Damals Starkoch (2014, rechts im Bild), heute Verschwörungstheoretiker mit kruden Inhalten: Attila Hildmann wurde einst durch vegane Küche berühmt. Seine Bücher vertreibt das Unternehmen Thalia nach wie vor. Quelle: imago/Jakob Hoff/Stefan Zeitz/RND Montage Behrens

Thalia verkauft weiter Hildmann-Bücher: Ein Paradebeispiel für Ignoranz

Obwohl Attila Hildmann hetzt, pöbelt und Menschen mit dem Tode droht, will Thalia weiterhin seine Kochbücher verkaufen. Die Reaktion der Buchhandlungskette ist ein Wegducken vor gesellschaftlicher Verantwortung, kommentiert Matthias Schwarzer. Andere Unternehmen haben längst gezeigt, wie man mit Hildmann umgehen muss.

Hannover. Anfangs wurde er noch müde belächelt. Attila Hildmann, ein Kochbuchautor aus Berlin, der plötzlich zum Sprachrohr der Corona-Verschwörungstheoretiker wird, Demos organisiert und mit antisemitischen Mythen seine Telegram-Gruppe bespielt.

Inzwischen ist klar: Hildmann ist nicht einfach nur ein bisschen falsch abgebogen. Hildmann ist knallhart rechtsextrem. Er hetzt, er pöbelt und er droht. Und spätestens jetzt wäre es angebracht, Hildmann keine weitere Bühne zu bieten – schon gar nicht finanziell.

“Wollen niemanden bevormunden”

Doch die Buchhandlungskette Thalia sieht das etwas anders. Sie will die Kochbücher des 39-Jährigen zunächst im Sortiment behalten. Denn: Die Diskussion solle “nicht am Kochbuchregal, sondern gesamtgesellschaftlich geführt werden”, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

“Wir wollen niemanden bevormunden und akzeptieren, dass es Meinungen gibt, die nicht im Einklang mit unseren eigenen Werten stehen”, so das Unternehmen weiter. Und: “Wenn Gerichte entscheiden, dass die Äußerungen von Herrn Hildmann volksverhetzend sind, werden seine Kochbücher aus den Regalen verbannt und nur noch auf Kundenwunsch bestellt.”

Das Statement des Unternehmens klingt wie eine Trotzreaktion auf einen Internet-Shitstorm, den man nicht ernstnehmen will. Heraufbeschworen von einem hysterischen Twitter-Mob, der sich ja ohnehin wegen jeder Kleinigkeit echauffiert. Warten wir doch erst mal ab, was die Gerichte sagen! Vielleicht ist dieser Attila ja gar nicht so schlimm, wie alle sagen. Und bis dahin halten wir schön die Meinungsfreiheit mit veganen Kochbüchern hoch und lassen uns durchs nichts aus der Ruhe bringen.

Ein Wegducken vor gesellschaftlicher Verantwortung

Tatsächlich ist die Haltung des Unternehmens etwas ganz anderes. Nämlich ein Wegducken vor gesellschaftlicher Verantwortung. Und das ist eine ziemlich doofe Entscheidung – aus folgenden Gründen:

1. Die angebliche “Meinung” von Attila Hildmann ist keine Meinung. Hildmann glorifiziert Adolf Hitler, setzt Kopfgeld auf Menschen aus und droht Politikern mit der Todesstrafe, sollte er mal “Reichskanzler” werden. Der Staatsschutz ermittelt inzwischen gegen ihn. Wenn das Unternehmen dies alles nur als weitere “Meinung” im großen politischen Spektrum abtut, dann heißt das nichts anderes als: Uns ist wirklich alles scheißegal.

2. Natürlich sollte die Diskussion nicht am Kochbuchregal geführt werden – denn da sollten Hildmanns “Werke” schon lange nicht mehr stehen. Hildmann ist mit seinen Büchern reich geworden und dürfte auch heute noch gutes Geld damit verdienen. Gleichzeitig verspricht Hildmann auf seinem Telegram-Kanal 1000 Euro für denjenigen, der ihm Namen von Mitgliedern einer Satire-Gruppe liefert. Und so jemanden will Thalia tatsächlich finanziell unterstützen?

3. Es gibt keinen einzigen Grund, erst mal “die Gerichte entscheiden” zu lassen, ob Hildmann nun eine Straftat begangen hat oder nicht. Was Hildmann tut, sagt oder durch Megafone brüllt, ist hinreichend dokumentiert. Wer das nicht sieht, der will es auch nicht sehen.

Andere Unternehmen reagieren eindeutig

Die Reaktion von Thalia ist ein Paradebeispiel für Ignoranz, für das bewusste Zuhalten des rechten Auges, für das absichtliche Herausziehen aus allem, was mit Verantwortung zu tun haben könnte. Möglicherweise glaubt die Chefetage der Buchhandlungskette, man müsse sich als Unternehmen nicht in solche Debatten einmischen.

Umso erstaunlicher, dass andere Unternehmen mit dem Vegan-Koch ganz anders ins Gericht gehen. Die Supermarktkette Kaufland entschied schon im Mai, die Produkte des Vegan-Koches aus den Regalen zu nehmen – und da waren die öffentlichen Aussagen von Hildmann noch eher lächerlich als gefährlich. “Mit Befremden haben wir die Weltanschauung von Attila Hildmann zur Kenntnis genommen”, sagte seinerzeit eine Sprecherin. Diese widerspreche dem Verhaltenskodex des Unternehmens. Hildmanns Energy-Drink “Daisho” flog aus dem Sortiment.

Ganz ähnlich reagierte zur selben Zeit die Drogeriekette Vitalia. Man distanziere sich “ausdrücklich”, hieß es damals – und Hildmanns vegane Bolognesesauce sowie der Brotaufstrich “Nutwave” flogen aus den Regalen.

Es bleibt etwas hängen

Das Problem mit Hildmanns Kochbüchern dürfte sich derweil bald von allein erledigt haben. Hildmanns damaliger Verlag Becker Joest Volk erklärte gegenüber der “Neuen Westfälischen”, man werde auf Nachdrucke der erschienenen Bücher künftig verzichten. Über die Entwicklungen Hildmanns sei man im Verlag “persönlich entsetzt”.

Ein solch eindeutiges Statement hätte auch der Buchhandlung Thalia gut zu Gesicht gestanden. Man entschied sich anders. Kunden dürfte das beim nächsten Bücher-Shopping sicherlich im Gedächtnis bleiben.

Von Matthias Schwarzer/RND