Mittwoch , 28. Oktober 2020
Tönnies: “Was mich getroffen hat, sind auch einige ernst zu nehmende Morddrohungen gegen meine Familie und mich. Das belastet einen natürlich.” Quelle: imago images/Noah Wedel

Tönnies fordert Lohnkostenerstattung – und spricht von “politischem Feldzug”

Clemens Tönnies ist sich keiner juristischen Schuld wegen des Corona-Ausbruchs in seiner Firma bewusst. Der Firmenchef verteidigt sein Krisenmanagement – und spricht von einem “politischen Feldzug”. Die behördliche Zwangspause seines Hauptwerks will er sich finanziell erstatten lassen.

Bielefeld. Der Fleischproduzent Clemens Tönnies will trotz heftiger Kritik nicht darauf verzichten, Lohnkostenerstattung wegen der behördlichen Schließung seines Hauptwerks geltend zu machen. Notfalls wolle er das auch gerichtlich durchfechten. “Darüber wird im Zweifelsfall auch Recht gesprochen werden”, sagte er dem “Westfalen-Blatt” (Samstag).

Daraufhin erneuerte SPD-Bundestagsfraktionsvize Katja Mast ihre Kritik am Vorgehen von Tönnies. “Dieses Verhalten zeigt: Es fehlt jegliche Einsicht und jegliches Gespür, um was es geht. Um Anstand und Verantwortung”, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. “Was Tönnies macht, unterstreicht einmal mehr: Gesetzesverschärfungen sind dringend nötig und müssen kommen. Und das werden sie.”

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) geht davon aus, dass Tönnies keinen Regress für die vierwöchige Zwangspause nach massenhaften Corona-Infektionen in seinem Stammwerk im nordrhein-westfälischen Kreis Gütersloh geltend machen kann. Tönnies hielt dagegen, er wolle verhindern, dass seine Mitarbeiter und Dienstleister bei der Verteilung von Quarantänehilfen “stigmatisiert” würden.

Tönnies: “Gab ernst zu nehmende Morddrohungen”

Die gegen ihn und das Unternehmen erhobenen Vorwürfe nach dem massiven Corona-Ausbruch im Fleischwerk in Rheda-Wiedenbrück wies der Konzernchef zurück. “Wir haben uns immer an Recht und Gesetz gehalten”, sagt er der Zeitung. Im laufenden Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Bielefeld gegen die Geschäftsführung des Konzerns wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz kooperiere das Unternehmen vollumfänglich.

Tönnies kritisiert, dass er und sein Unternehmen vor allem von Politikern instrumentalisiert würden, die sich davon einen Nutzen erhofften. Hier seien in der Art der Kritik deutlich “Grenzen überschritten worden”: “Viele Aussagen kommen von Leuten, die daraus politisches Kapital schlagen wollen, die mich und unser Unternehmen dafür nutzen wollen. Ich stehle mich aus keiner Verantwortung. Doch ich bin nicht Corona.”

Manche Politiker hätten gar einen “politischen Feldzug” gegen Tönnies geführt. Auf die Frage, welche Reaktionen Tönnies von den Bürgern bekommen habe, spricht der ehemalige Schalke-Boss von Rückhalt, aber auch von Drohungen. “Was mich getroffen hat, sind auch einige ernst zu nehmende Morddrohungen gegen meine Familie und mich. Das belastet einen natürlich.”

Tönnies: Werkvertragsarbeiter sollen angestellt werden

Im Interview mit dem “Westfalen-Blatt” kündigt Tönnies zudem Veränderungen für Werkvertragsmitarbeiter an. Bereits bis September sollten die ersten 1000 Werkvertragsarbeiter direkt bei Firmen der Gruppe angestellt werden. Zugleich kündigte der Unternehmenschef Veränderungen bei der Wohnsituation der Beschäftigten an: “Wir wollen, dass die 30 Prozent der Mitarbeiter, die heute nicht privat wohnen, zu einem vorgegebenen Standard wohnen können.” Tönnies sprach sich zudem für eine Erhöhung des Mindestlohns für die Fleischwirtschaft aus. Das könne er aber nicht allein machen, “da muss die Branche insgesamt mitziehen”.

Bei Tönnies hatten sich nachweislich rund 1400 Arbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Vorübergehend waren deshalb, neben der inzwischen aufgehobenen Betriebsschließung in Rheda-Wiedenbrück, weitgehende Corona-Einschränkungen in den Kreisen Gütersloh und Warendorf verhängt worden. Tönnies sieht allerdings keine schuldhaften Versäumnisse. Der massenhafte Corona-Ausbruch in seinem Werk habe “nichts mit Werkvertragsarbeit oder den Wohnverhältnissen zu tun”, sondern vor allem mit der “Umluftkühlung, die eigentlich jeder Betrieb hat”.

Tönnies und mehrere Subunternehmer hatten bereits vor einiger Zeit Anträge auf Erstattung von Lohnkosten durch das Land NRW gestellt. Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte dieses Vorgehen kritisiert.

RND/ka/dpa/epd