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Ein Gabelstapler transportiert zugesägtes Holz über das Gelände eines Sägewerks. Quelle: Philipp von Ditfurth/dpa

Knappe Konsumgüter und Rohstoffe: Der Markt regelt das

Berlin. Kennen Sie auch diese vertröstenden E-Mails? Beim Autor dieser Zeilen kommen sie derzeit im Wochentakt an. Von Beschaffungsproblemen ist darin die Rede, von angespannter Lage an den Rohstoffmärkten, von Lieferanten mit Terminschwierigkeiten. Es klingt, als habe man eine Erdölraffinerie in Auftrag gegeben, dabei sind es nur zwei Nachttische und ein Waschbecken, die auf sich warten lassen.

Überschaubare Probleme, klar. Die alten Nachtkästen werden es noch eine Weile schaffen, der Sprung in der Badezimmerkeramik wird – Panzerband sei Dank – derzeit nicht größer. Und doch stehen diese Beispiele für etwas, das zumindest für jüngere oder westdeutsch sozialisierte Menschen ein unbekanntes Phänomen ist: Knappheit.

Was mit Holz und Mikrochips begann, hat inzwischen nahezu alle Warengruppen erfasst. Es fehlt an Spielekonsolen, Turnschuhen, Fahrrädern, Papier, Smartphones, Haushaltsgeräten – selbst elektrische Zahnbürsten sind knapp. Lieferzeiten von mehreren Wochen oder gar Monaten sind keine Seltenheit, Preise explodieren.

Was für Privatleute ärgerlich sein mag, ist für die Volkswirtschaft ein großes Problem. Die Industrie jubelt über volle Auftragsbücher, gleichzeitig klagen acht von zehn Unternehmen über Materialmangel in einem produktionsbremsenden Ausmaß. Der Handel feiert die nach den langen Pandemiemonaten wiedererwachte Konsumlust, jedoch warten sieben von zehn Kaufleuten händeringend auf Nachschub. Die Autobauer schieben monatlich neue Elektromodelle auf die Rampe und müssen parallel Zehntausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, weil Halbleiter fehlen.

Der Mangel bremst den Aufschwung

Der Mangel ist inzwischen so gravierend, dass er den Wirtschaftsaufschwung bremst. Und er stellt etwas infrage, das über viele Jahre eine der größten Verheißungen des Kapitalismus war: die permanente Verfügbarkeit sämtlicher Bedarfsgüter zu bezahlbaren Preisen.

Nachdem zuletzt immer häufiger der „Überkonsum“ der Industriegesellschaften beklagt worden war, ist nun plötzlich vom „Knappheitsschock“ die Rede. Wie konnte es so weit kommen?

Der wichtigste Grund lautet Corona. Das synchrone Herunter- und wieder Herauffahren der Weltwirtschaft hat zu Verwerfungen geführt, die sich erst jetzt in ihrem ganzen Ausmaß zeigen. Erst kamen Lockdowns und Nachfrageeinbrüche, dann Konjunkturpakte und Konsumrausch. Die Geschäftsaussichten haben sich derart schnell verändert, dass viele Hersteller nun mit der Produktion nicht hinterherkommen.

Zumal die Lieferketten immer noch nicht funktionieren. Geschlossene Fabriken, abgeriegelte Häfen und ausfallende Flüge haben den globalen Warenverkehr aus dem Takt gebracht. Die Havarie des Containerfrachters Evergiven im Suezkanal kam erschwerend hinzu. Und dann gab es auch Sondereffekte wie den amerikanischen Importzoll auf kanadische Hölzer, der europäische Stämme plötzlich in den Vereinigten Staaten konkurrenzfähig gemacht hat.

Die Pandemie wird eines Tages vorbei sein

Das Chaos scheint derzeit allgegenwärtig. Und dennoch sollte man sich hüten, den Abgesang auf die kapitalistische Wirtschaftsordnung anzustimmen. Erstens, weil die historische Sondersituation einer weltweiten Pandemie eines Tages vorbei sein wird. Und zweitens, weil die Selbstheilungskräfte des Systems enorm sind.

Unternehmen, denen heute Rohstoffe fehlen, werden morgen ihre Lieferketten diversifizieren – und damit stabiler machen. Die Preissignale, die derzeit überall zu sehen sind, werden Investitionen in Produktionskapazitäten auslösen. Das Angebot an Waren wird in der Folge steigen, die Preise werden sinken.

Der häufig zitierte Satz, dass der Markt die Sache regelt – hier stimmt er einmal. Auch, wenn das womöglich noch ein wenig dauert.

Von Andreas Niesmann/RND