Mittwoch , 30. November 2022
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Tanks von Transneft, einem staatlichen russischen Unternehmen, das die Erdöl-Pipelines des Landes betreibt, im Ölterminal von Ust-Luga. Quelle: Stringer/dpa

25 Dollar Rabatt: Russland verramscht sein Öl, um die Kriegskasse zu füllen

Russlands Ölgewinne sprudeln auch sieben Monate nach Kriegsbeginn weiter und füllen die Kriegskasse des Kremlchefs. In der kommenden Woche wollen die EU‑Staaten mit einem achten Sanktionspaket auf die Mobilmachung in Russland reagieren. Als eine Maßnahme steht der lange diskutierte Ölpreisdeckel im Raum. Für eine solche Preisobergrenze für russisches Öl hatten sich Anfang des Monats bereits die G7‑Staaten ausgesprochen. Er schwäche Russland und sorge für geringere Energiekosten in Europa, so die Begründung.

„Der Ölpreisdeckel kann nur effektiv sein, wenn ihn mehr Länder als bisher unterstützen, also vor allem auch China, Indien und die Türkei“, erklärt Steffen Bukold, Ölmarkt­experte und und Leiter des Forschungs- und Beratungsbüros Energycomment in Hamburg. Er glaubt jedoch, dass selbst dann die Versuchung zu groß sein wird, den Preisdeckel zu umgehen. „Raffinerien aus aller Welt werden dann billiges russisches Rohöl kaufen wollen und inoffiziell höhere Preise bieten“, sagt er im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Selbst für Ölexporteure wie Saudi-Arabien sei billiges russisches Öl interessant. „Es kann im Binnenmarkt verbraucht werden und macht mehr saudisches Öl für den Export zum Weltmarktpreis frei.“

Dennoch würden Ölsanktionen für Russland einen erheblichen finanziellen Schaden bedeuten, da der Transport­aufwand enorm steige und die Exportmengen insgesamt sinken werden. Das gilt laut Ölexperte Bukold besonders bei einem „Verbot für Versicherer, Rückversicherer, Finanzinstitute und Tanker­leasing­gesellschaften aus der EU, bei der Abwicklung russischer Öltransporte mitzuwirken“. Diese Maßnahme wird derzeit ebenfalls diskutiert und würde den Export von russischem Öl massiv erschweren.

Für Russland sind die Einnahmen aus dem Ölgeschäft „um den Faktor vier bis fünf“ wichtiger als aus dem Gasverkauf, so Rolf Langhammer vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Derzeit gelangt weiterhin russisches Öl nach Europa, denn das EU‑Embargo tritt für Rohöl erst zum 5. Dezember und für Ölprodukte zum 5. Februar 2023 in Kraft. In den vergangenen Monaten hat Russland es geschafft, in Indien, China und der Türkei deutlich mehr Öl abzusetzen als bisher. Dabei gehörte Indien aufgrund der großen Entfernung bisher nicht zu den großen Ölkunden Russlands. „Der plötzliche Anstieg der indischen Importe lässt sich nur mit den hohen Rabatten auf russisches Öl erklären“, sagt Bukold. Ein Teil des russischen Öls verbrauche Indien selbst, ein nicht unerheblicher Teil kehre nach der Raffinierung wieder auf den Weltmarkt und auch nach Europa zurück.

Wie viel Öl Indien, China oder die Türkei von Russland kauft, hängt vom Preis und möglichen politischen Kosten ab. Dass sich die Länder aber auch schnell wieder von Russland abwenden, zeigt das Beispiel Indien derzeit. Da Öl aus Afrika und dem Nahen Osten in den vergangenen Wochen sehr günstig war, hat Indien dort größere Mengen eingekauft und nicht bei Russland. In diesem Monat hat Indien bisher etwa zwei Millionen Tonnen russisches Rohöl eingekauft, im August waren es noch 3,55 Millionen Tonnen, berichtet Reuters. Dieses Minus hat Indien mit größeren Mengen afrikanischen Öls ausgeglichen. In diesem Monat stiegen die Importe bereits auf 2,35 Millionen Tonnen gegenüber 1,16 Millionen Tonnen im August.

Russland wird sein Öl trotz sieben Monaten Krieg weiterhin los, verdient aber weniger. Russische Ölexporteure bieten bereits Rabatte, Frachtkosten, Versicherung, flexible Zahlungs­optionen und weitere Vergünstigungen an, um Käufer zu finden. Russland muss sein Öl laut Experte Bukold aber mit einem Rabatt von etwa 25 Dollar anbieten und auch die erheblichen Frachtkosten übernehmen. „Zieht man davon noch die Produktions­kosten in Russland ab, verdient das Land also nur noch etwa 30 bis 40 Dollar pro Barrel.“ Die Gewinne aus dem Ölgeschäft sind also spürbar kleiner geworden.

Einen Einbruch der russischen Ölexporte nach Europa sehen Experten bisher aber trotzdem nicht. Die Exporte in die EU sind seit dem Sommer etwas gefallen, so Bukold, laufen aber zum großen Teil weiter. Wenn ab Dezember der europäische Markt für russisches Öl wegbricht, ändert sich die Situation. Kaum jemand rechnet daher damit, dass Russland seine Ölexporte auf dem bisherigen Niveau aufrecht­erhalten kann. Zwar haben auch kleinere Länder wie Sri Lanka und Kuba Interesse, die geringen Mengen fallen aber nicht ins Gewicht.

Traditionell gehen etwa 40 Prozent der russischen Mengen in die EU, darunter Rohöl und viele Ölprodukte wie insbesondere Diesel. Vor dem Krieg importierte kein Land so viel Rohöl und Ölprodukte in der EU wie Deutschland. Inzwischen verkauft Russland noch etwas mehr als ein Viertel seiner Ölexporte in Europa. Laut dem in Finnland ansässigen Forschungsinstitut Centre for Research on Energy and Clean Air (Crea) verdient Russland mit dem Export von Öl, Gas und Kohle mehr, als es für den Krieg gegen die Ukraine ausgibt.

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Von Sven Christian Schulz/RND