Der von Continental abgespaltene Kfz-Zulieferer Vitesco setzt für die Zukunft auf Elektromobilität. Quelle: Daniel Karmann/dpa

„Voll auf Elektrifizierung“: Conti-Tochter Vitesco will an die Börse

München. Wenn Dax-Konzerne einen Unternehmensteil abspalten, ähnelt das oft der Entsorgung von Problemgeschäften. Im Fall des neuen Autozulieferers Vitesco mit Sitz in Regensburg sieht das dessen Chef Andreas Wolf komplett anders. „Wir sind nicht das Risiko sondern die Chance, Vitesco ist eine Perle“, erklärt er selbstsicher beim Wirtschaftspresseclub München.

Vitesco Technologies ist die Antriebssparte des Dax-Konzerns Continental und mit zuletzt 8 Milliarden Euro Umsatz sowie gut 40.000 Beschäftigten selbst kein Leichtgewicht. Aber Vitesco steht auch für Verbrennertechnologie. Nicht mehr lange, wenn es nach Wolf geht.

„Wir setzen seit zwei Jahren unseren Plan zur Elektrifizierung um und haben gegenüber Wettbewerbern einen zeitlichen Vorsprung“, sagt der gebürtige Niedersachse.

Zukunft soll bei Elektroautos liegen

3 Milliarden Euro Jahresumsatz seien auslaufende Verbrennertechnologien, räumt er ein. Aber mit neuen Komponenten für Elektroautos lege man derzeit schneller zu, als Auslaufprodukte abschmelzen. Um ein Drittel wachse aktuell der Markt für Elektrokomponenten jährlich, sagt Wolf. „Wir wachsen deutlich schneller“, betont er. Bei 13 Milliarden Euro liege der eigene Auftragsbestand dafür bei einem gesamten Orderbuch von gut 50 Milliarden Euro.

Dass es nun branchenweit so dynamisch in Richtung Elektromobilität geht, überrascht auch Wolf. Vor zwei Jahren, als er die Conti-Antriebssparte übernommen hat, mutete sein Plan kühn an. „Wir gehen voll auf Elektrifizierung“, lautete die Parole. Auch im Hannoveraner Mutterkonzern wurde er dafür skeptisch beäugt. In vier Jahren werde aber nun ein Drittel des Vitesco-Umsatzes aus Zulieferungen für Elektroautos bestehen und 2030 dann drei Viertel.

„2032 kauft sich keiner mehr einen Verbrenner“

„Heute fragt keiner mehr, ob die Strategie stimmt“, sagt Wolf und glaubt, dass der Ausstieg aus der Verbrennertechnologie noch schneller kommt, als von VW oder Daimler angekündigt und der EU beschlossen. „2032 kauft sich keiner mehr einen Verbrenner“, schätzt er aus Verbrauchersicht. Zu groß sei der vorprogrammierte Wertverfall.

Durchwachsene Botschaften hat der Vitesco-Chef für sein Personal. Das wolle man zwar in absoluten Zahlen über den Umbau hinweg halten. Klar sei aber auch, dass einzelne Beschäftigungen und Standorte, die am Verbrenner hängen, wegfallen. Aktuell geht es um die Werke im hessischen Bebra und im thüringischen Mühlhausen. Letzteres muss trotz Protesten ganz schließen. Es geht um insgesamt mehrere Hundert Jobs.

Kein normaler Börsengang

Weniger Probleme mit der Vitesco-Strategie haben Börsianer. Die blicken auf die Regensburger, weil die Conti-Abspaltung im September unwiderruflich an die Börse geht.

Es ist kein normaler Börsengang, wo man Anteile verkauft und Geld ins Unternehmen fließt. Vielmehr bekommen bestehende Conti-Anleger für je fünf Aktien ein Vitesco-Papier ins Depot gebucht. Das bedeutet, dass der bei Continental bestimmende Schaeffler-Konzern mit 46 Prozent eine dominierende Rolle bei Vitesco spielt. Falls die fränkische Unternehmerfamilie Schaeffler nach dem Börsengang nichts verkauft, heißt das. „Dafür gibt es keine Anzeichen, Schaeffler bleibt unser Hauptaktionär“, ist Wolf sicher.

Vitesco kann mächtigen Aktionär brauchen

Einen mächtigen Aktionär kann Vitesco mit Blick auf die Visionen des Firmenchefs gut gebrauchen. Denn er sieht auf die Kfz-Zulieferbranche unter dem Regime der Elektromobilität Übernahmen zukommen. „Wir wollen aktiv an der Konsolidierung teilnehmen“, sagt Wolf. Er erwartet sie relativ zügig und sieht Vitesco finanziell dafür gut gerüstet.

Schuldenfrei sei man, verfüge über Bares und Kreditlinien über 1,7 Milliarden Euro und könne künftig die Börse anzapfen. Zudem stimme es nicht, dass man mit Elektrokomponenten weniger verdiene als mit solchen für Verbrenner, betont der Manager.

In zwei Richtungen denkt er bei Zukäufen. Einmal regional, wobei er China oder Japan im Blick hat und zum anderen in Richtung schierer Größe. „Ein Unternehmen mit 20 Milliarden Euro Umsatz hat andere Möglichkeiten“, sagt Wolf. Konkrete Übernahmepläne gebe es noch nicht, fügt er an. „Aber wir wissen, was wir tun müssen, und können es uns finanziell leisten.“ Der MDax, in der Börsenneuling bald einziehen könnte, wird um ein nicht gerade langweiliges Unternehmen reicher.

Von Thomas Magenheim-Hörmann/RND