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Immer mehr Menschen investieren ihr Geld in Aktien – und vielen ist dabei auch Nachhaltigkeit wichtig. Doch Ökofonds sind nicht immer so nachhaltig wie sie scheinen. Quelle: RND

Nachhaltige Geldanlagen: kaum mehr als Greenwashing

München. Die Versprechen klingen toll. „Lassen Sie grünen Ideen Flügel wachsen, werden Sie Sinnvestor“, umwirbt eine große deutsche Fondsgesellschaft ökologisch und sozial orientierte Anlegerinnen und Anleger. Wer sein Geld in nachhaltig ausgerichtete Unternehmen steckt, gebe der Zukunft eine Richtung und unterstütze Umweltschutz, faire Arbeitsbedingungen sowie weitsichtige Unternehmensführung, wird suggeriert. So etwas stößt auf Nachfrage.

Investitionen in Fonds, die mit Nachhaltigkeit werben, haben sich in Deutschland binnen zehn Jahren auf fast 150 Milliarden Euro verfünffacht. Seit 2020 geht es besonders steil nach oben. Gut 40 Milliarden Euro haben Anlegerinnen und Anleger seitdem neu in Publikums- und Indexfonds investiert, die sich nachhaltig nennen. Eine Studie äußert nun große Zweifel, ob sie das auch sind.

„Die Verpackung der Fonds ist hui, doch der Inhalt viel zu oft pfui“, fasst Magdalena Senn von der Verbraucherorganisation Finanzwende deren Studienergebnisse griffig zusammen. In Deutschland vertriebene Nachhaltigkeitsfonds mit einem Volumen von etwa 100 Milliarden Euro wurden analysiert. Vergleiche mit konventionellen Fonds zeigten, dass vermeintlich nachhaltiges Anlegergeld kaum anders angelegt wird.

Techunternehmen an der Spitze

Von den 150 Milliarden Euro stecken etwa zwei Drittel in Aktien. Nach Branchen führen dabei Techunternehmen wie Facebook oder Google mit 19 Milliarden Euro. Weitere 12,5 Milliarden Euro sind im Finanzsektor angelegt und 11 Milliarden Euro in der Pharmaindustrie. Die für sozialökologischen Umbau der Wirtschaft wichtigeren Sektoren Transport und Energie kommen dagegen nur auf gut 8 und knapp 4 Milliarden Euro.

Und hinzu kommt: 70 Prozent der angeblich nachhaltig im Energiesektor angelegten Gelder stecken in Firmen, die ihr Geschäft mit fossilen Energien machen. Von den gut 3 Milliarden Euro, die Ökofonds in Autofirmen investiert haben, stecken magere 340 Millionen Euro in Firmen, die Elektro- oder Wasserstoffantrieb im Fokus haben.

Bei Neuinvestitionen der letzten beiden Jahre sieht es kaum besser aus. Gut 800 Millionen Euro flossen dabei in Öl- und Gasfirmen, 665 Millionen in Unternehmen mit erneuerbaren Energien, hat die Studie ermittelt.

Als Beispiel dafür führt die Studie den Deka-Fonds Nachhaltigkeit Global Champions an, der mit dem konventionellen Deka Global Champions verglichen wurde. Ergebnis: Der Aktienbesitz der nachhaltigen Variante unterscheide sich nur minimal vom konventionellen Pendant. „Die zehn größten Positionen in beiden Fonds sind identisch“, stellen die Studienmacher fest. Mit dem Ölriesen Exxon Mobil sei nur eine Firmenaktie nicht im nachhaltigen Fonds enthalten, in die das konventionelle Pendant zusätzlich investiert.

„Wir können die Vorwürfe dieser Studie in Bezug auf die Deka nicht nachvollziehen“, entgegnet eine Deka-Sprecherin dieser Kritik und nennt die Studie „methodisch äußerst fragwürdig“. Gleichwohl räumt die Fondsgesellschaft der Sparkassen ein, dass im Fonds Deka Nachhaltigkeit Global Champions auch Werte enthalten sind, in die der konventionelle Deka Global Champions investiert. Aktuell halte der nachhaltige Fonds rund 80 Prozent des Volumens der konventionellen Variante.

Auch Gazprom ist in Ökofonds vertreten

Nach betonter Ausrichtung auf ökologische oder soziale Kriterien klingt das allerdings nicht. Andere Fonds sind teils noch weiter von der reinen Lehre der Nachhaltigkeit entfernt. So legen Ökofonds durchaus auch in Ölfirmen an, haben die Studienmacher ermittelt.

In den untersuchten Anlagen stecken fast 100 Millionen Euro in Kohlefirmen wie BHP oder Rio Tinto. Auch die russische Staatsfirma Gazprom findet sich dort. Dazu kommen Firmen, die wegen ihrer Arbeitsbedingungen in der Kritik stehen. Weder besonders problematische Unternehmen noch umweltschädliche Sektoren würden oftmals ausgeschlossen.

„Das große Versprechen vieler grüner Fonds, mit der Geldanlage gleichzeitig Gutes für Mensch und Umwelt zu tun, ist kaum mehr als Grünfärberei“, urteilt Senn. Für Anlegerinnen und Anleger sei es nicht leicht, das zu erkennen. „Es geht leider bisher nicht, ohne Zeit zu investieren und Halbjahresberichte von Fonds zu durchforsten oder zumindest die größten Anlagepositionen eines Fonds nachzulesen“, stellt die Finanzexpertin klar.

Kein öffentliches Siegel für nachhaltige Anlagen in Deutschland

Sie bedauert auch, dass Verbraucherinnen und Verbraucher hierzulande keine verlässlichen Orientierungshilfen haben, wenn es um nachhaltige Geldanlagen geht. Private Nachhaltigkeitsratings seien in der Regel unzureichend und führen genau zu der Form von Investitionen, die in der Studie sichtbar werden. „Gleichzeitig gibt es in Deutschland anders als in Frankreich oder Österreich kein öffentliches Siegel für nachhaltige Anlagen“, kritisiert Senn.

Dafür, warum Fondsanbieter in puncto Nachhaltigkeit mehr Schein als Sein bieten, hat sie eine Erklärung. „Wirklich nachhaltige Anlagen sind begrenzt“, stellt die Expertin klar. Im Oktober 2021 habe der Anteil angeblich nachhaltiger Fonds an allen in Deutschland erhältlichen Fonds bei 17 Prozent gelegen. Eine solche Dimension gebe der Markt einfach nicht her. Fast 450 Nachhaltigkeitsfonds würden aktuell angepriesen. 2010 waren es noch nicht einmal 100 Angebote dieser Art bei einem Anteil von gut 4 Prozent.

Aber Anlegerinnen und Anleger drängt es immer mehr dazu, mit gutem Gewissen zu investieren. Da schafft die Fondsbranche eben Angebot. „Es lässt sich ein Trend bedienen und damit gutes Geld verdienen“, erklärt Senn bedauernd. Erschwerend hinzu kommt die Kehrseite der Medaille. Wenn nachhaltige Fonds kaum anders investieren als ihre konventionellen Pendants, wird auch keine Anreizwirkung zum Umbau der Wirtschaft erzielt, folgert die Studie.

Von Thomas Magenheim-Hörmann/RND