Freitag , 30. Oktober 2020
Ist es mit den günstigen Benzinpreisen bald vorbei? Am Mittwoch beraten die Opec-Staaten über das weitere Vorgehen. Quelle: imago images/Geisser

Unruhiger Ölmarkt: Wird Tanken bald wieder teurer?

Weniger als 1,30 Euro bezahlen Autofahrer derzeit für einen Liter Benzin. Mit diesen Sparpreisen könnte es jedoch bald vorbei sein. Die Opec-Staaten spekulieren auf eine steigende Nachfrage durch vermehrte Flugreisen und wollen die Ölgewinnung anziehen. Doch eine zweite Corona-Welle könnte die Pläne schnell durchkreuzen.

1,26 Euro oder 1,27 Euro für einen Liter Superbenzin. So viel kostete gestern der Sprit im Bundesdurchschnitt. Teuer oder billig? Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Im Mai war der Kraftstoff noch gut 10 Cent preiswerter. Und schon bald könnte es weitere Aufschläge geben. Allerdings sind die Unsicherheiten auf dem Ölmarkt so groß wie selten zuvor.

Opec-Pläne: Ab August mehr Rohölgewinnung

Am Mittwoch beraten die Mitglieder der Opec-Plus-Runde in einer Videokonferenz die Lage. Das sind Vertreter von 23 Förderländern inklusive der Ölminister von Russland und Saudi-Arabien. Sie wollen beraten, ob es Lockerungen beim Pumpen des Rohstoffs geben wird, der die Autos antreibt. Laut Beobachtern spricht vieles dafür. Viele Länder brauchen dringend Einnahmen aus dem Verkauf des Rohöls.

Laut Finanznachrichtenagentur Bloomberg bereiten große russische Gesellschaften sich bereits darauf vor, die Gewinnung per 1. August deutlich zu steigern. Auch die staatliche saudische Aramco soll größere Exportmengen kurzfristig zur Verfügung stellen können – es wirkt beinahe so, als könnten es die ganz Großen im Ölgeschäft kaum abwarten. Allein die Spekulationen darüber waren hinreichend, um am Montag die Preise an den internationalen Börsen zu drücken. Ein Fass der für Europa maßgeblichen Marke Brent kostete am Nachmittag mit 42,60 Dollar gut 1,5 Prozent weniger als am Ende voriger Woche.

Niedrigster Benzinpreis seit zehn Jahren

Rückblick: Das Geschäft mit dem Mineralöl hat die turbulentesten Monate seit dem Beginn seiner industriellen Nutzung hinter sich. Zuerst inszenierten die Saudis einen Preiskampf gegen Russland. Dann kam die Corona-Pandemie noch dazu. Die Notierungen stürzten ins Bodenlose. Mit knapp 16 Dollar wurde Ende April an der Londoner Börse der niedrigste Preis seit zwei Jahrzehnten erzielt. Durch weltweite Reise- und Ausgangsbeschränkungen war die Nachfrage blitzartig eingebrochen. Die Spritpreise sackten in ähnlichem Maß ab. Diesel gab es hierzulande zeitweise für weniger als einen Euro pro Liter. Super kostete noch im Mai nach Berechnungen der Vergleichsplattform Clever Tanken mit knapp 1,17 Euro im Schnitt so wenig wie seit fast zehn Jahren nicht mehr.

Wobei die Preise zum Monatsende hin deutlich anzogen. Da wurde wirksam, was der Opec-Plus-Club in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen hatte: Die Förderung wurde um 9,7 Millionen Fass pro Tag reduziert. Zwar hielten sich nicht alle Mitglieder daran. Aber die Operation gelang. Der Rohölpreis verdoppelte sich binnen weniger Wochen. Die Brent-Notierung pendelt seit Anfang Juni um die 40-Dollar-Marke, auch dank der Corona-Lockerungen allenthalben und der allmählich wieder einsetzenden Mobilität in vielen Industrienationen.

Ölstaaten hoffen auf Steigerung der Nachfrage

Eigentlich sollte die Kürzung schon zu Beginn des Juli wieder ein Stück weit zurückgenommen werden. Doch die Ölstaaten einigten sich auf eine Verlängerung der rigiden Vorgaben. Am Mittwoch aber könnte der Wendepunkt erreicht werden. Dann dürften die Opec-Plus-Länder insgesamt wieder zwei Millionen Fass mehr zu Tage fördern. Mutmaßlich vom 1. August an. Entsprechende Andeutungen hat Russlands Energieminister Alexander Novak bereits gemacht.

Allerdings soll das laut Bloomberg nicht für den Irak, Nigeria, Kasachstan, Angola und andere Quotensünder gelten. Diese Länder haben sich vor allem im Mai nicht an die Abmachungen des Kartells gehalten und müssen zu viel gefördertes Öl wieder ausgleichen.

Die ursprüngliche Roadmap der Opec-Plus sieht vor, dass die Quoten nach dem Aufschlag für den Rest des Jahres konstant bleiben. Von Januar 2021 bis April 2022 sollen dann weitere 1,9 Millionen Fass mehr pro Tag gepumpt werden. In der Hoffnung, dass die globale Konjunktur und damit die Nachfrage nach Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin wieder anzieht und die Preise an den Rohstoffbörsen trotz des erhöhten Angebots wieder steigen. So geht der Energieanalyst und frühere Weiße-Haus-Berater Bob McNally auch davon aus, dass die weltweite Nachfrage im aktuellen Quartal im Vergleich zum zurückliegenden Vierteljahr um 18 Prozent auf knapp 96 Millionen Fass pro Tag steigen wird.

Höhere Benzinpreise in den Sommerferien erwartet

Entsprechend erwartet Steffen Bock, Chef von Clever Tanken, dass die Preise an der Tankstelle in diesem Monat weiter zulegen. Eine anziehende Weltwirtschaft, die Rückkehr aus dem Homeoffice und den Beginn der Sommerferien führt er als Gründe an. Gleichwohl würden die Kosten für den Sprit im längerfristigen Vergleich dann immer noch auf vergleichsweise niedrigem Niveau verharren – vor einem Jahr kostete der Liter Super im Schnitt 1,45 Euro.

Allerdings wird unter Analysten auch das Szenario eines “Taper Tantrum” durchgespielt. Eine Art Schockwelle. Wenn nämlich das gesteigerte Angebot mit einer zweiten Pandemiewelle einhergehen wird. Denn viele Experten machen darauf aufmerksam, dass die Füllstände der riesigen Tanklager weltweit noch immer auf Rekordniveau sind. Und das macht den Ölpreis anfällig für erneute Rückschläge – Autofahrer wären davon erfreut.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND