Container mit der Aufschrift „China Shipping" liegen aufgestapelt im Containerhafen von Shanghai (Archivbild). Quelle: Ole Spata/dpa

Europäische Firmen in China: Es ist kompliziert

Peking. Der Schein trügt. So lässt sich die Grundstimmung der europäischen Unternehmen in China zusammenfassen, die zwar in der Volksrepublik nach wie vor Rekordergebnisse einfahren, doch zunehmend besorgt sind um den wirtschaftlichen Kurs unter Staatschef Xi Jinping.

Das alljährliche Positionspapier der EU-Handelskammer in China legt nahe, dass die bereits getrübte Goldgräberstimmung für heimische Firmen nun endgültig vorbei ist. Der jüngste Fünfjahresplan der chinesischen Staatsführung war der längst überfällige Weckruf für die Unternehmen. Darin fordert die Volksrepublik nämlich einen wirtschaftlichen Paradigmenwechsel: Das künftige Wachstum soll vor allem vom Binnenkonsum angetrieben werden, globale Investitionen und der Außenhandel sollen hingegen eine nur mehr untergeordnete Rolle spielen.

Wuttke: Widerspruch zwischen Autarkie und Öffnung

„Das ist ein Versuch Chinas, globalen Lieferketten weniger ausgesetzt zu sein. Wir haben hier diesen offensichtlichen Widerspruch zwischen Autarkie und gleichzeitiger Öffnung, von der die Staatsführung immer spricht“, sagt Jörg Wuttke, Präsident der europäischen Handelskammer in Peking.

Seit der ökonomischen Öffnung des Landes in den 80ern hat die Staatsführung stets versucht, einen Drahtseilakt zwischen Reformen und gleichzeitiger Beibehaltung der Kontrolle zu vollführen. Unter Xi steht das Kontrollbedürfnis wieder eindeutig an erster Stelle – auf Kosten des numerischen Wachstums.

Aufsichtsbehörden nehmen zentrale Bereiche in Visier

In den letzten Monaten haben die Aufsichtsbehörden die zentralen Bereiche der Privatwirtschaft mit einer systematischen Regulierungskampagne ins Visier genommen – vom Onlinehandel über den Immobiliensektor bis hin zur Unterhaltungsbranche. „Die Europäische Kammer befürchtet, dass Chinas Wirtschaft weiterhin unterdurchschnittlich abschneiden wird, wenn sie von mutigen Reformen zugunsten eines isolierteren Ansatzes abweicht“, sagte Wuttke.

An sich ist es für eine reifende Volkswirtschaft zwar keine Hiobsbotschaft, wenn die jährlichen Wachstumszahlen allmählichen abflachen. Nur besteht in China die berechtigte Angst, dass dies bereits zu früh geschieht. Denn das Wirtschaftswunder der Volksrepublik ist lediglich angesichts der Bevölkerungsgröße von 1,4 Milliarden einmalig.

Ansonsten folgt es denselben Mustern wie etwa zuvor Japan, Taiwan oder auch Südkorea. Im Vergleich jedoch hinkt China bereits – gemessen an der vergleichbaren Entwicklungsstufe – zurück. Zudem steht mit der Alterung der Gesellschaft in China die bisher größte Herausforderung für weiteres Wachstum vor der Haustür.

Politisches Klima wandelt sich deutlich

Um auf das Wohlstandsniveau Südeuropas zu kommen, muss sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in China noch mehr als verzweifachen. Dafür wären also Investitionen von westlichen Firmen mehr als willkommen. Doch das politische Klima hat sich in der Volksrepublik in den letzten zwei Jahren deutlich gewandelt: Die Parteiführung verlangt angesichts einer zunehmend polarisierten Weltordnung auch von ausländischen Unternehmen, immer stärker Position zu beziehen.

Sich passiv aus geopolitischen Konflikten herauszuhalten, wird praktisch unmöglich. Bestes Beispiel ist H&M: Der schwedische Modekonzern wurde aus sämtlichen Online-Stores verbannt, weil er aufgrund von möglicher Zwangsarbeit keine Baumwolle aus der Provinz Xinjiang mehr bezieht. „Die Frage ist natürlich, wer ist als nächstes dran“, sagt Kammerpräsident Wuttke – und spricht damit offen aus, was die meisten Manager in China nur unter verdeckter Hand von sich geben.

Die Isolation des Landes spiegelt sich auch in den strikten Quarantäneregelungen und der Visapolitik wider, die unter anderem dazu geführt haben, dass seit Ausbruch der Pandemie nur etwas mehr als die Hälfte aller Europäer noch in China leben. Strategische Investitionen und spezifische Wartungsarbeiten werden immer herausfordernder, wenn der Austausch zwischen Zentrale und China auf ein absolutes Minimum reduziert ist. „Ausländer werden in China zu einer aussterbenden Art. Selbst in Luxemburg leben mehr Ausländer als in Peking und Shanghai zusammen“, sagt Kammerpräsident Wuttke.

Von Fabian Kretschmer/RND

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