Frank Mastiaux, Vorstandsvorsitzender der EnBW. Quelle: ARTIS - Uli Deck

EnBW-Chef Mastiaux: „Erheblich mehr Erneuerbare müssen erreicht werden“

Frankfurt. Als Frank Mastiaux 2012 den Chefposten bei EnBW übernahm, war das Unternehmen stark von der Atomkraft abhängig. Als erster Topmanager eines großen Energiekonzerns baute er grundlegend um. Heute ist EnBW vor allem im Bereich der Erneuerbaren aktiv. Der Versorger aus Baden-Württemberg betreibt aber auch Ladesäulen für E-Autos, und er ist verstärkt im Stromnetzgeschäft und in der Telekommunikation aktiv.

Im RND-Interview erläutert Mastiaux, was es nun zum Erreichen der Klimaziele braucht: vor allem schnellere Genehmigungen für Windräder und Solaranlagen. Mastiaux, Jahrgang 1964, kommt ursprünglich aus der Öl- und Gasindustrie. Von 2007 an baute er im Eon-Konzern die Sparte für Erneuerbare auf. Der Manager hat angekündigt, im September 2022 seinen Chefposten bei EnBW zu räumen. Er will sich danach in einer gemeinnützigen Organisation engagieren.

Herr Mastiaux, Sie haben EnBW umgebaut – von einem Energieversorger, der stark von Atomkraft abhängig war, zu einem Konzern, der vor allem auf Erneuerbare setzt. In einem Jahr läuft Ihr Vertrag aus. Was müssen Sie noch erledigen?

So ein Umbau ist eine Daueraufgabe. In meiner Amtszeit ist aus EnBW ein diversifiziertes Infrastrukturunternehmen geworden. Veränderung wird aber Programm bleiben. Zum Beispiel die Finalisierung des Kohleausstiegs, also die Umstellung der Kraftwerke auf klimaneutrale Brennstoffe oder Gas, oder die Vorbereitung des Unternehmens auf den nächsten großen Horizont, nämlich Wasserstoff.

Würden Sie die Struktur von EnBW als Blaupause für andere Unternehmen empfehlen?

Welche Struktur am Ende passt, hängt von der Strategie ab, und das muss jedes Unternehmen für sich entscheiden. Ein diversifiziertes Geschäftsportfolio mit mehreren weitgehend unabhängigen Geschäftsfeldern entlang der gesamten Wertschöpfungskette ist aus meiner Sicht eine gute Basis, um Chancen und Risiken auszubalancieren.

Nun müssen Energiemanager auch mit den Vorgaben des Klimagesetzes zurechtkommen. Kann das überhaupt gelingen?

Das Gute ist: Noch nie waren die Ziele so klar definiert wie heute. Jetzt geht es darum, diese Ziele sehr gradlinig umzusetzen, und da herrscht heute große Einigkeit, speziell in der Energiebranche. Erheblich mehr Erneuerbare und mehr Nachhaltigkeit müssen erreicht werden: Es gibt in den Unternehmen den Willen, die finanziellen Mittel und die Fähigkeiten dafür, das war nicht immer so. Jetzt kommt es vor allem darauf an, dass die Politik den Handlungsrahmen gestaltet.

Die nötigen staatlichen Investitionen dafür sind immens – bis zu knapp 50 Milliarden Euro pro Jahr. Können Sie nachvollziehen, warum Politiker jetzt noch Steuersenkungen und Schuldenbremsen fordern?

Wir haben zwei Hebel: Bei CO₂ müssen wir die Systeme auf noch höhere Lenkungswirkung des CO₂-Preises trimmen. So schaffen wir zugleich Einnahmen für staatliche Investitionen. Der zweite Hebel: Es gibt zahlreiche Steuern und Abgaben, die keine CO₂-Lenkungswirkung haben. Die Stromsteuer beziehungsweise die Energiesteuer zum Beispiel. Da muss die Politik endlich ran. Die Finanzierung der Investitionen ist jedenfalls machbar.

Und wenn die Politik zu wenig tut? So wie bislang?

Dann wird es am Ende noch erheblich teurer. Sie müssen sich nur die Kosten für die klimabedingten Naturkatastrophen in diesem Jahr anschauen. Das werden wir an erhöhten Prämien der Versicherungen im nächsten Jahr ablesen können.

Aber können das Politiker überhaupt durchhalten? Sie müssen den Bürgern zumindest vorübergehend höhere Belastungen – steigende Sprit- und Gaspreise etwa – abverlangen. Zugleich werden Effekte einer guten Klimapolitik erst in Jahrzehnten sichtbar, wenn sich die Erderwärmung verlangsamt.

Regierungen mussten den Bürgern schon immer Botschaften senden, die durchaus strapazierend waren – etwa bei der Wiedervereinigung oder bei der Finanzkrise. Das gehört zur politischen Verantwortung. Um so etwas durchzusetzen, braucht es überzeugende Erklärstücke. Tragischerweise liefert die Klimakatastrophe genau diese, denn sie findet inzwischen vor der Haustür statt. Siehe Ahrtal. Und der Handlungsbedarf wurde inzwischen auch vom Bundesverfassungsgericht rechtlich zwingend gemacht. Viele junge Menschen haben das verstanden.

Wo klemmt es dann bei der Umsetzung?

Die Industrie ist zwar in der Lage, enorme Investitionen zu stemmen. Sie ist aber nicht in der Lage, bürokratische Prozesse, die um den Faktor drei, vier, fünf zu langsam sind, in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Es gibt erhebliche Verzögerungen in den Genehmigungsprozessen – auf den Ebenen von Bund, Ländern und Kommunen.

Das dauert viel zu lange, viel zu viele Leute packen Vorgänge an, nicht selten kommt Uneinigkeit hinzu. Da braucht es ein sehr straffes Projektmanagement. Gerade das muss die nächste Bundesregierung anpacken. Umsetzen lässt sich das, wenn wie bei einem Großprojekt eines Unternehmens alle Zuständigen zusammenkommen und so lange an einem Tisch sitzen, bis es einen klaren Umsetzungsplan für alle sichtbar gibt. Dieser Ball liegt im Feld der Politik.

Vielen Politikern fehlt aber offenbar der Mut, sich mit Behördenleitern anzulegen?

Beharrungskräfte in Organisationen sind immer evident. Aber eine Alternative zum Umbau der öffentlichen Verwaltung ist nicht gegeben. Sonst verliert Deutschland den Anschluss. Wobei die besagten Klimaschutzinvestitionen bei einer effizienten Umsetzung die Riesenchance für eine Runderneuerung der Industrie bieten. Und Deutschland kann dabei mit einem großen Erfahrungsschatz punkten – nämlich 20 Jahre Förderung der Erneuerbaren. Das ist im internationalen Wettbewerb ein enormer Vorteil.

Sie wollen darauf hinaus, dass die Genehmigung für den Bau eines Windrades nicht mehr sechs Jahre, sondern nur noch sechs Monate dauert soll?

Wenn man die tatsächlichen Bearbeitungszeiten und die Anforderungen akribisch Punkt für Punkt mit den Verantwortlichen auf der Umsetzungsebene durchgeht und konsequent auf das Notwendige reduziert, dann bin ich sicher, dass etwa die Genehmigung für ein Windrad in einem Viertel der Zeit geschehen kann.

Das dürfte auch notwendig werden, wenn das nächste Megaprojekt beim Klimaschutz angegangen wird, was komplexer wird als alles bislang Bekannte: der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft. Was müssen wir tun?

An grünem Wasserstoff in großen Mengen, der aus erneuerbarem Strom mittels Elektrolyse gewonnen wird, führt im langen Rennen kein Weg vorbei. Es ist aber völlig ausgeschlossen, dass wir in Deutschland unseren Bedarf an grünem Wasserstoff durch inländische Produktion decken, dazu sind die nötigen Energiemengen viel zu hoch.

Die Erzeugung muss in Südeuropa oder in Nordafrika mit Solarenergie oder in Nordeuropa durch Windstrom geschehen. Wir müssen vielmehr an der Technologieentwicklung an sich partizipieren. Also an den technischen Verfahren beziehungsweise am Umbau der Infrastruktur etwa für den Transport des Wasserstoffs. Das ist ein gewaltiger Zukunftsmarkt.

Derzeit wird die Hoffnung geweckt, dass Wasserstoff der neue Zauberstoff ist, der schon bald alle Energieprobleme löst. Sind sie auch so euphorisch?

Nicht auf der Zeitschiene. Die Entwicklungsphase wird mindestens eine Dekade dauern, erst dann wird Wasserstoff wettbewerbsfähig sein. Es ist illusorisch ist zu glauben, dass wir mit Wasserstoff in den nächsten drei Jahren die CO₂-Emissionen im Verkehr oder in der Industrie spürbar drücken können. Wir werden deshalb nicht daran vorbeikommen, in einer Zwischenzeit fossiles Erdgas zu nutzen, das auch in Kraftwerken verbrannt wird. Wir brauchen diese Brücke, wenn wir demnächst aus der Kohle und Kernenergie aussteigen, aber erst mit zeitlichem Verzug eine Wasserstoffwirtschaft aufbauen können.

Zurück zum Anfang. Sie haben angedeutet, dass sie sich nach Ablauf ihres Vertrages bei EnBW in gemeinnützigen Organisationen engagieren wollen. Haben Sie schon einen Aufnahmeantrag bei Fridays for Future gestellt? Oder doch lieber Berater im Change Management?

Erstmal mach ich mit aller Kraft meinen Job bei EnBW bis zum letzten Tag. Danach möchte ich etwas tun, wo ich meine Erfahrungen nutzbringend einsetzen kann. Das kann mit dem Thema Energie oder mit Veränderung in Unternehmen zu tun haben. Es könnte aber auch ein Thema sein, von dem ich noch gar keine Ahnung habe. Ich bin ein neugieriger Mensch und lerne gerne.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND