebaut werden. Denn: „Wir brauchen keine weiteren Start-ups, die Pizzalieferdienste organisieren“, sagt Benford.

Größere Summen nötig

Doch angesichts der Geldmengen, die Konzerne wie Apple, Amazon oder Google bewegen, sind 10 Milliarden Euro im EIC-Fonds eine bescheidene Summe. Das gilt auch im Vergleich zum Kapital, das US-Vermögensverwalter oder große Pensionsfonds auch im Start-up-Sektor pumpen. Benford plädiert denn auch dafür, dass die EU auch in größeren Dimensionen denkt. Und er macht darauf aufmerksam, dass schon bei den Planungen für den gigantischen EU-Wiederaufbaufonds von 750 Milliarden Euro über einen europäischen Staatsfonds diskutiert worden sei.

Damit wurde es erst einmal nichts. Aber nach Benfords Informationen wird nun über eine paneuropäische Plattform für Digital-Champions nachgedacht. Sie solle einerseits direkt in hoffnungsvolle junge Firmen innerhalb der EU investieren und andererseits ergänzend eingesetzt werden, um nationale Förderprogramme aufzustocken.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND