Anzeige
Guckt Deutschland in Sachen Gas bald in die Röhre? Quelle: imago images/ITAR-TASS

Vier Grafiken, die Deutschlands Gasproblem verdeutlichen

Deutschland muss sparen – beim Gasverbrauch. Vier Monate nach dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine bekommen die Menschen auch hierzulande einen Teil seiner Auswirkungen zu spüren. Zwar sind die Gasspeicher mit 57 Prozent zu diesem Jahreszeitpunkt gut gefüllt. Zum Vergleich: Vor einem Jahr waren es gerade einmal rund 37 Prozent. Doch es ist zu erwarten, dass die Befüllung fortan schwieriger sein dürfte als im Vorjahr.

Deutschland verfügt in Mittel- und Westeuropa über die größten Speicherkapazitäten für Erdgas. Laut Branchenverband Ines fassen die Speicher hierzulande Gas mit einem Energiegehalt von rund 255 Terawattstunden. Das entspricht etwa einem Viertel des jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland.

Die Speicher sollen bis Anfang Oktober zu 80 Prozent gefüllt sein. Bis zum 1. November sollen es sogar 90 Prozent sein. Das sieht das neue Speichergesetz vor. Der Vorrat bietet eine Art Puffer im Gassystem, er soll Schwankungen ausgleichen. Im Winter werden an kalten Tagen bis zu 60 Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland aus deutschen Speichern abgedeckt.

Wie viel Gas kommt aus Russland?

Das Problem derzeit: Die Menge an Gas, die über Pipelines aus Russland geliefert wird, ist stark reduziert. Das zeigen Daten der Bundesnetz­agentur. Demnach haben sich die Lieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 innerhalb kurzer Zeit mehr als halbiert.

Russland weist den Vorwurf von sich, die Drosselung sei politisch motiviert. Vielmehr seien sanktionsbedingte Verzögerungen bei Reparaturarbeiten Ursache des Problems, heißt es. Bundeswirtschafts­minister Robert Habeck (Grüne) warf Kremlchef Wladimir Putin dagegen zuletzt einen „ökonomischen Angriff“ vor.

Dass Habeck hier nicht falsch liegen dürfte, zeigt auch ein Blick auf die alternativen Routen, über die Russland Gas nach Deutschland schicken könnte. Doch auch über die Transgas-Route wird derzeit weniger Gas angeliefert und über Polen und die Jamal-Pipeline kommt bereits seit Wochen so gut wie kein Gas mehr im Osten der Republik an.

Wer wie viel Gas verbraucht

Verbraucht wird Gas in Deutschland vor allem für das Heizen und die Warmwasser­produktion. Nach Angaben des Wirtschafts­ministeriums wird noch in gut 44 Prozent der deutschen Haushalte Gas genutzt, in mehr als 90 Prozent davon wird es zum Heizen genutzt.

Neben den privaten Haushalten ist die Industrie der größte Gasverbraucher. Nach Angaben von Jörg Rothermel, Experte für Energie und Klimaschutz im Verband der Chemischen Industrie, ist dabei die chemisch-pharmazeutische Industrie der größte Verbraucher von Erdgas in Deutschland mit einem Anteil von 15 Prozent. Die Branche benötigt rund 135 Terawattstunden Gas im Jahr, 100 davon als Energieträger. „Durch den Einsatz alternativer Brennstoffe wie Heizöl und Kohle können nur circa zwei bis drei Terawattstunden gespart werden“, so Rothermel gegenüber dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).

Der spezifische Energieverbrauch habe sich allerdings in den vergangenen 30 Jahren halbiert. Möglich sei das unter anderem mit der Umstellung der Wärme- und Stromversorgung auf gasbasierte Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen möglich. Diese Technologie sei allerdings ausgereizt. „Bei der stofflichen Nutzung von Erdgas, zum Beispiel für die Produktion der Basischemikalien Ammoniak, Wasserstoff oder Methanol, existiert kurzfristig keine Alternative“, so Rothermel.

Auf die Stromversorgung entfielen im vergangenen Jahr lediglich 12 Prozent der verbrauchten Gasmenge.

Wie entwickeln sich die Preise für Verbraucher?

Dass Gas „ein knappes Gut“ ist, wie es Habeck formulierte, bekommen auch Verbraucherinnen und Verbraucher zu spüren. Nach Auswertung des Verbraucherportals Verivox lag der durchschnittliche Gaspreis für einen Haushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden pro Jahr für Neukundinnen und Neukunden im Juni bei 12,88 Cent pro Kilowattstunde. Vor einem Jahr zahlten Verbraucherinnen und Verbraucher noch halb so viel.

Die Ausrufung der zweiten Alarmstufe hat zunächst keine unmittelbaren Folgen für Verbraucherinnen und Verbraucher. Allerdings warnte Habeck: „Die Preise sind jetzt schon hoch, und wir müssen uns auf weitere Anstiege gefasst machen.“ Tatsächlich sind seit der Ankündigung der massiven Drosselungen vergangene Woche die Großhandelspreise stetig gestiegen. Am wichtigen niederländischen Handelsplatz TTF kostete im Juli zu lieferndes Erdgas am Donnerstag­nachmittag pro Megawattstunde rund 135 Euro nach 127 Euro am Vortag. Am Montag vor einer Woche, also vor der Drosselung, hatte der Preis noch bei gut 83 Euro gelegen. Auch das war schon hoch.

Trotz der Alarmstufe dürfen Gasversorger ihre Preise noch nicht erhöhen. Allerdings müssen Kunden auch damit rechnen, dass ihre Altverträge in Zukunft hinfällig sein könnten. Das ermöglicht das Energiesicherungsgesetz, in dem unter bestimmten Voraussetzungen ein „Preisanpassungsrecht“ für Versorgungsunternehmen in der Alarm- und Notfallstufe vorgesehen ist. Wird der Mechanismus aktiviert, könnten Versorger ihre aktuellen Mehrkosten innerhalb von nur einer Woche an ihre Kunden weitergeben. Damit soll verhindert werden, dass sie insolvent werden. Für Kunden hieße das: Es wird noch teurer.

mit dpa

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Von Sabine Gurol, Sven Christian Schulz /RND