Donnerstag , 6. Oktober 2022
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Die Salzgitter AG feiert Rekordhalbjahr trotz Inflation. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Krisengewinner: Warum RWE, Hapag Lloyd und die Stahlkonzerne so viel verdienen wie lange nicht mehr

Inmitten von Krisenmeldungen und düsteren Prognosen verdienen einige Unternehmen sehr gut. Zum Teil steckten sie noch vor wenigen Jahren tief in Schwierigkeiten, jetzt berichten sie von Umsatzsprüngen und Rekordergebnissen. Die Unternehmen haben eins gemeinsam: Ihre Produkte sind aktuell knapp und nicht beliebig vermehrbar.

Reedereien

Ein Jahrzehnt lang waren die Schifffahrtskonzerne der Inbegriff von Krise. Die Rezession nach der Lehman-Pleite hatte die Branche aus voller Fahrt gestoppt, seitdem beherrschten Überkapazitäten und Preiskämpfe das Geschäft – bis zum März 2020. Als Corona den Welthandel erneut stoppte, reagierten die Reedereien sofort und strichen ihre Fahrpläne drastisch zusammen. Die Folgen wirken allerdings bis heute nach.

Der Bedarf erholte sich schneller als gedacht. Gleichzeitig machte die Pandemie das Transportgeschäft unberechenbar: Krankheitswellen und Lockdowns entscheiden rund um die Welt, wo gerade Häfen, Fabriken und Läden geschlossen werden. So fehlen Kapazitäten, und die Frachtraten haben sich seit Anfang 2020 vervielfacht. Hapag-Lloyd spricht allein für den Zeitraum seit Anfang 2021 von 77 Prozent. Konzernchef Rolf Habben Jansen berichtete am Donnerstag von Preisrückgängen in den vergangenen Wochen, sieht aber noch keine grundsätzliche Entspannung der Lage.

Entsprechend liest sich die Zwischenbilanz der mit Abstand größten deutschen Reederei: Im ersten Halbjahr lag der Umsatz bei knapp 17 Milliarden Euro und damit fast doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor. Der Nettogewinn verdreifachte sich sogar auf 8,6 Milliarden Euro. Er ist auch deshalb so hoch, weil das Unternehmen in Deutschland aktuell minimale Ertragssteuern zahlt: Dank der 1999 zur Stützung der Branche eingeführten Tonnagesteuer bemisst sich die Steuer an der Größe des Schiffes und nicht am tatsächlichen Gewinn oder Verlust.

Energie

Der RWE-Konzern meldete am Donnerstag nahezu Verdopplungen bei Umsatz und Gewinn. Der Umsatz erreichte 16,2 Milliarden Euro nach 8,6 Milliarden ein Jahr zuvor, der bereinigte Nettogewinn kletterte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 80 Prozent auf knapp 1,6 Milliarden Euro. Das lag vor allem an den steigenden Energiepreisen.

Der Konkurrent Eon hatte am Mittwoch zwar ebenfalls von starkem Umsatzwachstum berichtet, dabei aber etwas weniger verdient als ein Jahr zuvor. Das liegt an den mittlerweile unterschiedlichen Geschäftsmodellen: Eon hat die Stromproduktion fast völlig aufgegeben. Der Konzern konzentriert sich auf Netzbetrieb und Dienstleistungen und muss den Strom für seine Kunden selbst einkaufen – zu gestiegenen Preisen.

RWE dagegen konzentriert sich auf die Stromerzeugung und den Handel. Die geplante Gasumlage zur Rettung systemrelevanter Gasimporteure wolle man nicht in Anspruch nehmen, sagte Vorstandschef Markus Krebber. „RWE ist ein finanzstarkes und robustes Unternehmen. Wir erwägen daher, bis auf Weiteres darauf zu verzichten, unsere Verluste aus der Gasersatzbeschaffung für diese Umlage geltend zu machen“, sagte Krebber bei der Vorlage der Halbjahreszahlen in Essen. „Wir würden diese dann (...) selber tragen.“

Dank eines Kapazitätsausbaus und besserer Windverhältnisse produzierte RWE im ersten Halbjahr 20 Prozent mehr Strom aus erneuerbaren Energien als ein Jahr zuvor. Dieses Jahr würden mehr als 5 Milliarden Euro in den Ausbau des grünen Portfolios investiert, kündigte Krebber an. Dies seien rund 30 Prozent mehr als ursprünglich geplant. RWE habe keine Pläne, die Dividende zu erhöhen. Die Gewinne würden zu höheren Investitionen führen.

Stahl

Die beiden größten deutschen Stahlhersteller profitieren von den gestiegenen Stahlpreisen. Diese haben in den vergangenen Monaten die höheren Kosten für Rohstoffe und Energie mehr als ausgeglichen. Die Preise gingen hoch, als sich die Nachfrage noch während der Pandemie stark erholte – die Kapazitäten aber nicht genauso schnell wieder hochgefahren werden konnten.

Die immer wieder von Krisen heimgesuchte Branche verdient damit im Moment so gut wie selten. Bei Thyssenkrupp stieg der Konzernumsatz in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs 2021/22, das noch bis Ende September läuft, auf 30,6 Milliarden Euro. Das ist ein Viertel mehr als vor einem Jahr. Der um Sondereffekte bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) konnte mit 1,9 Milliarden Euro mehr als verdreifacht werden.

Der kleinere Konkurrent Salzgitter feierte ein Rekordhalbjahr. Der Umsatz stieg um die Hälfte auf 6,6 Milliarden Euro, der Gewinn vor Steuern verdreifachte sich auf 970 Millionen Euro. Vorstandschef Gunnar Groebler sprach von dem „mit Abstand besten operativen Halbjahresergebnis in der Unternehmensgeschichte“. Es hilft, ein riesiges Investitionsprogramm zu finanzieren: Der Aufsichtsrat hat bereits 700 Millionen Euro für das Projekt Salcos freigegeben, das bis 2033 zur kompletten Umstellung des Hüttenwerks auf CO2-arme Produktion führen soll.

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Von Stefan Winter/RND