Samstag , 19. September 2020
Die Cardsystems Middle East spielte eine zentrale Rolle bei den mutmaßlichen Scheingeschäften. Quelle: imago images/IPON

Wirecard: Möglicher Kronzeuge stellt sich – und will offenbar auspacken

Im Bilanzskandal um den mutmaßlichen Milliardenbetrug beim Dax-Konzern Wirecard will einer der wichtigsten Beschuldigten mit der Staatsanwaltschaft kooperieren. Der Nahost-Geschäftsführer des Pleitekonzerns Wirecard packt offenbar aus. Er hat sich gestellt, sitzt in Untersuchungshaft und könnte Licht ins Dunkel bringen.

Ein Kronzeuge wäre im höchst verworrenen Pleitefall Wirecard Gold wert. Zu verschachtelt und undurchsichtig sind die Konstruktionen aus realen wie Scheinfirmen und diversen Konten in aller Welt. Ein solcher könnte sich nun in Person des inhaftierten Nahost-Geschäftsführers des Dax-Konzerns zu Verfügung stellen.

Nahost-Geschäftsführer hat sich gestellt

Der deutsche Manager, der sich den Behörden freiwillig gestellt hat und derzeit in München in Untersuchungshaft sitzt, hat sich jetzt über seinen Anwalt Nicolas Frühsorger gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters geäußert. “Mein Mandant hat sich freiwillig dem Verfahren gestellt und steht im Gegensatz zu anderen zu seiner individuellen Verantwortung“, erklärte der Strafrechtler. Zu weiteren Details werde sich sein Mandant aber nur gegenüber Staatsanwälten äußern.

Der Inhaftierte war Geschäftsführer der Wirecard-Tochter Cardsystems Middle East im Emirat Dubai und Anfang voriger Woche nach München geflogen, um sich zu stellen. Im Gegensatz zum ehemaligen Wirecard-Chef Markus Braun, der sich ebenfalls gestellt hatte, ist er aber nicht auf Kaution wieder freigekommen. Braun musste fünf Millionen Euro hinterlegen, um aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden.

Zentren des Falls liegen in Asien

Der Manager aus Dubai gilt als eine Schlüsselfigur im Skandal um Luftbuchungen in Milliardenhöhe und Bilanzbetrug im großen Stil. Er ist einer von bislang mindestens fünf Beschuldigten im Wirecard-Komplex und der einzige dieses Quintetts, der nicht dem früheren vierköpfigen Vorstand des tief gefallenen Dax-Konzerns angehört. Alle Zentren des Falls liegen nach bisherigen Erkenntnissen in Asien und dort auf den Philippinen, im Stadtstaat Singapur und eben Dubai. Es besteht der Verdacht, dass Wirecard Scheinumsätze erfunden hat, um die Bilanz künstlich aufzublähen und bei Anlegern besser dazustehen. In manchen Jahren sollen diese Luftbuchungen Dimensionen von einem Drittel der bilanziell ausgewiesenen Umsätze und bis zur Hälfte der angeblichen Gewinne ausgemacht haben.

Erfunden wurden diese Scheingeschäfte dem Vernehmen nach im Wesentlichen bei drei Partnerfirmen namens Senjo Payments (Singapur), Payeasy Solutions (Philippinen) und Al Alam in Dubai. Auf Letztere entfällt der Löwenanteil aller bisher bekannten Luftbuchungen. Deshalb ist der Statthalter von Wirecard im dortigen Emirat auch von besonderer Bedeutung für die ermittelnde Münchner Staatsanwaltschaft. Die will sich nicht zur den Aussagen des Managers aus Dubai und seiner möglichen Rolle als Kronzeuge äußern. Er sitzt wegen dringendem Verdacht auf schweren gemeinschaftlichen Betrug in Haft.

Nicht nur Geschäfte und Treuhandkonten frei erfunden

Bei Wirecard wurden offenbar nicht nur Geschäfte und Treuhandkonten, die angeblich mit gut 1,9 Milliarden Euro gefüllt waren, frei erfunden. Es gab nach bisherigen Erkenntnissen auch Abflüsse realer Gelder im Umfang von gut einer halben Milliarde Euro aus dem Konzern heraus in dunkle Kanäle. Wirecard hat ungesicherte Kredite an Geschäftspartner in dreistelliger Millionenhöhe vergeben und ebenfalls in dieser finanziellen Dimension eine indische Firma weit überteuert erworben. Der Kaufpreis ist an eine Briefkastenfirma auf Mauritius geflossen. Wo das Geld am Ende gelandet ist, ist immer noch rätselhaft. Als verdächtig gilt in diesem Zusammenhang Ex-Vorstand Jan Marsalek, der flüchtig ist und gesucht wird.

Von Thomas Magenheim/RND