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Das Gebäude der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). dpa «US-Präsident Biden nominiert Notenbankchef Powell für zweite Amtszeit») Foto: J. Scott Applewhite/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Quelle: J. Scott Applewhite/AP/dpa

Leitzins: Die EZB sollte sich die US-Notenbank zum Vorbild nehmen

Frankfurt. Das Orakel von Washington hat gesprochen und eine kluge Entscheidung verkündet. Wegen hoher Inflation und niedriger Arbeitslosigkeit werde eine Erhöhung der Leitzinsen „bald angemessen sein“, sagte Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed. Zugleich kündigte er an, in jeder folgenden Fed-Sitzung zu überprüfen, ob eine strammere Geldpolitik angesagt ist.

Die Fed zeigt damit, dass sie angesichts einer Inflation von 7 Prozent in den USA nicht in Panik verfällt. Aber zugleich äußerst wachsam ist. Es ist eine Strategie des „Fahrens auf Sicht“. Eine Strategie, die kein großes Ansehen genießt. Aber: Es geht nicht anders. Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte sich Powells Vorgehen zum Vorbild nehmen.

Der Grund: Notenbanker geben es ungern zu, aber klar ist, dass ihre Modelle nicht mehr stimmen. Das war schon vor der Pandemie so, als die Fed und EZB ihre Volkswirtschaften mit Geld zuschütteten, eine Teuerung wollte sich aber nicht einstellen – das kann es in den herkömmlichen Theorien der Notenbanker gar nicht geben.

Mit Covid wurde alles noch viel komplizierter. Powell hat immerhin eingeräumt, dass politische Entscheidungen (staatliche Hilfs- und Konjunkturprogramme) „unerwartete Effekte“ gezeitigt hätten.

Unerwartete Effekte kann es auch in den nächsten Monaten geben. Es liegen plausible Analysen von klugen Ökonomen vor, wonach die Inflation schon bald deutlich zurückgehen könnte – in den USA und in Europa. Wenn eine Notenbank dann die Zinsen erhöht, kann sie ein Land ganz schnell in die Rezession drücken. Die wichtigste Handlungsempfehlung für EZB-Präsidentin Christine Lagarde lautet deshalb: Augen auf!

Von Frank-Thomas Wenzel/RND