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Die Vier-Tage-Woche könnte die Arbeitswelt revolutionieren. Quelle: Finn Winkler/dpa

Experiment Vier-Tage-Woche: Mit neuen Konzepten gegen den Fachkräftemangel?

In Rotenburg an der Wümme (Niedersachsen) macht sich dieser Tage ein Mittelständler auf, die Arbeitswelt umzukrempeln: „Wir sind auf die Arbeitnehmervertreter aktiv zugegangen, um über den Einstieg in eine Vier-Tage-Woche zu sprechen“, erklärt Andreas Elsäßer. Er ist Geschäftsführer bei Borco Höhns. Und er experimentiert neuerdings mit Arbeitszeitmodellen, die in Produktionsbetrieben in Deutschland Seltenheitswert haben – womöglich aber nicht mehr lange.

Dabei ist Borco Höhns auf den ersten Blick ein deutscher Mittelständler, wie er typischer kaum sein könnte: In den Werkshallen schrauben 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Fahrzeugaufbauten. Eine lukrative Nische hat das Unternehmen, man ist nach Unternehmensangaben Marktführer bei Verkaufsfahrzeugen. Seit 1960 sind Wägen aus dem Elbe-Weser-Dreieck auf Wochenmärkten in der ganzen Republik unterwegs.

Vier-Tage-Woche im Experiment

Untypisch für einen Mittelständler klingt hingegen Elsäßer: Völlig selbstverständlich erzählt der 49-Jährige von der großen Bedeutung einer guten Unternehmenskultur, kritisiert „Ausbeutung“ als ein auslaufendes Geschäftsmodell. Und vor allem glaubt er an die Vier-Tage-Woche, die er nun bei Borco Höhns ausprobieren will. Von „New Work“ spricht Elsäßer dann.

New Work, zu deutsch neue Arbeit – das ist ein Schlagwort, das man dieser Tage immer öfter hört. Eine feste Definition gibt es nicht es, wohl aber viele Erscheinungsformen: In Stellenanzeigen gehört die zeitweise Arbeit im Homeoffice zum guten Ton, von flachen Hierarchien wird immer häufiger geredet und selbst Mittelständler wie Elsäßer öffnen sich für Experimente mit neuen Arbeitszeitmodellen.

„New Work ist Arbeit, die man wirklich, wirklich machen will“, sagt Marc-Sven Kopka 70 Kilometer von Rotenburg entfernt in der Hamburger Hafencity. Dort ist der Manager voller Lob für Ideen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das neue, „Plattenladen“ genannte Musikzimmer mit Blick auf die Elbe etwa hätten diese auf eigene Initiative hin entworfen. „Dort kann ich so hochkonzentriert arbeiten wie nirgends“, schwärmt der Vizechef der Kommunikationsabteilung.

So wohlwollende Worte für das Personal gehören bei jenen, die auf New Work setzen, schon länger zum guten Ton. Und Kopka arbeitet bei der New Work SE. Es ist eines jener Unternehmen, die schon früh mit mit dem Thema anfingen – sowohl intern als auch als Geschäftsmodell: Über das einst zentrale Businessnetzwerk Xing ist New Work SE hinausgewachsen, es geht nun um Produkte und Dienstleistungen zur „Zukunft der Arbeitswelt“.

Die hat Kopka zufolge Frithjoff Bergmann skizziert, an den auch seine Definition angelehnt ist: Der Sozialphilosoph schlug den New-Work-Begriff erstmals in den 1980er-Jahren vor, als eine Automatisierungswelle in der US-Automobilindustrie zahlreiche Arbeitsplätze kostete. Bergmanns Vision: Die Arbeit sollte vehement auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet sein, um so hochmotivierte und produktive Angestellte zu bekommen. Doch Vorzüge wie flexible Arbeitszeiten, sinnstiftende Tätigkeiten und flache Hierarchien blieben lange eher jenen vorbehalten, die nicht im Blaumann am Fließband standen. „New Work betraf am Anfang vor allem Wissensarbeiter“, sagt Kopka.

„Jetzt sehen wir das zunehmend auch bei Blue-Collar-Jobs“, schildert er aber auch – und bringt damit auf den Punkt, was Elsäßer ebenfalls glaubt: „New Work darf nicht nur in Agenturen oder bei Dienstleistern mit Computerarbeitsplätzen thematisiert werden“, sagt der.

Geringere Arbeitszeit, um junge Menschen fürs Unternehmen zu begeistern

Ab September sieht die neue Betriebsvereinbarung bei Borco Höhns nun eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit von 37 auf 35,5 Stunden vor. Die tägliche Arbeitszeit steigt um eine halbe Stunde – doch dafür wird in ungeraden Kalenderwochen freitags frei gemacht. Weil zudem die Gehälter um 5 Prozent steigen, gibt sich die IG Metall regelrecht euphorisch. „Der Tarifvertrag über die Einführung einer Vier-Tage-Woche bei Borco Höhns ist zukunftsweisend“, jubelte die zuständige Gewerkschaftssekretärin Stefanie Gebhardt bei der Verkündigung.

Elsäßer hofft durchaus, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die kürzeren Arbeitszeiten motivierter werden. Aber ausschlaggebend war ihm zufolge etwas anderes: „Vor 15 Jahren konnten wir uns die Bewerber aussuchen, nur die besten kamen zu Borco Höhns“, schildert Elsäßer, „mittlerweile hat sich der Markt aber völlig gedreht.“ Immer schwieriger werde es, gute junge Menschen fürs Unternehmen zu begeistern, „und in absehbarer Zeit gehen mindestens 30 bis 40 Leute in den Ruhestand“.

Demografischer Wandel spürbar

Ein paar Hundert Kilometer südlich in Nürnberg hat Enzo Weber für solche Sorgen vollstes Verständnis. Beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit ist er für die Prognosen zuständig – und mit Blick auf die demografische Entwicklung sind die für Arbeitgeber und Sozialsysteme mehr als düster: In einem Szenario ohne jegliche Zuwanderung fehlen der deutschen Wirtschaft Weber zufolge 2030 bis zu fünf Millionen Beschäftigte.

Spürbar ist das schon jetzt, obgleich auch die Pandemie an den aktuellen Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt eine Mitschuld trägt. Doch die Tendenz ist eindeutig, in ganz Deutschland wird der Arbeitsmarkt zu einem „Arbeitnehmermarkt“, wie es die frühere SPD-Vorsitzende Andrea Nahles unlängst gegenüber dem „Spiegel“ formulierte. Nahles ist neuerdings Chefin der Bundesagentur für Arbeit, und äußerte zugleich Verständnis für die Sorgen von Führungskräften, die sich noch rege an die vergangenen Zeiten hoher Arbeitslosigkeit erinnern können, „und plötzlich sitzen ihnen 20-Jährige gegenüber, die abfragen, was eigentlich für sie drin ist“.

Bei Borco Höhns ist Elsäßer zwar ein Fan der Vier-Tage-Woche, vorsichtig ist er dennoch. Die neue Betriebsvereinbarung gilt zunächst nur für ein Jahr, die Erprobung der vorläufigen 4,5-Tage-Woche ist auf die Produktion begrenzt und wird laut Elsäßer wissenschaftlich begleitet. Im Vorfeld habe es eine Mitarbeiterbefragung gegeben, auch das Know-how von Beratern und sogar der gewerkschaftsnahen Internationalen Arbeitsorganisation ILO sei angezapft worden. „Wenn wir was machen, machen wir es richtig“, fasst der Unternehmenslenker die Devise zusammen.

„New Work“ erfolgreich durch motivierte Mitarbeiter

Optimistisch ist er, weil er, wie er schildert, mit New Work schon erste Erfahrungen sammeln konnte. Elsäßer stieß 2019 als Sanierungsgeschäftsführer zum damals strauchelnden Unternehmen, ließ sich von agilen Arbeitsweisen inspirieren: „Seitdem gibt es kein mittleres Management mehr, stattdessen fällen die Beschäftigten in der Produktion mehr Entscheidungen.“ Der Produktivität habe das nicht geschadet, statt 30 Millionen Euro mache Borco Höhns mit gleich viel Personal nun 40 Millionen Euro Jahresumsatz.

Borco Höhns hat die Insolvenz aus eigener Kraft überstanden, Elsäßer ist mittlerweile ordentlicher Geschäftsführer. „Das Schutzschirm-Verfahren war eine Chance, auch in puncto Unternehmenskultur“, sagt er rückblickend. „Es ist einfach unglaublich, was man für Potenziale freisetzen kann.“

„Motivierte Beschäftigte sind meist sehr produktiv“, weiß auch Kopka zu berichten. Er preist deshalb New-Work-Konzepte, wobei für Erfolge ihm zufolge mehr als ein Musikzimmer mit Elbeblick nötig ist: Agilität, Selbstorganisation und Dezentralität seien wichtige Bestandteile. Führungskräfte übernähmen außerdem eine neue Rolle, müssten sich mit Psychologie und Kommunikation auskennen. Es gehe weniger um detaillierte Vorgaben als um die echte Vereinbarung von Zielen. „Wenn Mitarbeiter zufrieden sind, sich einbringen können und Arbeiten machen, die ihnen etwas bedeutet, kann man zu Recht von New Work sprechen“, sagt Kopka.

Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine

Aber ist es sinnvoll, ausgerechnet jetzt so entschlossen auf die Mitarbeiter zuzugehen? Immerhin droht im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine ein heftiger Wirtschaftseinbruch, mit der neu gewonnenen Verhandlungsmacht der Beschäftigten könnte es dann vorbei sein. Längst wurden etwa Rufe laut, lieber die Arbeitszeiten zu verlängern. Sei es durch „Überstunden“ (Finanzminister Christian Lindner), eine „Dynamisierung“ des Rentenalters (Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger) oder eine 42-Stunden-Woche (der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel).

„Ein heftiger Wirtschaftseinbruch wäre sicher nicht harmlos und würde die aktuelle Fachkräfteknappheit erst einmal überlagern, kurzfristig wird es wohl Reallohnverluste geben“, glaubt auch Ökonom Weber. Doch mittelfristig dürfte der Hebel der Beschäftigten eher noch länger werden, zu stark sei der demografiebedingte Druck im Arbeitsmarkt. „Diese grundsätzliche Entwicklung wird die mögliche Krise nicht aus der Bahn werfen“, sagt Weber.

Von New Work spricht Weber allerdings nicht, wohl aber betont auch er die Bedeutung engagierter Mitarbeiter, „Arbeitszeiten, Flexibilität, Souveränität und Selbstbestimmung werden immer wichtigere Punkte“. Gerade Zufriedenheit mit Arbeitszeiten wirke leistungssteigernd. Sinnvoll sei es zumindest, Beschäftigten mehr Spielräume bei der Gestaltung des Arbeitspensums zu geben, auch für möglicherweise längere Arbeitszeiten. „Statt genereller Regelungen braucht es gute Bedingungen und Motivation, dann bekommen wir die Arbeitsstunden auch zusammen“, so Weber.

Damit ist er ganz bei Elsäßer, der andere Unternehmerinnen und Unternehmer unverhohlen zu weiteren Experimenten mit neuen Arbeitsweisen und Arbeitszeiten aufruft: „Denn vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müssen attraktive Arbeitgeber mehr denn je ihren Beitrag dazu leisten, dass die Mitarbeitenden Privatleben und Arbeit noch besser miteinander vereinbaren können.“

Von Christoph Höland/RND