EZB-Präsidentin Christine Lagarde Quelle: imago images/PanoramiC

Trotz Inflation verweigert die EZB höhere Zinsen

Hannover. Die Verbraucher müssen noch einige Zeit mit einer spürbaren Inflation und niedrigen Zinsen fürs Ersparte zurechtkommen. Die Lage dürfte sich im Lauf des Jahres sogar noch verschärfen. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) macht keinerlei Anstalten, an ihrer ultralockeren Strategie etwas zu ändern. Die Notenbank teilte am Donnerstag mit, dass der bisherige geldpolitische Kurs fortgeführt werde.

Die Leitzinsen bleiben natürlich da, wo sie seit rund fünf Jahren sind: bei null Prozent. Auch an den gigantischen Kaufprogrammen für Anleihen wird nicht gerüttelt – sie wirken wie ein Verstärker der Nullzinspolitik, die das Niveau der Sätze bestimmt, die für Kredite verlangt und die für Tages- oder Festgeld von den Banken gezahlt werden.

Das alles geschieht in einer Situation, die nach offizieller Definition die EZB eigentlich zum Handeln zwingen würde. Denn für die Notenbanker zählt die viel zitierte Formel, dass die Inflation in der Euro-Zone „unter, aber nahe 2 Prozent“ liegen soll. Nach den Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat lag die Teuerung im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat bei glatt 2 Prozent. Tendenz steigend.

In Deutschland waren es sogar 2,5 Prozent. Das ist der höchste Wert seit etwa zehn Jahren. Dennoch ist auch hier die Tendenz ebenfalls steigend. Eine Reihe von Ökonomen geht davon aus, dass es in den nächsten Monaten hierzulande noch deutlich mehr werden könnte: bis zu 4 Prozent. Während auch die EZB ihre Inflationsprognose für die Euro-Zone erhöht hat: Auf jetzt 1,9 Prozent, nach zuvor 1,5 Prozent.

Dass die geldpolitischen Zügel dennoch nicht angezogen werden, wird schon seit Wochen von Lagarde und anderen Notenbankern mit temporären Besonderheiten begründet, was die EZB-Direktorin am Donnerstag erneut wiederholte. Die aktuelle Teuerung sei eine Folge des Preiseinbruchs in der ersten Corona-Welle vor gut einem Jahr. Und auch die derzeitigen Engpässe im Welthandel, die viele Rohstoffe und Vorprodukte verteuern, erachtet sie als vorübergehend. Für 2022 wird denn auch wieder ein Rückgang der Teuerung auf 1,5 Prozent prognostiziert.

Folglich soll auch das Pandemie-Notfall-Kaufprogramm für Anleihen bis mindestens März 2022 fortgeführt werden – und in jedem Fall so lange, „bis die Phase der Coronavirus-Krise“ überstanden sei, so die EZB. Das sogenannte PEPP-Programm hat ein Gesamtvolumen von 1850 Milliarden Euro. Mehr noch: Die EZB will, dass die Ankäufe „während des kommenden Quartals weiterhin deutlich umfangreicher ausfallen werden als während der ersten Monate des Jahres“.

Hintergrund: Von Januar bis März war die Wirtschaftsleistung im Euro-Raum laut Eurostat noch um 0,3 Prozent geschrumpft. Doch die Notenbank erwartet für das gesamte Jahr nun ein Wachstum von 4,7 Prozent (nach 4,1 Prozent im März).

Um zu begründen, dass die Erholung gleichwohl eine fragile Angelegenheit ist, wird immer wieder auf die sogenannte Kerninflation verwiesen: Das ist die Teuerung, bei der die Energie- und die Nahrungsmittelpreise nicht berücksichtigt werden, weil deren Schwankungen häufig nicht von der Konjunktur abhängen. Die Kernrate lag in der Euro-Zone im Mai bei nur 0,9 Prozent – das macht vor allem deutlich, wie stark die kräftigen Aufschläge auf Heizöl und Kraftstoffe im Vergleich zum Vorjahr durchschlagen.

Hinzu kommt, dass insbesondere in den großen Südländern der EU (Italien, Spanien) die Wachstumsschwäche ausgeprägt ist. Dazu passt, dass die Löhne und Gehälter in vielen Ländern in den ersten Monaten kaum oder gar nicht gestiegen sind.

Die Zinswende lässt auf sich warten

Das alles zeigt: Es ist gar nicht so einfach, eine Zinswende hinzulegen. Genau genommen handelt es sich bei den Nullnummern um ein Phänomen, das schon gut zwei Jahrzehnte währt und in Japan seinen Ausgang nahm. Wobei die Anleihekäufe gleich mehrere Funktionen haben: Da die Notenbanken die Wertpapiere insbesondere Banken abkaufen, werden die Institute mit reichlich Liquidität versorgt. Und zugleich hat die EZB den Zinssatz für überschüssiges Geld der Banken, das bei ihr geparkt wird, auf minus 0,5 Prozent gesetzt. Dies soll die Vergabe von Krediten ankurbeln und damit die Wirtschaft in Schwung bringen. Wobei hiesige Banken seit Monaten gegen diese Strafgebühr wettern, da dies milliardenschwere Kosten verursache.

Mit den Käufen wird ferner das Angebot an Anleihen verknappt, was ihre Kurse in die Höhe treibt, wodurch deren Renditen sinken. Und das hilft den Regierungen, sich zu günstigen Konditionen zu verschulden. Für viele Beobachter ist klar, dass insbesondere dieser Mechanismus in den Überlegungen der EZB eine entscheidende Rolle spielt: Schließlich ist die EU-Kommission gerade dabei, mit dem Green Deal das größte Investitionsprogramm in der Geschichte der Union auf den Weg zu bringen, auf das Lagarde am Donnerstag noch einmal ausdrücklich hinwies. Und dafür müssen sich die EU und die Mitgliedsstaaten viele Milliarden an günstigen Krediten besorgen.

Gleichwohl wächst die Kritik an der EZB. So prognostiziert Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank: „Christine Lagarde wird ihren aktuellen Kurs kaum bis über den Sommer durchhalten können.“ Beim Teuerungsanstieg handele es sich eben nicht nur um Einmaleffekte, dafür spreche unter anderem „die aufgestaute, private Nachfrage“. Auf Bankkonten von Konsumenten liegen – den Nullzinsen zum Trotz – viele Milliarden Euro.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND