Montag , 28. September 2020
Die Branche der Kreuzfahrtschiffe leidet massiv unter der Corona-Pandemie.

Corona gefährdet die Sicherheit auf See

Im Jahr 2019 sind so wenige Frachtschiffe gesunken wie nie. Aber nun schlägt die Pandemie zu. Übermüdete Besatzungen, geparkte Öltanker und große vor Anker liegende Kreuzfahrtriesen werden zum Risiko. Dazu kommt, dass Cyberkriminelle die Schifffahrt entdecken.

München. Schiffe gelten als das Rückgrat des globalisierten Welthandels. Von daher ist es eine gute Nachricht, dass der Totalverlust großer Transportschiffe 2019 einen historischen Tiefpunkt erreicht hat.

41 Containerriesen und andere Frachter sind 2019 noch gesunken, hat der Allianz-Industrieversicherer AGCS in seiner jährlichen Schifffahrtsstudie ermittelt. Das ist ein Fünftel weniger als 2018 und gut zwei Drittel weniger als im Schnitt der letzten zehn Jahre.

Investitionen in die Sicherheit zahlen sich aus

Investitionen in die Sicherheit der Ozeanriesen und stärkere Kontrollen wirken sich aus. Diesen Trend könnte die Pandemie aber nun stoppen, da sie den Handel abwürgt und Reeder unter Kostendruck setzt. Zum Risiko werden auch vor Küsten geankerte Kreuzfahrtschiffe und Öltanker.

”Wir wissen aus früheren Rezessionen, dass die Budgets für Besatzung und Wartung zu den ersten Bereichen gehören, die gekürzt werden”, sagt Volker Dierks. Er ist bei AGCS in Zentral- und Osteuropa für die Schiffs- und Transportversicherung zuständig. Wenn aber schlecht gewartet wird, steigt die Zahl von Maschinenschäden, dem heute schon größten Risiko auf See.

Dazu kommen coronabedingt laxere Kontrollen in Häfen, was zu instabil verstauter Ware führen und Schiffe auf See in bedrohliche Schlagseite befördern kann. Ein wachsendes Problem sind laut AGCS-Report erschöpfte Besatzungen. Sie können oftmals wegen strikter Pandemieauflagen in Häfen nicht mehr gewechselt werden und müssen viel länger arbeiten als eigentlich zulässig, was menschliche Fehler provoziert.

Kreuzfahrtschiffe werden zur Gefahrenquelle

Eine ganz neue Gefahrenquelle sind vor allem vor der US-Ostküste vor Anker liegende große Kreuzfahrtschiffe. Die werden dort in wachsender Zahl geparkt, weil der Kreuzfahrt-Tourismus pandemiebedingt zum Erliegen gekommen ist. Auch Öltanker werden auf diese Art vorübergehend stillgelegt.

Die Ozeanriesen könnten in der langsam beginnenden Hurrikan-Saison reihenweise losgerissen und an Land getrieben werden oder auf Grund laufen, fürchten die Allianz-Experten. Weil es bis zu zwei Wochen dauert, um ein derart geparktes Schiff wieder in Fahrt zu bekommen, dürften alle Vorwarnzeiten zu kurz sein. Ein Ende setzen könnte die Pandemie auch Plänen, teils enorme Schadstoff-Emissionen großer Schiffe zu drosseln, da Reeder nun mit anderen Problemen zu kämpfen haben.” Die Schifffahrt muss in einem völlig neuen Umfeld navigieren”, sagt Dierks mit Blick auf die Pandemiefolgen.

Cyberkriminelle entdecken die Schifffahrt

Er verweist darauf, dass zwar die Zahl der Totalschäden auf See ein historisches Tief erreicht habe, die Zahl schwerer Zwischenfälle aber 2019 weiter um fünf Prozent auf 2.815 Havarien gestiegen ist. “Es braucht nicht viel, damit ein schwerwiegender Zwischenfall zu einem Totalschaden führt”, sagt er und hat Brände im Blick.

Auch weil immer mehr Batterien und Chemikalien auf Containerschiffen transportiert werden, könne es bei sinkenden Sicherheitsstandards rasch zu Katastrophen auf See kommen. Dazu kommt, dass Cyberkriminelle die Schifffahrt entdecken.

So habe sich die Anzahl versuchter Cyberangriffe auf die Satellitennavigation großer Schiffe speziell im Nahen Osten und China seit Anfang dieses Jahres vervielfacht, warnt AGCS. Hinter den bislang noch nicht erfolgreichen Angriffen werden Erpresser oder Terroristen vermutet. Auf anhaltende Entspannung der Lage deutet das alles nicht.

Von Thomas Magenheim/RND