Firmengründer Stefan Vilsmeier (rechts) und Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) begutachten die 3-D-Darstellung eines menschlichen Gehirns, wo Nervenbahnen, Adern und anderes farblich hervorgehoben werden. Quelle: Brainlab

Brainlabs Medizinsoftware: „Wie Google Maps für Chirurgen“

München. Mit Softwareschmieden von Weltrang ist Deutschland nicht gerade reichlich gesegnet. Es gibt sie aber, wenn auch manchmal eher versteckt wie Brainlab aus München. Das Allerheiligste liegt sogar verborgen im zweiten Untergeschoss des früheren Münchner Flughafentowers im Stadtteil Riem, der heute Teil der Brainlab-Firmenzentrale ist. Der Demonstrationsraum erinnert an die Brücke von Raumschiff „Enterprise“ und heißt nicht umsonst Space Lab.

VR-Brille lässt Gehirn in 3-D schweben

„Sie können das Gehirn drehen und schauen, aus welcher Richtung man chirurgisch am besten an den Tumor kommt“, erklärt Firmenchef und Brainlab-Gründer Stefan Vilsmeier. Er hat eine Datenbrille aufgesetzt, wie man sie von modernen Videospielen kennt, und blickt mit ihr auf ein dreidimensional über einem Leuchttisch schwebendes menschliches Hirn.

In seiner Hand liegt eine Art Joystick, mit dem man das Organ anklicken und drehen oder Nervenbahnen und Blutgefäße optisch abheben kann. So wird sofort klar, wo man besser nicht schneidet. Mehrere Chirurgen können gleichzeitig im System sein und so vorab eine komplizierte Operation planen. Denn das im Raum schwebende Gehirn ist die dreidimensionale Kopie eines real existierenden Patientenorgans.

Mixed Reality kann mehr als OP-Vorbereitungen

Vorigen Herbst hat sich ein Chirurgenteam im kalifornischen Sacramento mit Brainlab-Technik auf die operative Trennung eines siamesischen Zwillingspaars vorbereitet. Die acht Monate alten Mädchen waren am Kopf zusammengewachsen, was die Sache besonders schwierig machte. Mixed Reality nennt Vilsmeier die Technologie, die mehr kann, als eine OP nur vorzubereiten.

In ungefähr einem Jahr sollen Chirurgen die Brille auch während einer OP tragen. Durch sie hindurch sehen sie den Patienten auf dem OP-Tisch. In die Brille eingeblendet sind allerlei Daten und Hinweise, die die Hand des Chirurgen führen und ihm die beste Stelle für einen Schnitt zeigen. Assistieren könnte dabei ein Kollege, der theoretisch am anderen Ende der Welt durch eine identische Brille erblickt, was der operierende Chirurg gerade sieht.

„Das ist wie Google Maps für Chirurgen“

Möglich ist das alles, weil Brainlab in den gut 30 Jahren seit Gründung 1989 per Software und künstlicher Intelligenz eine dreidimensionale Karte menschlicher Körper abbilden kann. „Das ist wie Google Maps für Chirurgen“, erklärt Vilsmeier. Heute befindet sich das Navi noch auf Bildschirmen im OP, die wie ein Smartphone intuitiv mit Fingern bedient werden. Auch das ist schon ein riesiger Fortschritt im Vergleich zu analoger Chirurgie. Die Datenbrille aber öffnet das Fenster zur Zukunft.

Brainlab macht die eigene Technologie zum Weltmarktführer für informationsgeführte Chirurgie, wie das Gebiet offiziell heißt. Gut 5800 Krankenhäuser weltweit nutzen sie heute, was nicht nur hochpräzise Eingriffe an Wirbelsäule oder Gehirn, sondern auch punktgenaue Strahlentherapie bei Krebs erlaubt und so gesundes Gewebe schont.

Aus Brainlab hat das binnen 32 Jahren einen hochprofitablen und durch Vilsmeier immer noch inhabergeführten Hightech-Mittelständler mit 2020 rund 424 Millionen Euro Umsatz und etwa 1900 Beschäftigten gemacht. „In fünf Jahren ist das Doppelte an Umsatz möglich“, erklärt der Autodidakt in Sachen Softwareprogrammierung.

Offenes Betriebssystem für verschiedene Hersteller

Starkes Wachstum erwartet Brainlab zum einen, weil die Digitalisierung des Gesundheitswesens gerade richtig in Fahrt kommt. Die Pandemie hat auch den Letzten klargemacht, wie nötig und wichtig das ist. Zum anderen hat Vilsmeier aber eine weitere Idee, die er Snke OS genannt hat. Der Buchstabe A fehlt im englischen Wort für Schlange absichtlich, weil so etwas heutzutage als cool gilt.

Das eigentlich Coole an Snke OS ist aber, dass es als offenes Betriebssystem für den digitalen Operationssaal ausgelegt ist, an das sich andere Hersteller von Medizintechnik andocken können. Alle digital erhobenen Medizindaten könnten damit in einem System zusammenlaufen, mit künstlicher Intelligenz (KI), Videos und 3-D-Bildern oder OP-Robotern verknüpft werden. „Das ist eine Schlüsseltechnologie, die unter anderem OP-Robotern zu einem Quantensprung verhelfen kann“, meint Vilsmeier.

Medizintechnik: Deutschland könnte Weltführer werden

Deutschland habe die beste medizinische Regelversorgung und medizintechnische Industrie der Welt. „Wenn es gelingt, das zu digitalisieren, dann etablieren wir uns in der Weltspitze“, prognostiziert der 53-Jährige. Voraussetzung sei aber, dass anonymisierte Medizindaten in größerem Umfang als bisher der in moderner Medizintechnik arbeitenden KI zur Verfügung gestellt würden. Sonst übernähmen Digitalriesen wie Amazon oder Google binnen weniger Jahre dieses Geschäft. Deutschland und Europa würden dann in diesem sensiblen Bereich abhängig von ausländischen Plattformunternehmen.

Patienten sollen Hoheit über ihre Daten erhalten

Vilsmeier plädiert dafür, Patienten die Hoheit über ihre Gesundheitsdaten zu übertragen und sie entscheiden zu lassen, welche davon sie der Gesundheitsindustrie spenden wollen. „Viele haben keine Hemmungen, ihre Daten mit Google oder Amazon zu teilen, aber bei anonymisierten Gesundheitsdaten machen wir ein Problem daraus“, kritisiert der Brainlab-Chef. Datenschutz sei vor allem im medizinischen Bereich extrem wichtig, stellt er klar. Aber der Schutz von Patienten und Gesundheit dürfe nicht abgehängt werden.

Brainlab sieht sich in naher Zukunft an der Börse

Informatik mit Nebenfach theoretische Medizin hat Stefan Vilsmeier nur wenige Tage lang studiert. Mit Erlösen aus einem selbst verfassten Buch über 3-D-Grafik, das seinerzeit zum Bestseller wurde, konnte er 1989 in Poing bei München seine Softwareschmiede Brainlab gründen und seine Vision vom Krankenhaus der Zukunft ausleben. „Mir blieb nichts anderes übrig, als erfolgreich zu sein“, sagt der Unternehmer heute rückblickend auf diese Zeit.

2001 sollte Brainlab an die Börse, was aber dem Kollaps des damaligen Börsensegments Neuer Markt zum Opfer fiel. Begraben sind die Börsenpläne nicht. In den nächsten 18 Monaten steht das zwar nicht an, in fünf Jahren sieht er sein Unternehmen aber schon an der Börse, verrät Vilsmeier. Wagen würde er den Schritt, wenn ein größerer Zukauf nötig wird oder großer Fortschritt in der Neuromedizin bei Brainlab größeren Entwicklungsaufwand auslöst.

Von Thomas Magenheim-Hörmann/RND