Donnerstag , 22. Oktober 2020
Der Skandal um Wirecard bietet die perfekte Vorlage für einen Wirtschaftskrimi

Wirecard-Affäre: Kanzleramt hatte öfter Kontakte als bislang bekannt

Das Bundeskanzleramt hatte seit Ende 2018 mehrfach Kontakt zum inzwischen insolventen Dax-Konzern Wirecard. Auch zu Beratern wie Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Ein Regierungssprecher äußerte sich auch zu Merkels China-Reise und das Werben für Wirecard.

Berlin. Das Bundeskanzleramt hatte seit Ende 2018 mehrfach Kontakt zum inzwischen insolventen Dax-Konzern Wirecard sowie zu Beratern des Unternehmens.

Dabei spielten auch der ehemalige Beauftragte für die Nachrichtendienste des Bundes, Klaus-Dieter Fritsche, sowie wie bereits bekannt Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eine Rolle, wie ein Regierungssprecher am Mittwoch auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.

Fritsche sagte dem “Spiegel”, im Sommer 2019 habe ihn ein Freund gefragt, ob er für das Unternehmen einen Kontakt zum Kanzleramt organisieren könne. “Da es eins von nur vier Dax-Unternehmen aus Bayern ist, habe ich zugesagt und einen Termin mit Herrn Röller angefragt”, erinnert sich Fritsche. Für die Anbahnung habe er ein für externe Berater übliches Salär von Wirecard bekommen.

Fritsche will von Vorwürfen nichts gewusst haben

“Wir haben ganz zivil geredet, es wurden keine Hilfe aus dem Kanzleramt oder gar der Kanzlerin selber eingefordert”, sagte Fritsche. Von Geldwäsche-Vorwürfen gegen Wirecard will Fritsche im Herbst 2019 noch nichts gewusst haben. Zwar habe der Finanzvorstand bei dem Gespräch im Kanzleramt entsprechende Vorwürfe der “Financial Times” erwähnt, dies aber als Fehde mit einem einzelnen Journalisten dargestellt.

„Ich ging damals davon aus, dass Wirecard eines der Unternehmen der digitalen Zukunft ist, deswegen habe ich ihnen geholfen“, sagte Fritsche. „Ich jedenfalls hatte keinerlei Grund, an der Seriosität des Unternehmens zu zweifeln.“

Nach dem Gespräch mit Röller sei er nicht mehr für Wirecard tätig geworden. “Es war ein einmaliger Kontakt und ein Gespräch von vielleicht 30 Minuten”, erinnert sich Fritsche. Danach habe er von Wirecard nichts mehr gehört. Fritsche war von 2014 bis zum Frühjahr 2018 Staatssekretär mit Zuständigkeit für die Geheimdienste im Kanzleramt.

Der Regierungssprecher bestätigte, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe bei ihrer China-Reise im September 2019 das Thema der geplanten Übernahme des chinesischen Unternehmens AllScore Financial durch Wirecard angesprochen. “Zum Zeitpunkt der Reise hatte sie keine Kenntnis von möglichen schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei Wirecard.”

Die Bundesregierung setze sich in ihren bilateralen Kontakten mit anderen Ländern regelmäßig auch für die wirtschaftlichen Interessen deutscher Unternehmen in diesen Ländern ein. Wirecard hatte im vergangenen Monat zuerst Luftbuchungen in Höhe von mutmaßlich 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und wenig später Insolvenz angemeldet. Die Opposition im Bundestag sieht beim Fall Wirecard offene Fragen, wann genau die Regierung von Unregelmäßigkeiten bei dem Zahlungsabwickler wusste und ob sie zu wenig dagegen unternommen hat.

Merkel sprach laut Regierungssprecher am 3. September 2019 mit zu Guttenberg im Vorfeld ihrer Reise nach China. Guttenberg beriet Wirecard.

Am 13. August 2019 habe sich Fritsche an das Bundeskanzleramt gewandt und um einen Gesprächstermin für die Wirecard AG bei Merkels Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller am 11. September 2019 gebeten.

Zur Vorbereitung dieses Termins habe sich die Arbeitsebene des Kanzleramts telefonisch an das Bundesfinanzministerium gewandt und um Informationen zum Unternehmen gebeten.

Der Finanzausschuss des Bundestags plant zum Fall Wirecard für den 29. Juli eine Sondersitzung. Neben Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sollen auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Vertreter etwa der Finanzaufsicht Bafin geladen werden.

RND/cle/dpa