Freitag , 30. Oktober 2020
Das Unternehmen Delivery Hero betreibt weltweit Online-Bestellplattformen für Essen. Quelle: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Delivery Hero: Mit dem Umsatz wachsen auch die Verluste

Sie bringen Sushi, Pizza und Burger – die Angestellten von Delivery Hero, und zwar in 43 Ländern auf der Welt. Das hat dem Berliner Unternehmen im zweiten Quartal fast eine Verdopplung der Einnahmen im Vergleich zum Vorjahr gebracht. Doch mit dem Umsatz wachsen auch die Verluste des Dax-Kandidaten.

Seit einigen Jahren tobt der Kampf um die Kundschaft. Hierzulande endete das damit, dass nur noch ein großer Anbieter übrig geblieben ist: Lieferando. Er gehört zur niederländischen Takeaway-Gruppe. Das größte hiesige Unternehmen der Branche mit Firmensitz in der Hauptstadt ist seit einiger Zeit in seinem Heimatland nicht mehr aktiv: 2018 verkaufte Delivery Hero sein Deutschland-Geschäft mit der Marke Foodora an die Niederländer, die dessen Dienste umgehend einstellte. Die Berliner Lieferhelden, die noch immer in Mitte ihr Hauptquartier haben, sind mittlerweile vor allem in Asien aktiv. Dort wollen sie auch expandieren. Konzernchef Niklas Östberg kündigte am Dienstag bei der Präsentation von Geschäftszahlen an, dass die Marke Foodpanda vom dritten Quartal an Menschen in Japan beliefern will – “beginnend mit einer Handvoll Städte“. Japan sei der Markt mit „der niedrigsten Penetrationsquote für unsere Industrie außerhalb Chinas”, sekundierte Finanzchef Emmanuel Thomassin. Der Vorstand sehe großes Potenzial, in dieser frühen Phase Marktanteile zu gewinnen.

Immer größer werden, das ist die wichtigste Strategie in der Branche. Nur so glauben die Manager auf Dauer funktionierende Geschäftsmodelle aufbauen zu können. Wer wächst, muss viel Geld in die Hand nehmen, um Kunden zu gewinnen und zu halten. Deshalb will auch Delivery Hero für das Abenteuer in Japan erst einmal 20 bis 30 Millionen Euro für Werbung und Marketing investieren. Dass damit der Umsatz gesteigert wird, ist klar. So hat denn auch Konzernchef Östberg die Erlösprognose für dieses Jahr nach oben geschraubt. Er geht von bis zu 2,8 Milliarden Euro aus. Zuvor traute er seinem Unternehmen höchstens 2,6 Milliarden zu. Das würde dann einer Verdopplung im Vergleich zu 2019 entsprechen – und in etwa der Geschwindigkeit, die das Unternehmen im zweiten Quartal vorlegte. Wobei hier zu bedenken ist, dass es im April und Mai wegen Corona schwere Rückschläge gab. Umso stärker sprangen die Geschäfte an, als im Juni in vielen Ländern Restriktionen für die Bürger gelockert wurden.

Aktienkurs hat sich in einem Jahr mehr als verdoppelt

Die für Analysten alles entscheidende Frage ist nun aber: Welche Auswirkungen hat das auf die Erträge? Man muss in der Präsentation der aktuellen Geschäftszahlen lange suchen, um ganz hinten Gewinn-/Verlustzahlen im Kleingedruckten zu finden. Dem ist zu entnehmen, dass sich im ersten Halbjahr nicht nur die Bestellungen und die Umsätze fast verdoppelt haben, sondern auch die roten Zahlen. Ein Verlust aus der betrieblichen Tätigkeit ohne Berücksichtigung einmaliger Sonderposten von knapp 320 Millionen Euro kam zusammen, nach “nur” 171 Millionen Euro in den ersten sechs Monaten 2019. Und so ein Unternehmen soll demnächst in den noblen Dax-30-Club mit den wichtigsten börsennotierten Firmen aufsteigen und den Skandalkonzern Wirecard ersetzen?

Viele Anleger wetten darauf, dass Östbergs Firma Rivalen alsbald wegbeißt und durchstartet. Der Aktienkurs hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Doch eine Reihe von Analysten ist eher skeptisch. Die Experten des Fachblatts “Der Aktionär” raten jedenfalls, von den Delivery-Hero-Papieren die Finger zu lassen, solange nicht klar sei, wann der Vorstand gedenke, erstmals Profite zu erwirtschaften. Östberg hatte kürzlich in einem Interview mit dem Handelsblatt eingeräumt, er wisse “wirklich nicht”, wann sein Unternehmen in den grünen Bereich komme.

Schnelle Lieferung und Service hat seinen Preis

Entscheidend sind die Frauen und Männer, die die Mahlzeiten per Fahrrad zur Kundschaft bringen. Lieferando und die Takeaway-Marken in anderen Ländern sind nur Vermittler, die Restaurants und Hungrige mittels Internet zusammenbringen. Den Transport müssen die Gaststätten mit eigenem Personal organisieren. Delivery Hero setzt auf eigene Fahrer. Das erhöht die Kosten und rechnet sich nur, wenn die Boten ständig unterwegs sind. Deshalb hat Östberg die Corona-Krise genutzt, um ein neues Standbein stärker zu machen: den sogenannten Quick-Commerce. So haben Lieferhelden in den vergangenen Wochen auch in Kooperation mit Wohltätigkeitsorganisationen wie dem Roten Kreuz alte Menschen mit Lebensmitteln oder Medikamenten versorgt. Auch Blumen und allerlei andere einfach zu transportierende Non-Food-Produkte wurden gebracht – mit 10,5 Millionen verdoppelte sich in der Q-Sparte die Zahl der Bestellungen im zweiten Quartal im Vergleich zu den ersten drei Monaten des Jahres. Doch auch dies verursacht hohe Kosten. So muss das Unternehmen dezentrale Lager einrichten, um schnell liefern zu können. Und auch da gibt es Konkurrenz: Amazon zum Beispiel setzt zunehmend auf Lieferungen am Tag der Bestellung.

Ganz zu schweigen vom Mahlzeitendienst. Neben Takeaway macht sich Fahrdienstvermittler Uber auch in diesem Sektor breit. Und in Südostasien haben es die Berliner mit dem Platzhirschen Grab-Food zu tun. Was bleibt? Weiter wachsen. Branchenkenner vermuten, dass Delivery Hero sich demnächst die Rivalen Glovo (Spanien) und/oder Rappi (Südamerika) einverleiben könnte. Zudem wartet Östberg auf die Genehmigung für die Übernahme von Südkoreas größter App für Essenslieferungen namens Woowa. Wenn die vorliege, könne sein Unternehmen auf einen Marktwert von 30 Milliarden Euro kommen. Rund ein Dutzend der Dax-30-Firmen ist aktuell weniger wert.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND