Anzeige
Der eingeschaltete Schutzschalter einer Mehrfachsteckdose leuchtet rot. Haushalte in Deutschland zahlen im weltweiten Vergleich weiterhin vergleichsweise viel für Strom. (Symbolfoto) Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Strom- und Gaspreise: Es geht ungebremst nach oben

Frankfurt/Main. Die Verbraucher müssen sich fürs neue Jahr auf beispiellose Preiserhöhungen bei Strom und Gas einstellen. So wird der Brennstoff fürs Heizen und Kochen für die meisten betroffenen Haushalte um mindestens ein Fünftel teurer. Das geht aus Erhebungen des Verbraucherportals Verivox hervor, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vorliegen. Bei der elektrischen Energie kommen Aufschläge von sieben Prozent zusammen.

Letzteres ist bemerkenswert, weil eine Preiskomponente deutlich abgesenkt wird: Die EEG-Umlage, mit der die Förderung der erneuerbaren Energien finanziert wird. Derzeit macht sie mit 6,5 Cent pro Kilowattstunde noch gut ein Fünftel des durchschnittlichen Stromrechnung für private Haushalte aus. Im nächsten Jahr wird diese Abgabe nur noch 3,7 Cent betragen. Doch diese Entlastung wird durch die Verteuerung anderer Preisbausteine häufig mehr als kompensiert.

Da sind einerseits die Netzentgelte, die die Kunden für den Transport des Stroms zahlen müssen. Vielfach ist dies mittlerweile der größte Batzen vom Strompreis. Hier hat jedes einzelne Versorgungsunternehmen seine eigenen Tarifbestandteile – sie hängen davon ab, wie viel Geld in die Leitungen investiert werden muss.

Es kommt auf die Beschaffungsstrategie an

Ein weiterer wichtiger Faktor sind die Kosten, die Stadtwerke und andere regionale Versorger für den Einkauf der Energie im Großhandel zahlen müssen. Das hängt auch von der Beschaffungsstrategie ab. Anbieter die kurzfristig einkaufen, mussten in diesem Jahr sehr tief in die Kasse greifen. Aufgrund der wirtschaftlichen Erholung weltweit, ist vor allem Strom, der mit Kohle oder Gas erzeugt wird, erheblich teurer geworden. Die andere Seite der Medaille: Hohe Preise an den Strombörsen haben dazu geführt, dass Betreiber von Wind- und Solarparks ihre Energie dort direkt teuer vermarktet haben. Das führte aber dazu, dass erheblich weniger Geld aus der staatlich garantierten Vergütung für die eingespeiste Energie abgerufen wurde – deshalb die Absenkung der EEG-Umlage.

All diese Faktoren ergeben, dass die Preisentwicklungen bei den Stromanbieter alles andere als gleichförmig sind. So haben nach den Erhebungen der Verivox-Experten 236 von rund 900 Versorgern die Preise zum Jahreswechsel erhöht. Im Schnitt schlägt das bei einem Standardhaushalt (Verbrauch: 4000 Kilowattstunden pro Jahr) mit einer Erhöhung von 97 Euro in 2022 zu Buche. In Sachsen-Anhalt und Thüringen geht es besonders stark nach oben. In Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern aber sinken die Preise. Bundesweist haben 26 Versorger Entlastungen angekündigt. Sie fallen aber nur geringfügig aus. Unterm Strich würden die deutschen Strompreise „wohl auch im kommenden Jahr die höchsten weltweit bleiben“, sagte Verivox-Energieexperte Thorsten Storck dem RND.

Wie geht es weiter? Die Ampel-Koalition hat angekündigt von 2023 an die EEG-Umlage komplett zu streichen. Doch dies bedeute nicht, dass die Strompreise für die Kunden automatisch sinken. „Denn gleichzeitig sorgen hohe Beschaffungskosten und Netzgebühren für Preisdruck“, erläutert Storck. Ob Be- oder Entlastung für die Kunden hänge von der internationalen Energiepreisentwicklung und den Kosten für den notwendigen Umbau der Stromnetze ab.

Beim Gas schlägt der CO2-Preis massiv durch

Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Stadtwerkeverbandes VKU, sagte dem RND: „Die Entwicklung der Beschaffungspreise an den Großhandelsmärkten ist nicht absehbar.“ Er fügt hinzu: „Stadtwerke setzten in der Regel auf langfristige Beschaffung, um bei ihren Kunden für Preisstabilität zu sorgen. Sie können sich aber der Entwicklung an den Großhandelsmärkten nicht dauerhaft entziehen.“ Und er macht darauf aufmerksam, dass der überwiegende Teil des Endkundenpreises „aus staatlich induzierten Bestandteilen“ bestehe. Ohne die Netzentgelte sind das derzeit noch mehr als 16 Cent pro Kilowattstunde. Liebing begrüßt in diesem Zusammenhang, dass die Ampel nicht nur den Obolus für die Erneuerbaren abschaffen, sondern auch „eine umfassende Reform der Entgelte und Umlagen im Energiebereich auf den Weg bringen möchte“.

Beim Gas schlagen die Entwicklungen auf den globalen Energiemärkten besonders heftig durch. Hinzu kommt der in diesem Jahr eingeführte CO2-Preis, der aktuell bei 25 Euro pro Tonne liegt. 2022 steigt er auf 30 Euro. Laut Verivox steigen die Kosten für ein Einfamilienhaus (Verbrauch: 20.000 Kilowattstunden) im nächsten Jahr im bundesweiten Schnitt um 329 Euro, der CO2-Preis macht davon rechnerisch rund 130 Euro aus. Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg liegen mit Erhöhungen um mehr als ein Drittel vorne. Aber auch in Niedersachsen (24 Prozent) und Schleswig-Holstein (25 Prozent) zieht es heftig an. Nur in Bremen und Berlin wird‘s lediglich moderat teurer. Für die regionalen Unterschiede, so Storck, seien sowohl das vorherige Preisniveau als auch die jeweiligen Beschaffungskosten der Versorger verantwortlich.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND