Vor allem an der Tankstelle ist die Preissteigerung zu spüren. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Warum redet plötzlich alle Welt über Inflation?

Hannover. Um durchschnittlich 1,3 Prozent ist das Leben in den vergangenen zwölf Monaten teurer geworden. Nach den monatelang negativen Inflationsraten im vergangenen Jahr ist das ein deutlicher Sprung, und viele Experten erwarten in den nächsten Monaten einen weiteren Anstieg. An den Finanzmärkten herrscht bereits Unruhe, von einer neuen Inflationswelle ist die Rede, aber auch von übertriebenen Sorgen. Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Warum steigen jetzt die Preise?

Ein Grund ist in Deutschland hausgemacht: Seit Anfang des Jahres gilt die neue CO₂-Steuer auf alle fossilen Brennstoffe, die zum Beispiel Sprit und Erdgas verteuert. Gleichzeitig werden allerdings auch Energie und Rohstoffe weltweit teurer, weil die Nachfrage wieder anzieht. China etwa hat die Konjunkturkrise längst hinter sich und kauft auch Eisenerz oder Kupfer für seine wachsende Wirtschaft. Gleichzeitig ist in einigen Bereichen das Angebot knapp, weil die Versorgung nicht so schnell umgestellt werden kann, wie sich die Nachfrage in den vergangenen Monaten änderte: Stahlwerke können die Produktion nicht beliebig rauf- und runterfahren, Containerreedereien ihre Routen nicht so schnell ändern. Außerdem treibt schon die Erwartung die Preise: Wer für die nächsten Monate steigende Preise erwartet, kauft schon jetzt.

Wird der Trend anhalten?

Für die nächsten Monate ist das sehr wahrscheinlich. „Selbst bei moderaten Preiserhöhungen wird die Marke von 2 Prozent Inflation zur Jahresmitte übertroffen, gegen Jahresende werden 3 Prozent erreicht werden“, sagt etwa Michael Heise, Chefökonom des Vermögensverwalters HQ Trust. Läden werden wieder geöffnet, viele Menschen werden nach dem Lockdown Anschaffungen nachholen. Bekommt man die Pandemie auch nur einigermaßen in den Griff, sollte die Nachfrage nach vielen Produkten auch in Deutschland kräftig wachsen. Zudem gibt es in Europa und den USA riesige Hilfsprogramme, aus denen in den nächsten Monaten noch Milliarden ausgegeben werden – auch dann noch, wenn auch die private Nachfrage schon anzieht.

Unternehmen werden versuchen, mit höheren Preisen ihre höheren Kosten und wenigstens einen Teil ihrer jüngsten Verluste wieder auszugleichen. Einen Sondereffekt wird es in Deutschland im Sommer geben: Die Bundesregierung hatte die Mehrwertsteuer im Juli vorübergehend gesenkt, inzwischen ist sie wieder auf dem alten Niveau. Dieser Unterschied wird sich in der zweiten Jahreshälfte niederschlagen.

Muss man sich deshalb Sorgen machen?

Der jetzt absehbare Trend ist erst einmal eine normale Entwicklung im wirtschaftlichen Aufschwung. Nicht umsonst strebt die EZB eine Inflationsrate von knapp 2 Prozent an: Sie liefert den besten Rahmen für ein stabiles Wirtschaftswachstum. Die Meinungen gehen allerdings darüber auseinander, wie sich die Preise nach der Konjunkturerholung entwickeln werden. Die entspannte Sicht ist, dass bei einer Normalisierung des Wirtschaftslebens die Faktoren wirken, die in den vergangenen Jahren eine hohe Inflation entgegen vieler Prognosen verhindert haben: Löhne steigen nur moderat, auch der Auftrieb der Energiepreise sollte begrenzt bleiben. Die Gegenposition: Notenbanken und Staaten haben so viel Geld zur Verfügung gestellt, dass sie gar nicht mehr bremsen könnten, wenn es wegen steigender Inflation nötig wäre. Sie würden auch lange nicht wagen gegenzusteuern, um die Konjunktur nicht direkt wieder abzuwürgen.

Was passiert mit den Löhnen?

Die niedrige, zeitweise negative Inflation machte Tarifverhandlungen in den vergangenen Jahren ein bisschen leichter. So stiegen die Tarifverdienste in Deutschland im vergangenen Jahr zwar nur um 2,1 Prozent, aber die Verbraucherpreise stiegen nur um ein halbes Prozent. Unterm Strich sah es also gar nicht so schlecht aus. Liegt aber die Geldentwertung schon bei 2 Prozent, muss die Tariferhöhung Richtung 4 Prozent gehen, um Vergleichbares zu erreichen. In der Metallindustrie geht die wichtigste Tarifrunde dieses Jahres gerade in die heiße Phase.

Steigen nun auch die Zinsen?

Ja und nein. Die kurzfristigen Zinsen sind stark von den Leitzinsen der Notenbanken abhängig – und diese werden sich mit Erhöhungen viel Zeit lassen. Sparer sollten sich also nicht zu große Hoffnungen machen, für Tagesgeld oder ähnliche Sparformen bald mehr Zinsen zu bekommen. Bei gleichzeitig steigender Inflation bedeutet das für viele Sparer wachsende Verluste – es wird noch schwieriger, mit Zinsen die Geldentwertung auszugleichen. Längerfristige Zinsen sind stärker von den Konditionen am Anleihenmarkt abhängig, wo sich Staaten und Unternehmen Geld leihen. Dort sind in Erwartung steigender Inflation die Anleihenrenditen – also die langfristigen Zinsen – zuletzt gestiegen. Das könnte sich auch auf längerfristige Privatkredite wie etwa Hypotheken auswirken. Allerdings ist das Niveau immer noch extrem niedrig, und die Notenbanken sind entschlossen, es dort zu halten.

Warum macht das alles die Aktienmärkte nervös?

Der Anleihenmarkt wurde in den vergangenen Tagen extrem genau beobachtet. Steigen dort die Zinsen, hat das für Unternehmen und ihre Aktien zwei negative Folgen: Die Finanzierung wird teurer, vor allem auf hoch verschuldete Unternehmen kommen höhere Belastungen zu. Außerdem haben Anleger dann wieder Alternativen zu Aktien. Deren Kurse sind vor allem deshalb so nachhaltig gestiegen, weil mit anderen Geldanlagen kaum etwas zu verdienen ist. Gibt es bei Anleihen wieder nennenswerte Zinsen, fließt Geld dorthin ab. Weder Inflation noch Anleihenrenditen haben bisher spektakuläre Höhen erreicht. Aber beide waren jahrelang so extrem niedrig, dass dies die Trendwende markieren könnte.

Von Stefan Winter/RND