Ex-VW-Chef Martin Winterkorn Quelle: imago stock&people/dpa/RND-Montage Behrens

Wenn Manager versagen, ist der Schaden häufig unbezahlbar

Hannover. Die Großen der Versicherungsbranche sind dabei, wenn VW seinen früheren Chef Martin Winterkorn und andere Topmanager für den Dieselskandal zur Verantwortung zieht. Zwar zahlen die einstigen Großverdiener für den am Mittwoch vereinbarten Schadensersatz Millionen aus eigener Tasche, aber den Löwenanteil trägt die Directors-and-Officers-Versicherung, kurz D&O.

Insgesamt 270 Millionen Euro überweist ein Konsortium aus neun Versicherern an den VW-Konzern. Die Liste reicht von Allianz bis Zurich, der HDI ist ebenso mit einem zweistelligen Millionenbetrag dabei wie Axa.

Für die Branche ist es der nächste Rückschlag in einem einst attraktiven Geschäft. Wer Vorstand einer Aktiengesellschaft oder Geschäftsführer eines größeren Unternehmens wird, kommt an einer D&O-Police kaum vorbei.

Sie funktioniert wie eine Berufshaftpflichtversicherung: Entstehen dem Unternehmen Schäden durch Pflichtverletzungen des Managements, springt die Versicherung ein – solange es kein Vorsatz war. Die Versicherungsprämie zahlt das Unternehmen, im Schadensfall müssen die Manager in der Regel einen Eigenanteil tragen.

Wenn das Unternehmen zum Beispiel auf Geld verzichten muss, weil die Geschäftsführung aus Schlampigkeit eine Forderung nicht eingetrieben hat – dann ist das ein Fall für die Versicherung.

Wachsende Schäden und Verluste

Das war einmal der Grundgedanke. Doch inzwischen spielt Managerhaftung in ganz anderen Dimensionen. VW hat der Dieselskandal 32 Milliarden Euro gekostet. Die Deutsche Bank kostete es vor Jahren rund eine Milliarde Euro, dass die Kirch-Mediengruppe nach einer Äußerung des damaligen Bankchefs Rolf Breuer pleite­ging.

Der Industriedienstleister Bilfinger lastete früheren Topleuten Schäden in dreistelliger Millionenhöhe an. Auch Cum-ex-Skandal und Wirecard-Pleite können zu solchen Forderungen führen. Die Geschäfte werden komplexer, das Risiko wächst, Haftungsregeln wurden verschärft – die Schäden für die Versicherer steigen und die Verluste aus der Geschäftssparte D&O ebenso.

Die Anbieter versuchen deshalb Prämien zu erhöhen, vor allem aber Leistungen einzuschränken und Policen gar nicht erst abzuschließen. „Einige Anbieter ziehen sich ganz oder teilweise aus dem D&O-Geschäft zurück“, sagt ein Sprecher des hannoverschen Spezialversicherers HDI Global Specialty. Die Gründe seien jahrelanger Verdrängungswettbewerb und eine „deutliche Zunahme komplexer Schadensachverhalte“.

Viel komplexer als der Dieselskandal kann ein Sachverhalt kaum sein. Es wird noch Jahre dauern, bis Gerichte die Verantwortlichkeiten geklärt haben. So einigte man sich, wie meist in großen Fällen, nicht nur mit den Ex-Managern, sondern auch mit den Versicherungen auf einen Vergleich. VW ist sich mit Zurich und den anderen nämlich keineswegs einig über Zahlungspflichten. Aber bevor ein weiterer Prozess Gerichte und Öffentlichkeit beschäftigt, fand man in knapp zehnwöchigen Verhandlungen bei 270 Millionen Euro zusammen.

Nur einer machte nicht mit: Berkshire Hathaway hat nach VW-Angaben nicht unterschrieben. In der US-Versicherungsholding hat Investmentlegende Warren Buffett seine Beteiligungen gebündelt. Berkshire wäre eigentlich mit maximal 50 Millionen Euro im Boot gewesen und lässt es nun auf den Konflikt mit VW ankommen. „Der Aufsichtsrat hat den Auftrag erteilt, gerichtliche Schritte gegen Berkshire Hathaway vorzubereiten“, heißt es in einem VW-Papier. „Eine Inanspruchnahme ist im Rahmen eines Schiedsverfahrens möglich.“

Die Branche erwartet teure Corona-Fehler

Die Versicherer in Deutschland bereiten sich derweil auf die nächste große Herausforderung vor: Das Management unter Pandemiebedingungen ist fehlerträchtig, zu den Corona-Folgen dürften auch Klagen von Unternehmen gegen ihre Führungskräfte gehören. Wurde ein Antrag auf Staatshilfe nicht oder fehlerhaft gestellt, wäre das ein klassischer Fall.

Auch die Sonderregeln zum Insolvenzrecht können zur Falle werden: Fachleute vermuten, dass sich Manager zu leichtfertig auf die Aussetzung der Insolvenzpflicht verlassen haben und eigentlich längst den Antrag hätten stellen müssen. „Gerade im Bereich von Insolvenzen werden vermehrt D&O-Ansprüche gegen Unternehmensleiter geltend gemacht“, sagt der HDI-Sprecher.

Von Stefan Winter/RND