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Beim Messengerdienst Telegram gibt es viele Kanäle von Verschwörungstheoretikern und „Querdenkern“. Quelle: Sergei Konkov/TASS/dpa

Hass und Hetze im Netz: Die meisten Trolle kommen aus Deutschland

München. Spätestens seit dem Tankstellenmord in Idar-Oberstein weiß man, wie Radikalisierung im Internet sich real entladen kann. Ein Maskenverweigerer hat dort vor gut einem Monat einen Mitarbeiter erschossen, der ihn zum Tragen einer Corona-Schutzmaske aufgefordert hatte. Der Täter war zuvor online im Verschwörungsmilieu unterwegs, wissen Experten wie Pia Lamberty und Andreas Eberhardt.

Die eine ist Geschäftsführerin des Berliner Start-ups Cemas. Der andere ist Direktor der Alfred Landecker Stiftung, die Cemas finanziert. Das Start-up versteht sich als Frühwarnsystem für Hass und Hetze im Internet. „Ich kann nicht sagen, ob es ein zweites Idar-Oberstein geben wird, aber ich fürchte mehr Gewalttaten“, sagt Lamberty.

Zusammen mit dem Cemas-Team hat sie analysiert, was Verschwörungstheoretiker, Querdenker und Rechtsradikale während des Bundestagswahlkampfs im Internet getrieben haben. Beruhigend ist dieser Report nicht.

„Der Mord von Idar-Oberstein ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck von Radikalisierungstendenzen“, warnt Eberhardt. Die Gefahr verschwörungsideologischer, antisemitischer und rassistischer Dynamiken im digitalen Raum werde oft erst erkannt, wenn sie sich offline manifestiere, sagt er an die Adresse von Polizei, Justiz und Politik.

Gleichzeitig attestieren die Macher des Reports der Szene Professionalisierung. Das Vorgehen gegen die Pandemiebekämpfung des Staats sei immer strategischer geworden, erklärt Lamberty. Man versuche sich als eine angebliche Mehrheit empörter Bürger zu inszenieren. Dazu würden online Protestvordrucke bereitgestellt, die dann massenhaft an Politiker oder Schulen verschickt würden. Spitzenreiter dieser Protestvorlagen für fast jede staatliche Institution sei ein Pamphlet gegen die Maskenpflicht an Schulen, das rund eine Million Mal angeklickt worden ist.

Besorgt macht Lamberty, dass derartige Mobilisierung offenbar verfängt. So habe der Berliner Senat das Ende der Maskenpflicht in Schulen auch mit umfangreichen Protestmails begründet. Lag die Quote radikaler Impfgegner vor der Pandemie bundesweit bei rund 4 Prozent, waren es zuletzt rund 10 Prozent.

Desinformationskampagnen seien darüber hinaus gezielt gegen die Grünen und deren Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock mittels falscher Zitate und Bildmontagen gefahren worden, so Cemas.

Eine weitere Erkenntnis der Cemas-Analyse: Internethetze in Deutschland wird überwiegend von heimischen Akteuren inszeniert und nicht aus dem Ausland gesteuert. Unterschätzt wird demnach aber der Einfluss einschlägiger Internetplattformen aus Österreich und der Schweiz. Hohe Reichweite im Milieu von Verschwörungstheoretikern habe auch die deutsche Ausgabe des russischen Staatssenders Russia Today.

Als Zentralorgan von Verschwörungsideologen fungiert der Messengerdienst Telegram. Dort hat die Universität Basel im Dezember 2020 nach der Lieblingspartei der Telegramnutzer gefragt. 27 Prozent bekannten sich zur AfD, 18 Prozent zur Kleinstpartei die Basis als Sammelbecken von „Querdenkern“. 6 Prozent wollten FDP wählen, 5 Prozent die Linke, je ein Prozent Grüne oder CDU/CSU und niemand die SPD.

Näher am Wahltermin war die Szene dann überzeugt, dass die Basis bis zu 30 Prozent bei der Bundestagswahl holen könnte, belegen interne Umfragen in der Szene. Als es nur 1,4 Prozent geworden sind, was immer noch gut 628.000 Wähler bedeutet, war die Enttäuschung groß. Daraufhin wurde vielfach Wahlbetrug postuliert, sagt Lamberty. Zugleich warnt sie, dass Enttäuschungen dieser Art bei Anhängern großes Gewaltpotential schaffen können.

Vieles, was über Telegram und andere Kanäle geschrieben wird, ist nach Cemas-Erkenntnis Binnenkommunikation innerhalb des Milieus von Verschwörungstheoretikern oder „Querdenkern“. Aber gegenseitiges Bestärken habe reale Auswirkungen von Massenmails über Angriffe auf Impfzentren und Wissenschaftler bis hin zum Mord an der Tankstelle.

Sprachnachrichten aus dem Milieu schafften es zudem immer wieder bis in Facebook- und Whatsapp-Familiengruppen und hätten dort etwa in der Impffrage zu großer Verunsicherung geführt. Auf Telegram betreibe die Szene sogar einen Radiosender, dessen Botschaften professionell anmoderiert und mit Abspannmusik versehen würden.

Lamberty: Hunderttausende gehören der Szene an

Den aktiven Teil der sich vielfach überschneidenden Szene aus „Querdenkern“, Rechtsradikalen, „Reichsbürgern“ oder anderen Verschwörungstheoretikern schätzt Lamberty auf bundesweit einige Hunderttausend Personen. Deren Fähigkeiten zu mobilisieren, seien in der Pandemie massiv gewachsen. Mit dem Klimawandel würden sie sich absehbar ein neues Ziel für ihre Desinformationskampagnen suchen. „Es wird nicht angenehmer werden“, sagt Lamberty.

Politik, staatliche Behörden und Polizei ruft Cemas dazu auf, Opfer von Hass und Hetze besser zu schützen. Zugleich müssten Kommunikationsstrategien entwickelt werden, um gezielter Desinformation künftig besser und möglichst proaktiv begegnen zu können. Denn vieles, was dann in die reale Welt überschwappt, werde vorab in leicht einsehbaren Chatgruppen vorbereitet. „Wir müssen Lehren aus der Stimmungsmache zur Pandemie ziehen“, sagt Lamberty.

Von Thomas Magenheim-Hörmann/RND