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Eine Space-X-Falcon-9-Rakete beim Start. Quelle: imago images/UPI Photo

Auf den Spuren der Milliardäre im All

Hannover. Für ein paar Tage im Juli bekam die New-Space-Branche ein Gesicht – eigentlich drei Gesichter: Die Milliardäre Richard Branson, Jeff Bezos und Elon Musk lieferten sich ein Rennen ins All. Eine Technologie, die jahrzehnte­lang von staatlichen Organisationen kontrolliert wurde, war für alle Welt sichtbar in der Privatwirtschaft angekommen.

Chancen für Europa

Auch hierzulande gibt es immer mehr Unternehmen in diesem Bereich. Isar Aerospace etwa entwickelt Trägerraketen, Ororatech plant Satelliten­netze zur Überwachung von Waldbränden aus dem All. Technologisch habe man in Deutschland und europaweit viel zu bieten, findet Rafaela Kraus. „Europa hat die Chance, im Weltraum­geschäft der Zukunft ernsthaft mitzumischen“, sagt die Professorin der Bundes­wehr­universität in München.

Die auf die Branche spezialisierte Uni fördert gemeinsam mit der franzö­sischen Raum­fahrt­agentur Cnes New-Space-Start-ups vor allem aus Frankreich und Deutschland. Die benötigten dringend Hilfe, um gegen außereuropäische Konkurrenz bestehen zu können, sagt die Professorin für Personal- und Unternehmens­führung, die das Gemeinschafts­projekt Space Founders mit ins Leben gerufen hat. Vermittelt wird dort Zugang zu Investoren und einem Experten­netzwerk. Aus 40 Bewerbern wurden jüngst zehn viel­ver­spre­chende Jungfirmen ausgewählt, drei davon aus Deutschland.

„Deutschland steht vor einer entscheidenden Wegmarke und muss aufpassen, dass es nicht den Anschluss verliert“, warnt auch Matthias Wachter. Der New-Space-Experte des Bundes­verbands der Deutschen Industrie (BDI) sieht nicht nur die USA immer weiter enteilen, sondern auch China. Das hält man beim Verband für gefährlich, weil sich diese neue Form der Raumfahrt nicht mehr wie die traditionelle auf sich selbst konzentriert. Sie bekommt eine Schlüssel­rolle für viele Branchen. „Der Hauptgrund für das Engagement des BDI ist die Verzahnung mit anderen Industrien“, erklärt Wachter und nennt satelliten­gestützte Präzisions­landwirt­schaft, vernetzte Fabriken der nahen Zukunft sowie die Auto­industrie.

Tausende Satelliten geplant

Treiber dieses Trends sind miniaturisierte Satelliten, die keine großen Trägerraketen mehr brauchen. Das beschleunigt und verbilligt zudem Entwicklungen enorm. Über 15.000 Satelliten sollen bis 2030 in den Erdorbit starten, über 90 Prozent davon Kleinsatelliten. Schätzungen zufolge wird der Branchen­umsatz bis 2040 weltweit auf bis zu 2,3 Billionen Euro wachsen, siebenmal so viel wie 2018.

Moderne Autos als fahrende Computer bekommen ihre Software­updates und digitale Informa­tionen immer öfter per Satellit und Mobilfunk. Spätestens, wenn sie massenweise autonom fahren, würden Satelliten­verbindungen zum strategischen Wert, betont der BDI.

Früh erkannt hat das der chinesische Autobauer und Daimler-Groß­aktionär Geely, der gerade mehrere Hundert Millionen Euro in die Produktion eigener Satelliten zur Navigation und Breit­band­kommuni­kation autonom fahrender Autos investiert hat.

Tesla-Gründer Elon Musk verfügt bereits über den Internetdienst Starlink mit gut 1700 Satelliten, Zehntausende weitere sollen folgen. Dagegen nimmt sich das Engagement der VW-Holding Porsche SE bei Isar Aerospace noch bescheiden aus. Dieser Entwickler von Trägerraketen made in Germany gilt als das am besten finanzierte New-Space-Start-up Europas.

Erstmals erfasst wurde die heimische Branche vom Berliner Beratungs­unternehmen Capitol Momentum. Seine aktuelle Studie listet 92 Jungfirmen mit rund 3000 Beschäftigten auf. Zwei Drittel davon machen bereits Geschäfte und kommen in der Summe auf 873 Millionen Jahresumsatz. Ermittelt wurde auch, dass drei von vier Kunden aus Industrien abseits der Raumfahrt kommen.

Auch die Aufmerksamkeit von Investoren wächst. 308 Millionen Euro haben Geldgeber 2020 in deutsche New-Space-Start-ups gesteckt, das war fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. 2021 zeichnet sich ein weiteres Rekord­jahr bei der Finanzierung ab. Verglichen mit den USA, wo allein der Musk-Gründung Space X Milliarden­summen zufließen, bleibt die hiesige Finanzierung aber immer noch ein Wachstums­hemmnis.

Forderung nach Staatshilfe

Auch an staatlichem Geld fehle es, kritisiert der BDI. Knapp 300 Millionen Euro weise das nationale Programm für Weltraum und Innovation in Deutschland aus. In Frankreich seien es jährlich 750 Millionen Euro. Auf diese Summe müsse auch die neue Bundes­regierung mindestens aufstocken, fordert der Verband.

„Die Branche braucht mehrere hundert Millionen Euro jährlich, wenn man etwas bewegen will“, sagt auch Professorin Kraus. Zugleich bezweifelt sie, dass nationale Förderung allein gegen Konkurrenz aus USA oder China reicht. „New Space würde besser funktionieren, wenn Europa zusammenstünde“, mahnt die Expertin. Der BDI fordert einen Systemwechsel in der Förderpraxis nach US-Vorbild, wo der Staat als Kunde für steten Geldfluss unter New-Space-Firmen sorgt. „Regierungen müssen als Kunden, nicht als Planer auftreten“, fordert Wachter.

RND

Von Thomas Magenheim-Hörmann/RND