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Bernd Pischetsrieder (rechts), Vorsitzender des Aufsichtsrats der Daimler AG, und Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG und der Mercedes-Benz AG. Quelle: Daimler AG/dpa

Mehr Luxus: Mercedes will auf eigene Faust die Profite steigern

Hannover. Daimler zerlegt sich – und das Management jubelt. Von einer „historischen Neuausrichtung“ sprach das Management am Freitag vor der außerordentlichen Hauptversammlung, auf der die Aktionäre die Abspaltung der Lkw- und Bussparte beschlossen haben.

Sowohl bei den Pkw als auch bei den Brummis will das Unternehmen durch die Scheidung agiler werden. Zugleich steigen aber auch Abhängigkeiten.

Finanzchef Harald Wilhelm kündigte die Erstnotiz der neuen Daimler Truck Holding an der Börse für Dezember an. Die Aktionärinnen und Aktionäre stimmten am Freitagnachmittag dem Schritt mit überwältigender Mehrheit zu. Sie erhalten für jeweils zwei Daimler-Aktien einen Anteilsschein des Nutzfahrzeugherstellers, der sich selbst als die globale Nummer eins in seiner Branche sieht.

Knapp zwei Drittel der Papiere werden an die Aktionärinnen und Aktionäre verteilt, 5 Prozent gehen an den konzerneigenen Pensionsfonds.

Damit wird ein neues Kapitel in der Geschichte des Unternehmens geschrieben, das sich selbst als Erfinder des Automobils bezeichnet. Nach der Abspaltung soll der übrige Konzern, der Pkw und Vans herstellt, wie die Marke Mercedes-Benz heißen.

Marktforscher haben herausgefunden, dass der Name zu einer der wertvollsten Bezeichnungen in der Firmenwelt zählt. Nun würden zwei „Pure-Play-Unternehmen“ geschaffen – mit einem „entscheidenden Mehrwert für alle Seiten“, sagte Vorstandschef Ola Källenius.

Solche Aufteilungen werden seit einiger Zeit von Börsianern und Investmentbankern massiv forciert. Deren Standardargument: Die beiden separaten Unternehmen sind insgesamt mehr wert als der integrierte Konzern. Da spielen Rendite- und Dividenden­interessen eine entscheidende Rolle.

Das Geschäft mit den Personenwagen, das sich zunehmend auf das Luxussegment konzentriert, hat bei Daimler in der Vergangenheit in der Regel höhere Gewinnmargen erzielt als die Nutzfahrzeugsparte.

Die Zerlegung birgt für die künftigen Mercedes-Benz-Aktionärinnen und ‑Aktionäre also die Chance, höhere Ausschüttungen zu kassieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Angesichts immenser Herausforderungen in der Zukunft – Elektromobilität und autonomes Fahren – wird viel Kapital benötigt, um anstehende Investitionen zu stemmen.

Und natürlich sollen – wie bei solchen Umbauten immer wieder betont wird – konzerninterne Komplexität abgebaut sowie die Effizienz gesteigert werden.

Durch Pure Play bei den Personenwagen wird nach Einschätzung des Autoanalysten Frank Schwope von der Nord/LB ferner „ein stärkeres Heranrücken“ an BMW oder an das chinesisch-schwedische Konglomerat Geely/Volvo Sinn machen.

Das kann Kosten deutlich drücken, wenn etwa gemeinsam die Entwicklung neuer E‑Autos angegangen wird. Und Geely/Volvo ist ohnehin bereits an dem Unternehmen beteiligt. Branchenkenner gehen sogar so weit, dass sie auch Fusionen für möglich halten.

Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer macht aber auch darauf aufmerksam, dass mit der Unabhängigkeits­erklärung der Trucks „eine Art Versicherung“ wegfalle. Wenn’s beim Verkaufen der Limousinen kriselte, konnte die Nutzfahrzeugsparte in der Vergangenheit immer wieder mit satten Gewinnen gegensteuern und so die Bilanz aufhübschen. Und umgekehrt.

Das hat damit zu tun, dass die Konjunkturen von Pkw- und Lkw-Geschäft in der Regel zeitversetzt sind. „Wenn eine solche Versicherung nicht existiert, muss härter und schneller in schwierigen Phasen durchgegriffen werden“, erläutert Dudenhöffer. Das könnten künftig die Belegschaften zu spüren bekommen, wenn es in Krisen um Jobabbau geht.

Trucksparte setzt auf Elektroantrieb

Gleichwohl prognostiziert der Autoexperte just für die Lastwagen und die Busse eine leuchtende Zukunft. Die Trucks hätten bei Daimler immer in der zweiten Reihe gestanden. Jetzt gebe es die Chance, richtig loszulegen. Zumal die Dynamik in den vergangenen Monaten „hochbeeindruckend“ sei.

So hat Entwicklungs­vorstand Andreas Gorbach kürzlich davon gesprochen, dass 2030 schon bis zu 60 Prozent der in der EU verkauften Daimler-Trucks mit einem CO₂-neutralen Batterie- oder Brennstoffzellen­antrieb ausgestattet sein könnten. Gorbach sei auch zuzutrauen, dass er das für Nutzfahrzeuge so wichtige autonome Fahren schnell umsetze.

Was eine eigenständige Pkw-Sparte abliefern kann, hat der Konkurrent und potenzielle Kooperationspartner BMW am Freitag gezeigt. Das Unternehmen hat trotz der Chipkrise, die in der Autobranche grassiert, seine Gewinnprognose für dieses Jahr nach oben geschraubt.

BMW schlägt zwar weniger Autos los. Da der Absatz aber auf Fahrzeuge mit hohen Gewinnspannen fokussiert wird, steigen die Profite. Genau in diese Richtung zielt auch das Källenius-Motto: Mehr Luxus wagen. Der Nachteil: Genau wie BMW wird auch Mercedes künftig noch stärker vom chinesischen Markt abhängig sein, wo künftig die Pkw-AG ein Drittel aller Fahrzeuge verkaufen wird.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND