Freitag , 18. September 2020
Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters zu sehen. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Der Fall Wirecard: Das wahre Ende der Deutschland-AG

Die Insolvenz des Finanzdienstleisters aus Bayern ist einer der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte und eine Blamage für den Standort Deutschland. Schon jetzt ist klar, dass die Wirecard-Affäre die Kultur zwischen Unternehmen, Politik und Aufsicht nachhaltig verändern wird. Und auch ein Minister der Bundesregierung gerät gehörig unter Druck.

Berlin. Das Ende der Deutschland-AG wurde ja schon häufiger verkündet. Das Geflecht aus Finanzinstituten, Industrie und Politik, das die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik in den Nachkriegsjahrzehnten geprägt hat, ist in den späten 1990er-Jahren verschwunden, als gegenseitige Unternehmensbeteiligungen immer mehr abgebaut wurden.

Der Geist jener Deutschland-AG allerdings, den man auch als Korporatismus oder rheinischen Kapitalismus bezeichnen kann und der auf Vertrauen und verantwortungsbewusstem Wirtschaften basierte, hat weitergelebt. Bis zum 25. Juni 2020.

An jenem Dienstagmorgen vor vier Wochen um 10.25 Uhr veröffentlicht die Wirecard AG mit Sitz in Aschheim bei München eine Ad-hoc-Mitteilung. Sie löste damit einen der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte aus.

Wirecard, bis dahin der Shootingstar der deutschen Wirtschaft, ist pleite. Und es sind nicht die Corona-Krise, die sich eintrübende Weltkonjunktur oder eine verfehlte Unternehmenspolitik, die zu der Insolvenz geführt haben. Nach allem, was man bisher weiß, war der eigentliche Grund die kriminelle Energie der Unternehmensführung.

Vom Start-up zum Weltmarktspieler

Die Geschichte war auch zu schön, um wahr zu sein. Gegründet 1999 als Abrechner für Porno- und Glücksspielseiten im Internet hatte sich das Start-up zum Weltmarktspieler gemausert. 2018 folgte die Aufnahme in den Leitindex Dax. Aus einer schmuddeligen Bude in die Beletage der deutschen Wirtschaft, und das in nur 19 Jahren – was für eine Erfolgsgeschichte.

Das Dumme ist nur: Sie stimmte nicht. Der Erfolg basierte im Wesentlichen auf Lug und Betrug. Scheingeschäfte, frisierte Bilanzen, Vermögen, das nur auf dem Papier existierte, dazu dubiose Machenschaften in Bürgerkriegsländern und Verbindungen in die Halbwelt bis hin zu ausländischen Geheimdiensten – fast alles, was inzwischen über den Fall Wirecard bekannt ist, war zuvor in der Eliteliga der deutschen Wirtschaft schlicht nicht vorstellbar gewesen. Und genau deshalb war es überhaupt möglich.

Das deutsche Wirtschaftssystem, wie wir es bisher kannten, seine Aufsichts- und Kontrollinstanzen, das alles basiert zumindest ein Stück weit auf Vertrauen. Natürlich gibt es Prüfungen und Kontrollen, aber dass Kontobelege gefälscht, Rechnungsprüfer betrogen und Milliardenumsätze einfach erfunden werden, dafür reichte die Fantasie von Aufsehern, Politik und Wirtschaftspresse nicht aus. Zumindest nicht in Deutschland.

Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass mit dem Wirecard-Skandal dieser Teil der deutschen Wirtschaftskultur zu Ende gehen wird. Das Misstrauen wird künftig größer. Regeln strenger. Kontrollen schärfer. So wie im angelsächsischen Raum, wo der Kapitalismus schon länger Namenszusätze wie Turbo-, Kasino- oder auch Raubtier- trägt. Dort war die Vorstellungskraft in Sachen Wirecard deutlich ausgeprägter, wie der Rückblick zeigt.

Durchsuchungen in Singapur, Sammelklagen in Amerika

Bereits im Januar 2019 erhebt die britische “Financial Times” (FT) schwere Vorwürfe gegen Wirecard. Ein Manager des Unternehmens, berichtet die Onlineausgabe der Zeitung, habe in Singapur womöglich Verträge gefälscht und Geldwäsche betrieben. Die Aktie verliert nach dem Bericht ein Fünftel ihres Wertes. Es müssten eigentlich alle Alarmglocken schrillen, doch niemand reagiert – zumindest nicht öffentlich.

Die “Financial Times” legt in den folgenden Tagen mehrfach nach. Sie berichtet, dass eine von Wirecard beauftragte externe Anwaltskanzlei bei einer Prüfung der Niederlassung in Singapur Anhaltspunkte für Fälschungen in der Rechnungslegung gefunden habe, enthüllt, dass der für Asien zuständige Finanzchef Wirecards Kollegen in Singapur gezeigt habe, wie man eigene Bücher manipuliere, deckt ein Zahlungskarussell auf, mit dem Kundenumsätze vorgespiegelt worden seien, um interne Ertragsziele zu erfüllen.

Es kommt zu Durchsuchungen in Singapur, Sammelklagen in Amerika, und endlich reagiert auch die deutsche Finanzaufsichtsbehörde Bafin. Allerdings tut sie das, wie man heute weiß, auf die denkbar schlechteste Art und Weise.

Die Bafin und die Sache mit dem Leerverkaufsverbot

Es ist der 18. Februar 2019, als die Bafin eine historische Entscheidung fällt. Sie verhängt ein zweimonatiges Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien. Ein solches Verbot hatte es bis dahin für Einzelunternehmen noch nie gegeben. Lediglich in der Finanzkrise hatten die Aufseher Leerverkäufe für Finanztitel untersagt, aber damals war es um ein knappes Dutzend Firmen gegangen.

Mit Leerverkäufen können Anleger auf fallende Kurse spekulieren. Sie können damit schlimmstenfalls ein gesundes Unternehmen in schwere Turbulenzen bringen, und das fürchten die Aufseher im Fall Wirecard offenbar.

Wenn man so will, macht sich die Bafin mit ihrer Entscheidung zur Komplizin der Firma. Die Aufseher übernehmen die Sichtweise des Unternehmens. Dass angelsächsische Konkurrenz versuche, mit unlauteren Methoden den Erfolg eines deutschen Fintechs zu torpedieren. Es gibt Anzeigen gegen Journalisten der “FT”, die Staatsanwaltschaft München I leitet ein Ermittlungsverfahren ein. Der Vorwurf: “Vergehen nach dem Wertpapierhandelsgesetz”.

Am 26. März scheint die Affäre vorbei. Wirecard veröffentlicht Ergebnisse des Prüfberichts der Singapurer Rechtsanwaltskanzlei Rajah & Tann, die “keine wesentlichen Auswirkungen” auf die Konzernabschlüsse festgestellt habe. Der Aktienkurs erholt sich spürbar, darüber, dass die Bilanzvorlage verschoben wird, sieht die Börse großzügig hinweg.

In den kommenden Wochen und Monaten kommt es zu einer wahren Schlammschlacht zwischen Wirecard und der “FT”. Die Zeitung bringt immer neue Vorwürfe, Wirecard wirft den Journalisten Marktmanipulation vor.

Der Tag, als das Lügengebäude in sich zusammenbricht

Im Oktober 2019 kündigt Wirecard eine Sonderprüfung an, die die Vorwürfe der “FT” ein für alle Mal ausräumen sollen. Das Unternehmen beauftragt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit einer unabhängigen Untersuchung. Der Bericht liegt am 28. April 2020 vor, und er markiert den Anfang vom Ende.

Die KPMG-Prüfer geben zu Protokoll, dass sie die Existenz wichtiger Umsätze aus den Jahren 2016 bis 2018 weder bestätigen noch dementieren könnten und begründen die Leerstelle mit “Untersuchungshemmnissen”. Der Aktienkurs bricht ein.

Ende Mai muss Wirecard die Vorlage des Konzernabschlusses verschieben, weil die Bilanzprüfung durch Ernst & Young andauert. Am 18. Juni informiert die Firma darüber, dass die Wirtschaftsprüfer ein Testat der Bilanz verweigern, weil Nachweise über die Existenz von Bankguthaben in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro fehlen. Es ist der Tag, an dem das Lügengebäude in sich zusammenbricht. Eine Woche später meldet Wirecard Insolvenz an.

Drei frühere Wirecard-Manager sitzen inzwischen wegen des Vorwurfs des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in Haft, unter ihnen Ex-Vorstandschef Markus Braun. Eine vierte ehemalige Führungskraft wird per internationalem Haftbefehl gesucht, der für das Tagesgeschäft zuständige Vorstand Jan Marsalek. Der Mann, der als Schlüsselfigur des Skandals gilt, und der exzellente Kontakte in russische Geheimdienstkreise unterhalten soll, wird in Osteuropa vermutet. Genaues weiß man nicht.

Wie konnte es so weit kommen? Und wie hätte der Skandal verhindert werden können? Das sind die Fragen, die nun viele beschäftigen und die auch in der Sondersitzung des Finanzausschusses des Bundestags an diesem Mittwoch im Zentrum stehen werden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sind als Zeugen geladen. Sie werden sich in der nicht öffentlichen Sitzung unbequemen Fragen stellen müssen.

Finanzminister Scholz weist jede Schuld zurück

Scholz besteht darauf, dass weder er als Minister, noch sein Haus und auch nicht die Finanzaufsicht Bafin Fehler gemacht hätten, und verweist darauf, dass die Finanzaufsicht ihre Ermittlungen wegen Marktmanipulation nicht nur gegen die “FT”-Journalisten, sondern auch gegen Wirecard geführt und die Deutsche Prüfungsgesellschaft für Rechnungslegung (DPR) mit einer Prüfung der Bilanz beauftragt habe.

Fehler sieht Scholz nur im System. Das zweistufige Verfahren der Bilanzkontrolle, das vorsieht, dass zunächst die von staatlicher Seite beauftragte privatrechtlich organisierte Prüfstelle DPR tätig werden muss, bevor die mit hoheitlichen Befugnissen ausgestattete Bafin eingreifen kann, will der Minister auf den Prüfstand stellen. Auch fordert er eine Neuaufstellung und bessere Ausstattung der Aufsicht.

Die fordert auch die Bürgerbewegung Finanzwende, allerdings reichen die Vorschläge von Scholz laut deren Expertin Britta Langenberg nicht aus. “Die bisherigen Reformvorschläge von Olaf Scholz sind zu dünn, um einen echten Neustart bei der Finanzaufsicht Bafin in Gang zu setzen”, sagte Langenberg dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Es brauche einen echten Kulturwandel bei der Bafin. “Die Aufsicht muss vorausschauend handeln, anstatt nur zu reagieren.”

Auch die Opposition, das ist schon vor der Sitzung des Finanzausschusses klar, wird sich mit den bisherigen Erklärungen der Regierung nicht zufriedengeben. “Wenn die Finanzaufsicht Bafin wirklich ernsthaft in Richtung Wirecard ermittelt hat, warum hat sie dann nicht alle ihre Befugnisse genutzt?”, fragt der FDP-Bundestagsabgeordnete Florian Toncar im Gespräch mit dem RND. “Wenn die Vorwürfe gegen Wirecard ernst genommen wurden, warum hat die Bafin dann ausgerechnet jene Journalisten bei der Staatsanwaltschaft angezeigt, die über die Vorwürfe berichtet haben?”

Auch die Kontakte zwischen Bundesregierung und Wirecard werden eine Rolle spielen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) persönlich hat bei einem China-Besuch im September 2019 die geplante Übernahme des chinesischen Unternehmens All Score Financial durch Wirecard angesprochen.

Auch der Finanzstaatssekretär und Scholz-Vertraute Wolfgang Schmidt hat mit der chinesischen Regierung über das Interesse des deutschen Unternehmens an einem Markteintritt in China gesprochen. Und die Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt, Dorothee Bär (CSU), bemühte sich nach einem Besuch in der Wirecard-Zentrale in Aschheim mehrfach um ein direktes Gespräch zwischen der Wirecard-Führung und der Bundeskanzlerin.

Ein Untersuchungssausschuss droht

Der Einsatz der Bundesregierung für deutsche Unternehmen im Ausland sei geübte und gängige Praxis, heißt es nun unisono aus Kanzleramt, Wirtschafts- und Finanzministerium. Auch damit will die Opposition die Regierung nicht durchkommen lassen.

“Hat die Bundeskanzlerin sich gegenüber der chinesischen Regierung für Wirecard eingesetzt, obwohl ihr die Vorwürfe korrekt berichtet worden sind, oder hat irgendeine Stelle in der Regierung die Vorwürfe gegenüber der Bundeskanzlerin verharmlost oder verschwiegen?”, will FDP-Mann Toncar wissen. “Diese Fragen sind überhaupt nicht neu, aber sie können von der Bundesregierung nicht überzeugend beantwortet werden”, so seine Kritik.

Der Liberale sieht in der Sitzung des Finanzausschusses die letzte Möglichkeit für die Regierung, offene Fragen zu beantworten. “Entscheidend wird sein, ob man der Bundesregierung abnehmen und zutrauen darf, diesen beispiellosen Skandal umfassend aufzuklären. Daran sind nach den letzten Tagen erhebliche Zweifel angebracht”, betont er.

In dem Satz schwingt eine Drohung mit: Sollten die Antworten nicht ausreichen, wird die Opposition einen Untersuchungsausschuss beantragen. Der wäre vor allem für Scholz unangenehm. Der SPD-Mann hat seine Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl 2021 fest im Blick, ein laufender Untersuchungsausschuss könnte für permanente Unruhe im Wahlkampf sorgen. Das ist das Letzte, was Scholz gebrauchen kann.

Von Andreas Niesmann/RND