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Jens Weidmann zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem damaligen Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Philipp Rösler (FDP) im Jahr 2013 (Archivbild). Quelle: imago/photothek

Weidmann-Rücktritt: Merkels Mann an der Bundesbankspitze geht zeitgleich mit ihr

Berlin. Es war ein Paukenschlag, der eine Weile nachhallen dürfte – und der offenbar gut und leise vorbereitet worden war. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war am Mittwochmorgen unterrichtet worden, auch ihr mutmaßlicher Nachfolger Olaf Scholz (SPD) zählte zum Kreis der Eingeweihten. Gegen 11 Uhr wurde die Nachricht öffentlich: Bundesbankpräsident Jens Weidmann tritt zurück. Er habe Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier um seine Entlassung zum Jahresende gebeten, teilte die Zentralbank in Frankfurt mit.

Finanzwelt, Politik und Öffentlichkeit wurden von der Ankündigung kalt erwischt. Weidmann, der seit zehn Jahren an der Spitze der Bundesbank steht, galt als unangefochten. Sein Vertrag war erst im Frühjahr 2019 um acht Jahre verlängert worden.

Dass er ihn nun nicht erfüllen wird, erklärt der 53-jährige Volkswirt mit persönlichen Gründen. „Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass mehr als zehn Jahre ein gutes Zeitmaß sind, um ein neues Kapitel aufzuschlagen – für die Bundesbank, aber auch für mich persönlich“, schreibt er in einem Abschiedsbrief an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Weidmann kritisiert Niedrigzinspolitik

In dem Schreiben gibt es allerdings auch Hinweise auf Frust, der sich immer mehr aufgestaut haben könnte. „Die Finanz­krise, die Staatsschuldenkrise und zuletzt die Pandemie haben in Politik und Geldpolitik zu Entscheidungen geführt, die lange nachwirken werden“, schreibt Weidmann. „Die Geldpolitik hat in all dieser Zeit eine bedeutende, stabilisierende Rolle gespielt. Die zahlreichen geldpolitischen Notmaßnahmen waren jedoch auch mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, und im andauernden Krisenmodus wurde das Koordinatensystem der Geldpolitik verschoben.“

Eine stabilitätsorientierte Geldpolitik werde dauerhaft aber nur möglich sein, wenn diese nicht ins Schlepptau der Fiskalpolitik oder der Finanzmärkte gerate, so Weidmann. „Dies bleibt meine feste persönliche Überzeugung.“

Es ist eine kaum verbrämte Kritik an Niedrigzinspolitik und Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank (EZB). Weidmann hatte sich im EZB-Rat immer gegen die ultralockere Geldpolitik eingesetzt, die Bundesbank gilt traditionell als Verfechterin eines strengen geldpolitischen Kurses. In vielen anderen europäischen Ländern sieht man die Sache dagegen lockerer, der Deutsche fand sich deshalb im EZB-Rat häufig in der Minderheit wieder.

FDP-Chef Lindner über Weidmann: „Wichtige Stimme in Europa“

Auch Weidmanns Vorgänger Axel Weber hatte im Streit über die Krisenpolitik der EZB das Amt bei der Bundesbank hingeworfen. Jürgen Stark, früherer deutscher Chefökonom der EZB, hatte die Zentralbank ebenfalls aus Protest gegen die Geldpolitik verlassen.

Stark nannte Weidmanns Rückzug nun verständlich und konsequent. „Niemand kann über mehr als ein Jahrzehnt eine Politik gegen die eigene Überzeugung mittragen“, sagte er der „Börsen-Zeitung“.

Die Berliner Politik reagierte mit Bedauern auf den Rückzug. Finanzminister Scholz zollte Weidmann öffentlich Dank und Respekt. „Er hat nicht nur die Geldpolitik in Deutschland und Europa maßgeblich geprägt, sondern auch die Weiter­entwicklung der internationalen Finanzmärkte vorangebracht. Jens Weidmann hat sich um unser Land sehr verdient gemacht“, sagte Scholz.

FDP-Chef Christian Lindner, der als möglicher nächster Finanzminister gehandelt wird, sprach von einer „wichtigen Stimme in Europa“, die mit Weidmann gehen werde, und empfahl der Bundesbank Kontinuität.

Zwei Frauen werden als Nachfolgerinnen gehandelt

Lindner und Scholz müssen nun gemeinsam mit den Grünen bei den Koalitionsverhandlungen beraten, wer Weidmann nachfolgen wird. Den Personalvorschlag wird aller Voraussicht nach die künftige Bundesregierung machen. Die Nachrichtenagentur Reuters nennt Bundesbank-Vizechefin Claudia Buch oder auch die deutsche EZB-Direktorin Isabel Schnabel als mögliche Namen.

Wenn es nach Angela Merkel gegangen wäre, hätte die Suche nach einem Nachfolger schon eher begonnen. Die Kanzlerin, deren wirtschafts- und finanzpolitischer Berater Weidmann von 2006 bis 2011 gewesen war, bevor sie ihn nach Frankfurt geschickt hatte, hätte Weidmann gern noch ein weiteres Mal befördert. 2018 hatte Merkel versucht, den Vertrauten zum EZB-Präsidenten zu machen, scheiterte damit aber am Widerstand Frankreichs und Südeuropas.

Am Ende bekam die Französin Christine Lagarde den Vorzug. Sie nannte Weidmann am Mittwoch einen „persönlichen Freund“, auf dessen Loyalität sie immer habe zählen können.

Von Andreas Niesmann/RND