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Siemens will aus der realen Welt ins Metaversum. Quelle: imago images/Pius Koller

Siemens kooperiert mit Nvidia: „Das industrielle Metaversum ist das nächste große Ding“

München. Es ist die Münchner Siemens-Zentrale, aber man wähnt sich im kalifornischen Silicon Valley. „Das industrielle Metaversum ist das nächste große Ding“, sagt der Mann in Jeans und offenem Hemdkragen. „Wir schaffen für die Industrie, was es für Verbraucher schon gibt“, ergänzt sein Gegenüber in Lederjacke und spielt damit auf Apple, Facebook & Co an.

Aber hier spricht nicht Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der seinen Konzern jüngst in Meta umgetauft hat. Der Mann in Jeans ist Siemens-Chef Roland Busch, der in Lederjacke Nvidia-Boss Jensen Huang. Siemens ist nach einigen Häutungen heute weitgehend ein Digitalkonzern, die US-Firma Nvidia Spezialist für 3D-Grafik und künstliche Intelligenz. Beide sind jetzt Partner im industriellen Metaversum.

Auf die Frage, wer das bauen wird, antwortet Busch in digitaler Nerdmanier. „Wer hat das Internet gebaut? Alle von uns. Keine Firma kann das allein.“ Als eigenes Vehikel zur Erschließung des industriellen Metaverse hebt Siemens jetzt die für Drittanbieter offene Internetplattform Xcelerate aus der Taufe. Sogar Siemens-Konkurrenten sollen sich hier beteiligen können. Ziel ist es, digitale Prozesse in Firmen zu beschleunigen, die immer mehr zum Rückgrat modernen Wirtschaftens werden.

Das zentrale Element von Xcelerate

Auf Xcelerate will Siemens alle Arten von Computerprogrammen oder Industriesteuerungen zusammenfließen lassen, die heute und künftig in Unternehmen existieren. „Wir lassen alle Technologien so miteinander sprechen, dass sie sich automatisch verstehen“, sagt Busch. Wer im Privaten schon einmal solche Plug-&-Play-Versprechen bei Konsumerelektronik getestet hat, bekommt eine Ahnung vom Ehrgeiz des Vorhabens. Aber das Managerduo in Jeans und Lederjacke versprüht Zuversicht.

Langsam werden die beiden konkreter. Zentrales Element von Xcelerate sind digitale Zwillinge, also virtuelle Simulationen von Produkten oder Produktionsanlagen in bisher nicht gekannter Dimension. „In einer Fabrik gibt es Millionen bewegender Teile und ein riesiges Ausmaß von Software, was wir alles digital abbilden“, beschreibt Huang eine Anwendung. „Dann schalten wir die Fabrik an und lassen sie laufen“, sagt der US-Manager lächelnd.

Das Ganze passiert nur im Computer. Es verknüpft das industrielle Know-how von Siemens mit den virtuellen Künsten von Nvidia in Echtzeit und 3D-fotorealistisch. „Es ist eine Simulation, keine bloße Animation“, verspricht Busch. Solche digitalen Zwillinge würden nicht nur zeigen, wie reale Industrieumgebungen und deren Produkte aussehen, sondern wie sie sich benehmen.

Welche Vorteile Unternehmen künftig haben sollen

Auf diese Weise werden nicht nur Fabriken im Computer geplant, gebaut und virtuell in Betrieb gesetzt. Auf ähnliche Weise werden im Computer virtuell neue Autos bewegt und stressgetestet, um künftig auftretende Mängel zu entdecken und das Modell noch ohne großen Aufwand umplanen zu können. Schneller und makelloser entwickeln heißt das, Ausfallzeiten minimieren oder auch vorausschauend warten.

Huang versichert absolute Verlässlichkeit digitaler Prognosen. „Was in der virtuellen Welt passiert, wird genau so in der realen Welt geschehen.“ Auch Busch ist überzeugt. Er will das gesamte Siemens-Portfolio auf die Xcelerate-Plattform bringen – inklusive Gebäudetechnik und Eisenbahngeschäft. Finanziell auch für kleinere Firmen erschwinglich soll das Ganze sein, weil softwarebasierte Dienste auf Xcelerate im Abomodell verkauft werden.

Siemens lässt Drittanbieter zunächst kostenfrei auf Xcelerate

Abos sind für Kunden und Kundinnen leichter zu finanzieren als der Kauf eines Programms. Zudem kommt immer die aktuellste Version zur Anwendung. Siemens erhält dadurch planbare und jährlich wiederkehrende Umsätze. Zu haben ist dabei bereits oder demnächst alles von der digitalen Bewirtschaftung klimaneutraler Gebäude über die Planung CO₂-optimierter Fabriken bis zum Betrieb von Zugnetzen und das vom Anfang bis zum Ende der Produktlebenszyklen.

Drittanbieter, die bei Xcelerate mitmachen und über die Plattform zusammen mit anderen entwickeln oder ihre digitalen Produkte anbieten wollen, können das zum Start kostenlos machen. Auf lange Sicht wird Siemens dann Gebühren verlangen oder eine Umsatzbeteiligung.

Erst Masse sammeln und an Bedeutung gewinnen, dann aber die Hand aufhalten, ist das übliche Vorgehen in der digitalen Plattformwelt. Vorerst plant Siemens mit jährlich im Schnitt mindestens 10 Prozent mehr Digitalumsatz. Voriges Geschäftsjahr waren das 5,6 Milliarden Euro, etwa ein Zehntel aller Erlöse. Aber noch steht das industrielle Metaversum am Anfang.

Von Thomas Magenheim-Hörmann/RND