Mittwoch , 30. November 2022
Anzeige
Die Autoindustrie etwa könnte deutlich von der Inflationsprämie profitieren. Quelle: imago images/photothek

Mittelstand kritisiert: Inflationsprämie hilft vor allem Beschäftigten in Großunternehmen

Bis zu 3000 Euro Einmalzahlung sollen Arbeitgeber demnächst ihren Beschäftigten ganz ohne Steuern und Abgaben zahlen können, so plant es die Bundesregierung derzeit. „Viele kleine und mittlere Unternehmen werden es sich angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Situation kaum leisten können, eine Prämie in dieser Höhe an ihre Belegschaft zu zahlen“, warnt nun Markus Jerger, Vorsitzender des Mittelstandsverbands BVMW.

Gerade kleinere Unternehmen kämpften derzeit ums Überleben, könnten Energiepreise kaum bezahlen, beklagte Jerger. Mehrere Zigtausend Euro Mittelabfluss für Einmalzahlungen würden sie kaum verkraften. „Wir gehen daher eher davon aus, dass diese Einmalzahlung ausschließlich Angestellten zugutekommen wird, die unter Tarifverträgen in großen Unternehmen beschäftigt sind“, sagte Jerger dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Zuvor hatte bereits Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger im RND-Interview gesagt, dass viele Unternehmen derzeit wohl nicht von der sogenannten Inflationsprämie Gebrauch machen könnten.

Angekündigt hatte die Bundesregierung das Vorhaben bei Bekanntgabe des jüngsten Entlastungspakets. Zwar sind noch viele Details unklar, doch schon am kommenden Mittwoch will sich das Kabinett mit dem Vorhaben befassen. Dem „Spiegel“ sagte Finanzminister Christian Lindner am Freitag, dass die Steuer- und Abgabenbefreiung für Einmalzahlungen bis Ende 2024 gelten solle.

Fast 1500 Euro dank Steuerbefreiung

Dem arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zufolge kann der fiskalische Rabatt bei Einmalzahlungen eine üppige Entlastung mit sich bringen: Werden die 3000 Euro ausgeschöpft, fallen demnach bei 25.000 Euro Jahreseinkommen 1220 Euro weniger Steuern und Abgaben an. Bei 50.000 Euro Verdienst seien es 1420 Euro und bei 75.000 Euro Einkommen 1440 Euro.

Die Summe erhalten Beschäftigte nicht unmittelbar, verpflichtend werden die Zahlungen laut Lindner ebenfalls nicht. Aber sofern Unternehmen Einmalzahlungen leisten können, kommt netto wesentlich mehr bei den Beschäftigten an – auch im Vergleich zu normalen Gehaltssteigerungen, bei denen auf das Lohnplus Steuern und Abgaben fällig werden. Arbeitgeberpräsident Dulger befürwortete die steuerbefreite Einmalzahlung grundsätzlich. „Die Beschäftigten bekommen schnell zusätzliches Geld, für die Arbeitgeber entstehen langfristig keine höheren Kosten.“

„Falsch und unverantwortlich“

Beim Mittelstand sieht Jerger das anders: „Falsch und unverantwortlich“ sei die Inflationsprämie. Nicht nur fehlten kleinen und mittleren Unternehmen die Mittel dafür, auch verlagere der Staat die Abfederung der aktuellen Belastungen auf Unternehmen, deren Liquidität ohnehin belastet sei. „Dabei gäbe es deutlich bessere Lösungen“, meint Jerger – und plädiert für einen zeitlich befristeten Verzicht auf Steuervorauszahlungen, die Ausweitung des steuerlichen Verlustrücktrags von zwei auf fünf Jahre oder eine Senkung von Steuern und Sozialabgaben. „Davon würden die Beschäftigten deutlich schneller und dauerhafter profitieren als von einer schlichten Einmalzahlung.“

Zwar sprechen Gewerkschaften, Arbeitgeber und Politik im Moment im Rahmen der konzertierten Aktion über die Frage, wie sich verhindern lässt, dass Lohnsteigerungen die hohe Inflation weiter anheizen. Doch als Ersatz für höhere Entgelte will Sebastian Dullien, Chefökonom am gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunktur (IMK), die dank Steuerbefreiung erhöhte Einmalzahlung nicht verstanden wissen: Mit ihr könnten zwar Belastungen abgefangen werden, auch um die Kaufkraft zu stabilisieren. „Mit den Zusatzzahlungen jetzt quasi Nullrunden bei den Tariftabellen zu rechtfertigen wäre aus meiner Sicht falsch“, sagte Dullien dem RND.

Von Christoph Höland/RND