Samstag , 3. Dezember 2022
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Ein Heizöltank in einem Wohnhaus: Ölheizungen werden wieder beliebter – trotz ungewisser Zukunft. Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dp

Die Ölheizung feiert ein unerwartetes Comeback

Frankfurt am Main. Sie waren schon zu Auslaufmodellen erklärt worden: die Ölheizungen. Auch weil derzeit mit dem zähflüssigen Brennstoff wohlige Wärme billiger erzeugt werden kann als mit Erdgas. Ob dahinter ein dauerhafter Trend steckt, ist noch offen. Klar ist aber, dass die Bundesregierung von 2024 an fossile Brennstoffe zum Heizen nur noch in Kombination mit Erneuerbaren sehen will.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: „Von Anfang Januar bis Ende Juli wurden zwölf Prozent mehr Ölheizungen im Vergleich zum Vorjahr von den Herstellern ausgeliefert“, sagte ein Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Fügt aber sogleich hinzu: „Diesem Plus liegt aber eine relativ niedrige Basis zugrunde. In absoluten Zahlen handelt es sich um 29.000 Anlagen, die in den Verkehr gebracht wurden.“ Im gesamten Vorjahr waren es 45.500 Ölheizungen gewesen, bei einem Gesamtmarkt für Wärmeerzeuger von fast 930.000 Einheiten.

Das könnte aber noch mehr werden. Die aktuellen Preisabstände jedenfalls sind eklatant. Aus Erhebungen, die das Vergleichsportal Verivox am Dienstag veröffentlicht hat, geht hervor, dass eine Kilowattstunde Gas im September 2022 durchschnittlich 21,75 Cent kostete. Im September 2021 belief sich der Preis noch auf 6,49 Cent. „Damit hat sich Gas innerhalb eines Jahres um rund 235 Prozent verteuert“, so Verivox. Für eine Durchschnittsfamilie, die im Jahr 20.000 Kilowattstunden verbraucht, fallen also bei Abschluss eines neuen Liefervertrages rund 4300 Euro in den nächsten zwölf Monaten an.

Auch Heizöl hat sich verteuert, aber in erheblich geringerem Maß. Verivox hat für September im Vergleich zum Vorjahresmonat einen Aufschlag von 114 Prozent errechnet, also etwas mehr als eine Verdopplung. Der Fachdienst Tecson gab für Dienstag als tagesaktuellen Durchschnittspreis 159 Euro für 100 Liter an. Bei einem identischen Wärmebedarf (20.000 Kilowattstunden) muss die Familie, die gerade ihren Tank randvoll gefüllt hat, nur rund 3200 Euro in den nächsten zwölf Monaten bezahlen, sofern sie über einen modernen Brennwertkessel verfügt. Sie kommt so mit einem Tausender weniger als der Erdgaskunde über die Runden.

Freunde der Ölheizung erinnern zudem an die höhere Flexibilität – beim Erdgas muss der Kunde darauf hoffen, dass sein Versorger eine kluge Einkaufspolitik betreibt. Wer Heizöl tankt, kann beim Bestellen des Tankwagens jonglieren und auf günstigere Zeiten hoffen. In den vergangenen Wochen ging die Rechnung auf. Der Hektoliter hat sich seit Ende August um etwa 15 Euro verbilligt. Allerdings gilt zu beachten: Der Preis hängt stark vom Auf und Ab am Rohölmarkt ab. Und dort sind die Notierungen gerade wieder deutlich nach oben gegangen.

Glücksspiel beim Heizöl-Kauf

Ende August kostete das Fass noch 76 Dollar. Am Dienstag waren es knapp 85 Dollar. Der Grund: Die Händler an den Energiemärkten gehen davon aus, dass das Förderkartell Opec+ am Mittwoch beschließt, die Förderung massiv zu kürzen: um eine Million Fass (159 Liter) pro Tag. Die weitere Richtung des Ölpreises ist nur schwer abzuschätzen. Das hängt stark mit den Sanktionen gegen Russland zusammen, da Deutschland im neuen Jahr ganz auf russisches Öl und dessen Produkte verzichten will. Zugleich könnte eine globale Rezession die Nachfrage und damit die Preise drücken.

Beim Erdgas geht es etwas berechenbarer zu: „Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Erdgas von 19 auf sieben Prozent ab Oktober 2022 sorgt für etwas Entlastung“, sagte Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox. Das kann je nach Tarif für die Durchschnittsfamilie die Kosten um mehrere hundert Euro drücken.

Und dann ist da auch noch die Gaspreisbremse, die die Preise erheblich stärker drücken soll. Details sind noch nicht bekannt. Plausibel ist aber, dass sich die Kosten für die Gasheizung relativ schnell wieder denen für eine Anlage nähern könnten, die Öl verfeuert.

Allerdings wird auch hier über eine staatlich subventionierte Begrenzung der gestiegenen Aufwendungen für Haushalte und Unternehmen diskutiert. Es müsse eigentlich eine Energiepreisbremse für alle Brennstoffe geben, heißt es in Branchenkreisen. Schließlich mache auch die Verdoppelung der Heizölpreise vielen Familien zu schaffen. Immerhin sind laut BDH immer noch 5,2 Millionen Ölheizungen hierzulande in Betrieb, was einem Marktanteil von 25 Prozent entspricht. Stephan Weil (SPD), Niedersachsens Ministerpräsident, hat sich denn auch als erster prominenter Politiker nun auch für eine Heizölbremse ausgesprochen. Der Staat müsse 50 Prozent der Differenzkosten übernehmen, so der Sozialdemokrat, der für Sonntag eine Landtagswahl vor der Brust hat.

Aber wie sieht es langfristig aus? Die alte Ölheizung jetzt gegen eine neue austauschen? Oder sie für die moderne Brennwerttechnik für 8000 bis 10.000 Euro umbauen? Das ist oder Weiteres noch im nächsten Jahr möglich. Danach wird es komplizierter. Die Bundesregierung will nämlich von 2024 an, reinrassige neue Ölheizungen nur noch in ganz wenigen Ausnahmefällen erlauben. Wärmepumpen sollen Vorfahrt haben, aber auch Hybrid-Anlagen möglich sein, die so ausgelegt sind, dass sie 65 Prozent des Wärmebedarfs mit erneuerbaren Technologien abdecken – also fossile Brenner in Kombination etwa mit Sonnenenergie oder Wärmepumpen.

Aus Sicht des Heizungsverbandes darf jedenfalls nichts außen vor bleiben: „Um die ambitionierten Klimaziele 2030 und 2045 und somit die Wärmewende zu erreichen, müssen aus Sicht des BDH alle technischen Lösungen und alle erneuerbaren sowie CO2-reduzierten und CO2-neutralen Energieträger berücksichtigt werden“, so der BDH-Sprecher gegenüber dem RND. Eine Studie des Verbandes geht davon aus, dass auch im Jahr 2045 noch 1,36 Millionen „Öl- und Bioölheizungen“ hierzulande installiert sind.

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Von Frank-Thomas Wenzel/RND