Donnerstag , 20. Januar 2022
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Am Mittwoch sackten die Aktien des hochverschuldeten Baukonzerns China Evergrande auf ein neues Rekordtief von 1,72 Hongkong Dollar ab. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Angst vor einem Flächenbrand: Chinesische Immobilienkrise weitet sich aus

Hannover. Der Umgang damit erinnert an den Beginn der Corona-Krise: Es wird vertuscht, geleugnet – und am Ende bricht sich die Katastrophe um so gewaltiger Bahn. Erneut macht mit Blick auf Chinas Immobilienmarkt der Begriff „Flächenbrand“ die Runde. Die Aktien des hochverschuldeten Baukonzerns China Evergrande sackten am Mittwoch auf ein neues Rekordtief von 1,72 Hongkong Dollar ab.

Auch Evergrande-Rivale Kaisa steht vor Zahlungsunfähigkeit

Die Nummer zwei auf Chinas überhitztem Immobilienmarkt geriet erstmals Mitte des Jahres in Schieflage, ungedeckte Verbindlichkeiten in Höhe von umgerechnet 274,3­ Milliarden Euro standen zu Buche. Ende Oktober konnte das Unternehmen jedoch mit der überraschenden Zahlung fälliger Zinsen den Druck etwas mindern. Doch jetzt, Anfang der Woche, riss der Mischkonzern wieder fällige Zahlungsfristen.

Schlimmer noch: Mit dem Evergrande-Rivalen Kaisa droht einem weiteren chinesischen Unternehmen die Zahlungsunfähigkeit. Dabei hatte die chinesische Zentralbank noch am Wochenende beteuert, dass Evergrande ein „Einzelfall“ sei. Am Mittwoch wurden die Kaisa-Papiere vom Handel ausgeschlossen. Verbindlichkeiten von 400 Millionen Dollar konnten nicht beglichen werden, obwohl es offensichtlich bereits eine Fristverlängerung gegeben hat.

Auswirkungen auf die ganze Branche möglich

Ein innerchinesisches Problem? Keineswegs: Evergrande hat nach eigenen Angaben ausländische Anleihen im Volumen von 19 Milliarden Dollar ausstehen, bei Kaisa sind es 12 Milliarden Dollar. Eine ganze Branche scheint infiziert: Vergangene Woche hatte zudem die China Aoyuan Group mitgeteilt, es gebe Liquiditätsprobleme und keine Garantie dafür, dass bestimmte Zahlungen gemacht werden können. Immer mehr Gläubiger der Nummer 35 unter den chinesischen Immobilienkonzernen verlangen ihr Geld zurück.

Bei Evergrande, dem „dicksten Fisch“ der gegenwärtigen Problemkonzerne, geht die Ratingagentur Standard & Poor‘s bereits von der Unvermeidbarkeit eines Zahlungsausfalls aus. Das Portfolio des Konzerns sprengt deutsche Maßstäbe. Evergrande beschäftigt nach eigenen Angaben über 200.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und schafft indirekt jedes Jahr weitere 3,8 Millionen Arbeitsplätze. Über 1300 Immobilienprojekte in 280 Städten gehören Evergrande – und eine Elektroautomarke, der Fußballclub Ghuangzhou und eine eigene Mineralwassermarke.

Hat Chinas Immobilienmarkt noch mehr „Leichen im Keller“?

Expertinnen und Experten schätzen, dass der chinesische Immobiliensektor mehr als ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt der Volksrepublik und damit zur konjunkturellen Entwicklung des Landes beiträgt. Seit Langem wird gemutmaßt, dass Chinas Immobilienbranche ein strukturelles Problem und „viele Leichen im Keller“ hat. Und genau das birgt Gefahren für die internationalen Finanzmärkte.

„Wir haben immer wieder gesehen, dass aus scheinbar kleinen Entwicklungen plötzlich die Finanzmärkte verunsichert werden und größere Korrekturen kommen. Wir werden das ganz genau verfolgen, wie das alle anderen Zentralbanken auch machen werden“, hatte Thomas Jordan, Chef der Schweizerischen Nationalbank (SNB), schon im Herbst geweissagt.

Vor allem weckt es Erinnerung an den 15. September 2008, dem Tag, als die Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz angemeldet hatte und die Finanzkrise begann. Die Krise war vor allem Folge eines spekulativ aufgeblähten Immobilienmarkts in den USA.

Auslöser der gegenwärtigen Verwerfungen in China ist dagegen vor allem das verschärfte Vorgehen der Regierung gegen die hohe Verschuldung von Immobilienunternehmen, das hat die Branche zunehmend in Schwierigkeiten gebracht. Evergrande ist mit mehr als 300 Milliarden US-Dollar verschuldet. Die Behörden der Südprovinz Guangdong haben am Wochenende eine Arbeitsgruppe in das Unternehmen entsandt. Möglich ist eine Umstrukturierung der Kreditlasten.

Von Harald Stutte/RND