Mittwoch , 28. Oktober 2020
Viele Karstadt-Filialen müssen schließen. Quelle: imago images/Raimund Müller

Aus der Zeit gefallen: Goodbye, Karstadt

Einkaufen bei Karstadt ist für unseren Autoren wie ein Ausflug in die Achtzigerjahre. In manchen Filialen scheint die Zeit regelrecht stehen geblieben zu sein – man kauft „Herrenbekleidung“ statt „Fashion“, isst Roulade statt „Bulgur Buddha Bowl“. Ein ganz persönlicher Abschiedsbesuch in einem Kaufhaus, das es in vielen Städten leider bald nicht mehr geben wird.

Bielefeld. Im Eingangsbereich der Karstadt-Filiale riecht es muffig. Jahrelang bin ich hier nicht mehr gewesen. Es gibt dort aber noch immer diesen merkwürdigen Zwischenraum am Eingang, eine Art Schleuse mit jeweils zwei verglasten Türen. Der Fußabtreter liegt dort wohl schon einige Jahre, an ihm kleben eingetretene Kaugummis und allerhand Undefinierbares.

Das Unangenehmste an diesem Zwischenraum ist jedoch das Gebläse. Es ist ziemlich laut – und es stößt jedem Kunden beim Reinkommen und Rausgehen einen großen Schwall warmer Luft ins Gesicht. Ich möchte nicht wissen, was da alles drin ist.

Alles wirkt vertraut

Das Gebläse nennen Fachleute Türluftschleier. Es dient dazu, einen Luftaustausch zwischen drinnen und draußen zu verhindern, etwa um im Winter die Heizkosten zu senken. Der Türluftschleier wirkt wie eine unsichtbare Wand: Mithilfe eines Gegendrucks sorgt er dafür, dass die warme Luft aus dem Kaufhaus nicht entweicht und Kunden die kalte nicht hereintragen.

Das erklärt aber noch lange nicht, warum es in dieser Schleuse so streng riecht. Ist es der verranzte Fußabtreter? Ist es diese Geruchskombination aus Pralinen- und Parfümabteilung, die sich dort zu einen Konglomerat vermischt? Oder kommt der Gestank doch aus dem Gebläse?

Fest steht: So unangenehm das Betreten des Karstadt-Gebäudes ist, so angenehm vertraut ist es auch. Das Gebläse, der Muff, der ranzige Fußabtreter – all das war auch früher schon da. Es fühlt sich noch immer so an wie ein Karstadt-Besuch vor 20 Jahren. Ein Stück Beständigkeit in unbeständigen Zeiten.

Kaufhaus Meyer statt Plattenladen

Meine erste Begegnung mit einem Kaufhaus dieser Art dürfte Anfang der Neunzigerjahre gewesen sein – damals gab es noch deutlich mehr als nur eine Kette. Häufig waren die Besuche mit einem unangenehmen Familienausflug verbunden – etwa zum Zahn- oder Augenarzt. Anschließend ging es zur Belohnung in die Spielwarenabteilung eines Kaufhauses. Durch den muffigen Eingangsbereich, durch das Gebläse und dann in die zweite Etage. Denn da gab es bekanntlich alles: vom Siku-Trecker bis zum Playmobil-Set.

Später wurden die Kaufhäuser zur ersten Anlaufstelle für Musik. Wer auf dem Dorf aufwuchs, hatte dort keine richtigen Plattenläden. Ein Ausflug in die nächstgrößere Stadt führte daher unweigerlich in die CD-Abteilung eines Kaufhauses – denn die waren damals riesig. Kaufhaus Meyer beispielsweise, ein Familienunternehmen in meiner Heimatstadt, hatte eine komplette Etage, in der Musik und Filme gekauft werden konnten – heute unvorstellbar.

Hier konnte man an einer Wand mit fünf bis zehn CD-Spielern und riesigen Kopfhörern in jede “Bravo Hits” oder “Future Trance” auch erst mal reinhören, bevor man sie kaufte – sofern der knurrige Student hinter dem Tresen einen ließ. Hatte er einen guten Tag, so verkaufte er das neueste Album eines Künstlers auch schon mal ein, zwei Tage vor Releasedatum. Gleiches galt für Filme, wie etwa “Titanic” – ein höchst illegales Unterfangen. Manchmal bestellte er treuen Kunden sogar Musik aus dem Ausland, an die man in Deutschland einfach nicht rankam.

Die CD-Abteilung von Karstadt war noch mal eine Nummer krasser. Wer hier nach Musik suchte, wurde garantiert fündig. Und deshalb nahmen wir auch manchmal Bahnfahrten von einer Stunde in Kauf, um in der nächstgelegenen Großstadt bei Karstadt shoppen zu gehen. Ich erinnere mich auch, dass ich bei Karstadt in Bielefeld mein erstes Tamagotchi gekauft habe. Das müsste 1997 gewesen sein, es kostete um die 30 Mark.

Monotone Zweckbauten

Doch Kaufhäuser wie Karstadt oder Kaufhaus Meyer haben nicht nur meine Generation geprägt. Ihre Geschichte beginnt bereits sehr viel früher, etwa um 1900 – wenige Jahre später steigt die Firma Hermann Tietz (später kurz: Hertie) zum größten Warenhauskonzern Europas auf. In vielen deutschen Städten entstehen prunkvolle Hallen, die der französische Schriftsteller Émile Zola als “Kathedralen des Handels” bezeichnet. Das Prinzip “Alles unter einem Dach” wird zum Erfolgsrezept.

Die Medien sprechen damals von einer Demokratisierung des Konsums. “Die vornehme Dame steht schwesterlich neben der kleinen Choristin, und keine wird vor der anderen bevorzugt”, schreibt beispielsweise das “Berliner Tageblatt” 1907 bei der Eröffnung des Berliner KaDeWe. Nach dem Zweiten Weltkrieg müssen viele der Warenhäuser neu aufgebaut werden – dabei enstehen die monotonen Betonklötze, die auch heute noch das Bild vieler Fußgängerzonen prägen.

Der Charme aus dieser Zeit ist bis heute geblieben. Wer es durch den “Türluftschleier” einer Karstadt-Filiale schafft, betritt eine Welt, die irgendwann in den Sechzigern geschaffen und in den Achtzigerjahren stehen geblieben ist. Eine alte Frau lässt sich in der Parfümabteilung beraten, wenige Meter weiter locken schaurig-schöne Accessoires für Haus und Garten. Im Untergeschoss der Filiale gibt es jetzt einen Kiosk, der gleichzeitig eine Postfiliale ist. Es ist die offenbar einzige Neuerung der vergangenen Jahre, mal abgesehen von den Smoothies im Kühlregal des Karstadt-Lebensmittelmarktes. Und Ed Sheeran, der durch die uralten Boxen in der Deckenverkleidung knarzt.

“Damenwäsche” und “Elektrogroßgeräte”

Auch die Fahrt über die Rolltreppe ist eine Reise in die Vergangenheit. Eine Lautsprecherstimme weist auf die Sonderangebote im zweiten Obergeschoss hin. In denen darüber findet man “Herrenbekleidung” und “Damenwäsche” und “Elektrogroßgeräte” – völlig aus der Zeit gefallene Begriffe, die in diesem Kaufhaus jedoch nicht wegzudenken sind. Nicht auszudenken, würde hier jemand das Wort “Fashion” auf ein Plakat schreiben. Durch die Abteilungen laufen Verkäufer in Hemd, mit Namensschild und Krawatte. Sie grüßen und helfen ihren meist älteren Kunden freundlich weiter.

Eine weitere Institution ist die Karstadt-Kantine. Diese heißt heute “Le Buffet”. Damit wollte man ihr offenbar ein hochwertigeres, modernes Image geben – die Speisekarte ließ man dabei aber außer Acht.

Im Karstadt-Restaurant gibt es weiterhin Hühnerfrikassee mit Reis, Schnitzel mit Pommes, Roulade mit Rotkohl. Alle Gerichte werden in Blechbehältern warmgehalten, das Gemüse mit einer Kelle und einer großen Pfütze Wasser auf die Teller befördert. Anschließend streuselt die Bedienung ein paar Kräuter auf das Fleisch, für die Optik. Das fühlt sich fast ein bisschen zu modern an – früher hätte es das nicht gegeben.

Roulade statt “Bulgur Bowl”

Dennoch: Die Gerichte im Karstadt-Restaurant sind die essbaren Achtzigerjahre, der trotzige Gegenentwurf zur “Bulgur Buddha Bowl”. Der letzte Zufluchtsort für all diejenigen, die ihr Fleisch noch mit Kartoffeln und gemischtem Gemüse genießen wollen – und nicht mit Couscous. Da kann man ja gleich Sand essen. Auch die Aktionstage versprühen Nostalgie. Dienstags ist das Motto im Karstadt-Restaurant beispielsweise “So schmeckt Heimat!”.

Und irgendwie ist es tatsächlich schade, dass es mit diesem Retrofeeling bald vorbei sein dürfte. Der Marktanteil von Warenhäusern am Gesamthandel ist von 12,2 Prozent in den Siebzigerjahren auf 2,4 Prozent im Jahr 2019 geschrumpft. Direkt neben meiner Karstadt-Filiale hat vor drei Jahren ein riesiges neues Einkaufszentrum aufgemacht. Dort ist es nicht muffig, dort gibt es auch keinen Rotkohl. Dort ist alles hip und funkelnd – und es gibt überhaupt keinen Grund mehr, in die Achtzigerjahre zu reisen, wenn man das alles auch in neu haben kann.

Kaufhaus Meyer, mein Plattendealer von damals, hat bereits 2011 nach 55 Jahren geschlossen. Das Unternehmen Galeria Karstadt Kaufhof, die letzte große deutsche Kaufhauskette, gab im Juni bekannt, mindestens 50 seiner Filialen zu schließen. Nachdem das Unternehmen bereits seit Jahren in der Krise gesteckt hatte, gab Corona ihm den Rest. Meine Karstadt-Filiale ist von den Schließungen nicht betroffen – zumindest vorerst. Doch das Restaurant soll im Herbst verschwinden. Und mit ihm die Roulade, der Rotkohl und das Hühnerfrikassee. Es sei “nicht mehr zeitgemäß”, heißt es vom Unternehmen als Begründung.

Tristesse als Lifestyle

An diesem Tag sitzen im Karstadt-Restaurant ein paar Männer in Anzügen und eine Gruppe Senioren mit Kartenspielen. Die einen genießen ihre Mittagspause mit einer Currywurst, Letztere ihren Kaffee und Kuchen, wie wahrscheinlich schon die letzten 30 Jahre. Marmorkuchen, Pflaumenkuchen, Käsekuchen – auch hier gibt es im Sortiment nichts Außergewöhnliches. Diese Tristesse ist für sie nicht nur unangenehmes Beiwerk, diese Leute sitzen hier aus Überzeugung. Die Tristesse als Lifestyle, quasi.

Dass dieser Lifestyle nun in vielen Städten verschwindet, ist schade. Und mal ehrlich: Kartenspielen im Einkaufszentrum nebenan, mit einer “Bulgur Buddha Bowl” statt Käsekuchen – das ist auch einfach nicht das Gleiche.

Von Matthias Schwarzer/RND