Mittwoch , 30. November 2022
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In Polen ist am 17. September zwischen der Ostsee und dem Frischen Haff ein Kanal gebaut worden, um den Seeweg aufs offen Meer zu verkürzen. Bisher war das Frische Haff für Schiffe von der Ostsee aus nur über russisches Territorium erreichbar. Mit dem Kanal will Polen dem Hafen von Elblag (Elbing) freien Zugang zum Meer sichern. Die Kosten für den Bau werden auf knapp eine halbe Milliarde Euro geschätzt. Quelle: Adam Warzawa/pap/dpa

Im Krieg verlieren alle, aber der Kreml ist der relative Gewinner

Berlin. Für das ersten Halbjahr konnte der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft (OA) noch eine positive Bilanz im Osthandel ziehen, weil das eingebrochene Russland-Geschäft durch mehr Warenverkehr mit Mittelosteuropa, insbesondere Polen und Tschechien, kompensiert wurde.

Doch nun sieht es weniger optimistisch aus. In den deutschen Nachbarländern schwächt sich die Industriekonjunktur deutlich ab.

Der makroökonomische Ausblick für das zweite Halbjahr, den Analysten der Raiffeisen Bank International und der Commerzbank jetzt beim OA vorgelegt haben, geht weiterhin von zweistelligen Inflationsraten aus.

In Zentraleuropa und Russland erreicht die Inflation demnach 13,8 Prozent, in Südosteuropa 11,9 und in der Ukraine 21,4 Prozent. Nur die Euro-Zone bleibt mit 8 Prozent einstellig.

Mit Blick auf 2023 erholt sich Russland am stärksten mit einer prognostizierten Inflation von dann noch 7,5 Prozent, während die Ukraine bei fast 25 Prozent landet. Für die Euro-Zone sagen die Experten 6 Prozent voraus.

Auch beim Bruttoinlandsprodukt sackt die durch Russlands Angriffskrieg schwer getroffene Ukraine mit minus 33 Prozent am stärksten ab. Für die Euro-Zone erwartet man noch ein Plus beim Wirtschaftswachstum von 3 Prozent, und Russland schneidet mit minus 3,5 Prozent wesentlich besser ab als noch im Frühjahr prognostiziert (minus 8).

Als Fazit fassen die Marktbeobachter zusammen, dass alle durch den Krieg verlieren, aber der Kreml der relative Gewinner ist. In Russland brechen zwar sanktionsbedingt die Importe um bis zu 50 Prozent ein, aber die Energieexporte sind weitgehend stabil, sodass 2022 sogar ein Leistungsbilanzüberschuss von 11 Prozent entsteht, der höchste seit 1999.

Mit einem Rückzug aus der Globalisierung und einer „Festung-Russland-Strategie“ hat sich Moskau offenbar seit Jahren auf die aktuelle Situation vorbereitet und verkraftet diese deshalb besser als zunächst gedacht.

Von Jan Emendörfer/RND