Donnerstag , 29. September 2022
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VW-Chef Herbert Diess besucht die „Tunnel-Schänke“ in Wolfsburg und hilft dem Wirt Bruno Corigliano an der Zapfanlage. Quelle: Privat

Letzte Chance Volksnähe? Für VW-Chef Herbert Diess läuft der Countdown

Bei Volkswagen tickt die Uhr. Seit Tagen versucht die Spitze des Aufsichtsrats, den Konflikt zwischen Vorstandschef Herbert Diess und dem Betriebsrat zu bereinigen. Gelingt das nicht, kann es das vorzeitige Ende der Ära Diess in Wolfsburg bedeuten. Viel Zeit bleibt nicht mehr: Vor der nächsten Aufsichtsratssitzung am 9. Dezember müsse das Thema geklärt sein, heißt es auf allen Seiten.

Dass Diess der Ernst der Lage klar ist, zeigte er in der vergangenen Woche: Da erschien der Konzernchef zur besten Feierabendzeit in der „Tunnel-Schänke“, einer legendären Kneipe vor dem Wolfsburger Werkstor. Der Mann, der sich sonst gern mit Tesla-Chef Elon Musk fotografieren lässt, ist auf Fotos am Zapfhahn und beim Plausch mit den Werkern zu sehen. Die Bilder gibt es auch im VW-Intranet, die Botschaft ist klar: Dem Chef liegt der Standort am Herzen, keine Rede von Kahlschlag in Wolfsburg.

Vor einigen Wochen hatte Diess mit solchen Ideen die Debatte ausgelöst, die nun schwer wieder einzufangen ist: Er forderte vom Topmanagement Vorschläge, wie man 30.000 Stellen bei der Volkswagen AG abbauen könnte – jeden vierten Job in Deutschland. Weder Betriebsrat noch Großaktionäre waren darauf gefasst, und so soll das Aufsichtsratspräsidium Diess heftig zurückgepfiffen haben.

Doch der ließ nicht locker, brachte das Thema einen Tag später im Aufsichtsrat wieder auf den Tisch – und das Fass beim Betriebsrat zum Überlaufen. Seitdem wackelt sein Stuhl: Die Arbeitnehmerseite verlangt Garantien, dass Diess keine Alleingänge mehr unternimmt. Das Vertrauen müsse verlässlich wieder hergestellt werden.

Trennung nicht ausgeschlossen

Den Weg dahin sucht der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch mit einer Handvoll weiterer Aufseher von der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerseite. In diesem Kreis zeigt man sich „zuversichtlich“, dass es eine Lösung gibt – ist aber keineswegs sicher. Fasst der Betriebsrat kein neues Vertrauen zu Diess, könnte auf der Tagesordnung für den 9. Dezember der Punkt „Abberufung des Vorstandsvorsitzenden“ stehen. Und weil dort der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in der Regel mit den Arbeitnehmern stimmt, hätten sie wohl die Mehrheit.

Im Ziel ist man sich einig

„Man will das immer noch verhindern“, heißt es im Betriebsrat. Dort wird stets betont, dass auch die Arbeitnehmerseite im Unternehmen Veränderung wolle und alles schneller gehen müsse: „Wir sind uns im Ziel einig.“ VW setzt bedingungslos auf Elektroantrieb und die Vernetzung der Fahrzeuge – was zum Komplettumbau des Weltkonzerns führt.

Diess stifte dabei aber noch mehr Unruhe als nötig, halte sich nicht an Zusagen und nehme die Belegschaft beim schwierigen Umbau des Unternehmens nicht mit. Mit „irgendwelchen Beteuerungen“, dass er sein Verhalten ändern werde, will man sich nicht mehr zufrieden geben. Und wohl auch nicht mit Besuchen in der „Tunnel-Schänke“.

So sucht Pötsch die Quadratur des Kreises: Diess‘ Temperament soll in geordnete Bahnen gelenkt werden, Alleingänge und Querschüsse sollen nicht mehr möglich sein. Dabei darf der Chef von 650.000 Menschen aber nicht so beschädigt werden, dass ihn niemand mehr für voll nimmt. Wie beides gleichzeitig gehen könnte, ist bisher nicht einmal vage zu hören. „Mir fehlt die Fantasie, wie eine Lösung aussehen könnte“, sagt ein Arbeitnehmervertreter.

Ohnehin hat Diess in Wolfsburg keinen leichten Stand. Neben seinem Verhalten werden ihm auch Managementfehler angekreidet: Für die Marke VW, deren Schwächen er immer wieder aufzeigt, trägt er selbst seit Jahren Verantwortung. Mit dem Chipmangel, der immer wieder zur Kurzarbeit zwingt, kämen Konkurrenten besser klar, kritisiert Betriebsratschefin Daniela Cavallo. Auch das China-Geschäft erklärte Diess einmal zur Chefsache – jetzt gerät VW dort massiv ins Hintertreffen.

VW-Chef Diess: Viele interne Konkurrenten

Wenn morgen wie an jeden Dienstag der Konzernvorstand tagt, gilt die Mehrheit der Teilnehmer als möglicher Nachfolger: Porsche-Chef Oliver Blume und Audi-Chef Markus Duesmann sind schon lange Kronprinzen. Neuerdings zählt auch der Chef der Techniksparte, Thomas Schmall, dazu, und Personalvorstand Gunnar Kilian musste bereits sein Interesse dementieren. Formal als Gast ist außerdem Ralf Brandstätter dabei, der Volkswagen Pkw lenkt, die größte Marke des Konzerns – und damit fast automatisch als Kandidat für die Konzernspitze gilt.

Wer den Chef in diesem Kreis schwäche, könne ihn genauso gut gleich entlassen, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Das wolle aber niemand, denn Diess stehe nun einmal wie kein anderer für den Wandel des Konzerns.

Von Stefan Winter/RND