Mittwoch , 30. September 2020
In der Regel müssen Kirchenmitglieder neun Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer zusätzlich als Kirchensteuer abführen - in Bayern und Baden-Württemberg sind es acht Prozent. Quelle: imago images/CHROMORANGE

Sind Jüngere bald befreit? Die Kirchensteuer auf dem Prüfstand

Die Evangelische Kirche denkt darüber nach, Berufseinsteiger von der Kirchensteuer auszunehmen. Grund sind die vielen Austritte im vergangenen Jahr. Normalerweise müssten sie neun Prozent der Lohnsteuer an die Kirche zahlen. Alle Details über die ungeliebte Abgabe im Überblick.

Die Kirchen in Deutschland leiden unter der Corona-Krise. Nicht nur waren lange Zeit Gottesdienste verboten und später manchmal Ort der Ansteckung. Auch finanziell trifft die Kirche die Pandemie. Denn durch den wirtschaftlichen Einbruch und die hohe Zahl von Kurzarbeitern verringern sich auch die Einnahmen der Kirche über die Kirchensteuer. Die evangelischen Landeskirchen und die katholischen Bistümer rechnen im laufenden Jahr mit Einnahmeverlusten von 10 Prozent.

Dennoch denkt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) derzeit laut darüber nach, die Kirchensteuer für bestimmte Bevölkerungsgruppen zu senken. “Wir diskutieren darüber, ob es vernünftig ist, für die Gruppe der Berufseinsteiger mit der Kirchensteuer eventuell noch zu warten oder sie zu reduzieren”, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm der “Welt” (Montag). Auch erwäge man, “generell flexibler zu sein, bei der Kirchensteuer Rücksicht auf bestimmte Lebenssituationen zu nehmen, die das Kirchenrecht bisher nicht vorsieht, die menschlich aber nachvollziehbar sind”. Grund sind die zuletzt stark gestiegenen Kirchenaustritte.

Eine reduzierte Abgabe soll junge Menschen nach dem Berufseinstieg dazu bewegen, Kirchenmitglied zu bleiben und nicht nach dem ersten Durchsehen der Lohnabrechnung der Kirche den Rücken zu kehren. Denn die Kirchensteuer kann abhängig von Gehalt und Steuerklasse durchaus einen beträchtlichen Posten ausmachen. Ein Überblick über die umstrittene Abgabe:

Wie hoch ist die Kirchensteuer?

Das kommt auf die Einkünfte an. Die Kirchensteuer wird automatisch über das Finanzamt eingezogen und dann an die Kirchen weitergegeben. Für die Dienstleistung der staatlichen Finanzämter bezahlen die Kirchen zwischen zwei und vier Prozent des Steueraufkommens als Gebühren an den Staat.

Ein Beispiel: Ein lediger Arbeitnehmer ohne Kinder und einem Bruttomonatslohn von 3500 Euro in Niedersachsen zahlt rund 48 Euro Kirchensteuer im Monat (Lohnsteuerklasse 1, Jahr 2020).

Auch auf Kapitalerträge wird Kirchensteuer erhoben. Seit 2015 behalten die Banken die Abgabe automatisch ein und führen sie zusammen mit der Abgeltungsteuer und dem Solidaritätszuschlag an das Finanzamt ab. Dazu fragt die Behörde einmal jährlich beim Bundeszentralamt für Steuern an, ob der Steuerzahler am Stichtag 31. August kirchensteuerpflichtig war. Diesem Datenabruf können Bundesbürger schriftlich widersprechen – dann müssen sie die Anlage KAP der Steuererklärung ausfüllen und dort die Kapitalerträge angeben.

Wer muss Kirchensteuer zahlen?

Grundsätzlich alle Kirchenmitglieder, die steuerpflichtige Einkünfte haben. Ausgenommen sind also Kinder und Jugendliche sowie Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, die keine Steuern zahlen. Auch Rentner müssen nur dann Kirchensteuer zahlen, wenn sie einkommensteuerpflichtig sind. Das ist meist der Fall, wenn Sie eine entsprechend hohe Rente oder Pension bekommen oder weitere Einkünfte zum Beispiel aus Vermietung haben.

Was wird jetzt diskutiert?

Die evangelische Kirche denkt gerade darüber nach, ob Berufseinsteiger künftig einen reduzierten Satz zahlen sollen oder für eine begrenzte Zeit ganz von der Steuer ausgenommen werden. Der Grund sind die vielen Kirchenaustritte: Im vergangenen Jahr haben eine halbe Million Deutsche der Kirche den Rücken gekehrt. Bei den Katholiken waren es 272.771, bei den Protestanten 270.000 Menschen. Bedford-Strohm sagte der “Welt”, viele junge Menschen seien mit Studium und Ausbildung beschäftigt und verlören womöglich den Kontakt zur Kirche. “Und wenn sie dann ihr erstes Gehalt bekommen, fragen sie sich, warum sie Kirchensteuern zahlen sollen, und treten aus.” Die Kirche stelle sich daher die “Frage, was wir tun können, um die Gruppe der 25- bis 35-Jährigen in möglichst hoher Zahl in der Kirche zu halten.”

Kann ich die Kirchensteuer in der Steuererklärung geltend machen?

Ja, die Kirchensteuer ist in voller Höhe steuerlich absetzbar, sie gilt als Sonderausgabe. Kirchenmitglieder können sich also einen Teil der Abgabe mit der Steuererklärung wiederholen. Laut dem Lohnsteuerhilfeverein gehört der gezahlte Betrag im Mantelbogen der Steuererklärung auf Seite 2 in den Absatz “Kirchensteuer”.

Was hat es mit der sogenannten Kappung auf sich?

Weil Menschen, die besonders gut verdienen, sehr viel Kirchensteuer zahlen müssten, gibt es für sie eine Sonderregelung. Demnach soll die Kirchensteuer nie mehr als einen bestimmten Prozentsatz der Einkünfte ausmachen. Dieser sogenannte Kappungssatz liegt je nach Bundesland zwischen 2,75 und 4 Prozent des zu versteuernden Einkommens. Das gilt für alle Bundesländer außer für Bayern – dort gibt es keine Kappung.

Wie hoch sind die Einnahmen durch die Kirchensteuer?

Die katholische Kirche hat im vergangenen Jahr 6,761 Milliarden Euro an Kirchensteuer eingenommen. Bei der evangelischen Kirchen waren es mit 5,948 Milliarden Euro etwas weniger. Bei beiden Kirchen sind die Einnahmen im Vergleich zu 2018 gestiegen – bei der katholischen Kirche um 1,8 Prozent, bei der Evangelischen um 2,7 Prozent. Für 2020 erwarten die Kirchen coronabedingt aber einen starken Rückgang der Einnahmen.

mit dpa und epd

Von Anne Grüneberg/RND