Samstag , 3. Dezember 2022
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Die grafische Darstellung zeigt den Querschnitt eines Kabels einer Glasfaserleitung im Meer. Quelle: picture alliance / dpa

So verletzlich ist das Nervensystem des World Wide Web

Berlin. Der Krieg unter dem Wasser ist nichts Neues. Spätestens seit dem Einsatz von Unterseebooten zeigen sich gegnerische Marinestreitkräfte in den Meerestiefen die Zähne. Sie sind hoch gerüstet, schnell und können – fast unsichtbar – sehr lange Unterwasser bleiben. Gegen sie hätte Käpt‘n Nemo mit seiner „Nautilus“ keinen Blumentopf gewinnen können.

Inzwischen geht es jedoch nicht mehr allein ums Versenken von Schiffen oder den Beschuss von Städten – Gegner zu schwächen hat heutzutage im hohen Maße mit der Herrschaft über Daten- oder Energieflüsse zu tun. Auch wenn über die Ostseepipelines gerade kein Gas geliefert wird: die mysteriösen Lecks in Nord Stream 1 und 2 haben zuletzt gezeigt, wie verletzbar die technischen Infrastrukturen auf dem Meeresboden sind.

Erstes Seekabel 1850

Das erste Seekabel wurde am 28. August 1850 zwischen dem englischen Dover und dem französischen Cap Gris-Nez bei Calais als Telegrafenkabel verlegt. Fast acht Jahre darauf, am 16. August, ging das erste zwischen Südwestirland und Neufundland verlegte Transatlantikkabel in Betrieb.

Heute führen etwa 450 Unterwasserkabel zwischen den Kontinenten durchs Meer, mit einer geschätzten Gesamtlänge von 1,3 Millionen Kilometern. Andere sprechen davon, man könne mit ihnen den Äquator 30-mal umwickeln. Es handelt sich bei den Kablen vor allem um Datenleitungen – denn das Internet führt zu 95 Prozent durch die See.

Die Kabel können den Umfang eines durchschnittlichen menschlichen Oberschenkels haben – das entspricht in etwa 50 bis 60 Zentimetern. Die Stärke liegt vor allem an den Schutzschichten aus Kunststoffen um die eigentlichen Datenleitungen, die inzwischen aus Glasfaser bestehen. Der dicke Mantel dient dem Schutz vor Wasser, Kälte, Tieren oder Ankern.

Wirtschaft auf Echtzeit angewiesen

In einer auf Transaktionen in Echtzeit angewiesenen Wirtschaft und einem stetig wachsenden Datenverkehr in gigantischer Größe wecken vor allem die Datenkabel Begehrlichkeiten oder werden unweigerlich Ziel in direkten Konflikten zwischen einzelnen Ländern oder Mittel zum Zweck hybrider Kriegsführung.

Allerdings: Angezapft wurden sie auf die eine oder andere Art schon länger.

Während des Kalten Kriegs zwischen Ost und West zum Beispiel konnte die US-Navy Abhörgeräte an sowjetischen Unterseekabel anbringen, berichtete Mauro Gilli, Senior Researcher am Center for Security Studies (CSS) Zürich der NZZ. „Sie erhielt dadurch kritische Informationen über die Aktivitäten, Prozesse und Technologien der sowjetischen Marine. Diese Informationen gaben den USA einen entscheidenden Vorteil im U-Boot-Wettstreit.“

Gilli glaubt, Russland lässt sich so nicht noch einmal angreifen. Im Gegenteil: Die Russen werden selbst tätig. Fast schon legendär ist inzwischen das russische Forschungsschiff „Yantar“, in dem die Nato allerdings ein hoch gerüstetes Spionageschiff sieht. Es untersteht dem Direktorat für Tiefseeforschung (Gugi), einer Abteilung des Moskauer Verteidigungsministeriums.

Geheimnisvolle „Yantar“

Niemand außer den Auftraggebern weiß, was die „Yantar“ genau erforscht. Das Schiff hält sich jedenfalls zunehmend an neuralgischen Punkten in der Nähe von Seekabeln auf, haben Beobachter unter Verwendung öffentlich zugänglicher Daten festgestellt. Ob nun vor Syrien oder Kuba. An Bord hat es zwei bemannte Tauchschiffe und wahrscheinlich auch fernsteuerbare Tauchroboter. Zuletzt bewegte es sich Ende August vor der Küste Irlands, die Ziel der meisten transatlantischen Kabel ist.

Der Verteidigungsanalyst und U-Boot-Experte H. I. Sutton warnt auf seiner Website „Covert Shores“ vor dem russischen U-Boot „Belgorod“. Es sei eines der geheimsten Schiffe, die derzeit gebaut werden. „Es wurde im April 2019 vom Stapel gelassen und begann am 25. Juni 2021 mit der Seeerprobung. Es wird mit der strategischen Nuklearwaffe Poseidon bewaffnet sein und auch geheime Missionen zur Bekämpfung des Meeresbodens durchführen. In der letztgenannten Rolle wird es im Auftrag der Hauptdirektion für Tiefseeforschung (GUGI) eingesetzt. Es ist unklar, welche Rolle Vorrang haben wird.“

Nato-Militärs warnen schon länger

Nato-Militärs argwöhnen schon länger, dass sich die Russen ungebührlich genau über die Lage von Unterseekabeln informieren. Dem Londoner „Guardian“ sagte der Chef der britischen Armee, Admiral Tony Radakin, bereits im Januar 2022, es hätte in den vergangenen zwanzig Jahren eine „phänomenale Zunahme der russischen U-Boot- und Unterwasseraktivitäten“ gegeben. Russland könne mit den Unterseekabeln „das Informationssystem der Welt“ bedrohen und möglicherweise auswerten. US-Admiral James G. Stravridis warnte 2017 in der „Washington Post“: „Unterwasserkabel könnten ein Angriffsziel von Russland sein.“

Im vergangenen Juni veröffentlichten vom Europaparlament beauftragte Forscher eine Studie, die zu dem Schluss kommt, dass der europäische Schutz von im Meer verlegten Glasfaserkabeln miserabel ist. Sie empfehlen mehr militärischen Einsatz in dieser Angelegenheit. Attacken könnten besonders mit Minen und improvisierten Sprengstoffladungen erfolgen.

Bei Experten und Expertinnen umstritten ist jedoch, wie weit und wann der Datenfluss über die Kabel spürbar gebremst oder gestoppt werden kann. Das Abhören oder Ausspähen von Daten sei nur durch konsequente Verschlüsselung zu erreichen, heißt es übereinstimmend. Doch die Sabotage oder Zerstörung von Kabelsträngen durch spezielle Unterwasserdrohnen oder Tauchroboter wäre lediglich in küstennahen Gewässern zu vermeiden. Weit draußen in den Ozeanen sei eine lückenlose Überwachung oder gar Verhinderung so gut wie unmöglich.

Übertriebene Angst?

Unklar ist jedoch, welche Schäden Angreifer wirklich anrichten können, da die Grundstruktur des Internets zum Beispiel redundant angelegt ist. Nicole Starosielski, Professorin an der New York University, schrieb vor sieben Jahren in ihrem Buch „The Undersea Network“: „Die Angst, dass jemand ein oder mehrere Datenkabel angreift, ist überzeichnet.“

Die Forscherin ist überzeugt, dass zwar die Geschwindigkeit von Kommunikationskanäle leiden könne, die Daten sich dann jedoch einen anderen Weg suchen würden. Einen Komplettausfall hält sie deshalb für ausgeschlossen. Andere Fachleute geben jedoch zu bedenken, dass die gleichzeitige Zerstörung mehrerer Datentrassen zur Überlastung anderer Leitungen führen könne. Zumindest partielle Ausfälle wären dann unvermeidbar.

Fischernetze zumeist Ursache

Bislang sind dies Horrorvisionen. Dennoch: Zuletzt war Anfang 2022 die Pazifikinsel Tonga durch einen Vulkanausbruch einen Monat internettechnisch lahmgelegt. Erst dann konnte das zerstörte Kabel repariert werden. Ohnehin sind es zumeist Fischer mit ihren Netzen, die den Kabeln gefährlich werden und für Störungen sorgen. Oder Anker großer Schiffe. Zusammen sind sie für die Hälfte der bislang jährlich registrierten der rund 100 Störungen verantwortlich, heißt es auf der auf Unterseekabel spezialisierten Website Teleography.com.

Das war übrigens schon 1850 beim weltweit ersten Seekabel zwischen Dover und Calais so. Nach der Übertragung des ersten Telegramms wurde die Verbindung durch Verwicklungen mit Fischernetzen unterbrochen.

Von Thoralf Cleven/RND