Freitag , 23. Oktober 2020
Ein Mitarbeiter der Lappwaldbahn Gleisbau GmbH mäht am Bahnhof das wild wachsende Gras zwischen den Gleisen (Symbolbild). Quelle: picture alliance / dpa

So könnten über drei Millionen Deutsche ans Bahnnetz angebunden werden

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und die Allianz pro Schiene wollen alte Bahnstrecken reaktivieren. Die Kosten wären überschaubar. Denn die Infrastruktur ist vorhanden.

Frankfurt am Main. Insgesamt 300.000 Bewohner mittelgroßer Städte können von neuen Bahnverbindungen profitieren, und zwar relativ einfach. Dafür müssten nur insgesamt fünf alte Strecken wiederhergerichtet werden. Es gibt Dutzende weiterer Projekte mit ähnlichen Effekten. Dies zeigt die neue Liste mit Vorschlägen zur Reaktivierung von Schienensträngen, die der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und die Allianz pro Schiene am Donnerstag vorgelegt haben. Insgesamt kommen nach der aktuellen Aufstellung 238 Strecken mit einer Länge von rund 4000 Kilometern in Frage. Mehr als drei Millionen Menschen könnten so ans Netz angebunden werden, sagte Jörgen Boße, Vorsitzender des VDV-Ausschusses für Schienenverkehr.

Viele Verbindungen liegen außerhalb der Ballungsgebiete

Es gibt viel zu tun. Im vergangenen Jahr wurde auf nur 106 Kilometern der Personenverkehr wiederaufgenommen. Derweil ist die Vorschlagsliste der beiden Organisationen länger geworden. Ihre aktuelle Version wurde um 55 Projekte mit 963 Kilometern erweitert. Es handelt sich zum größten Teil um Verbindungen, die außerhalb der Ballungsgebiete liegen. Doch genau darauf kommt es Boße auch an: Wenn die Eisenbahn das Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts werden soll, dann müsse man das ganze Land im Blick haben und nicht nur Großstädte oder den Fernverkehr. Immerhin seien sieben von zehn Bundesbürgern in Mittel- oder Kleinstädten oder auf dem Land zu Hause. “Es geht dabei um Klimaschutz, aber auch um die Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen”, betont der VDV-Experte. In vielen Fällen geht es darum, Lücken im Netz zu schließen, die häufig historische Gründe hätten. So handelt es sich bei einem der Neuvorschläge um einen sechs Kilometer langen Abschnitt, der Marxgrün in Bayern mit Blankenstein in Thüringen verbindet. Ein anderes empfohlenes Projekt ist die Wiederaufnahme des Verkehrs von Berlin-Gesundbrunnen nach Basdorf (Brandenburg). Die Verbindung ist seit 1961 unterbrochen. Die neuen Empfehlungen sind aber auch lokalisiert in Oberhessen, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen (etwa die Strecke Emmerthal–Bodenwerder–Eschershausen oder die von Winsen (Luhe) nach Salzhausen).

Straßen wurden gebaut, Zugverbindungen aufgegeben

Das deutsche Schienennetz ist über viele Jahrzehnte geschrumpft. Während die Straßen für Pkw und Lkw kontinuierlich ausgebaut wurden, wurden vor allem vor der Bahnreform 1994 Zugverbindungen auf dem Land in großem Stil aufgegeben. Nach 1994 begannen zwar die ersten Reaktivierungsaktionen, dennoch wurden seither noch einmal mehr als 3600 Streckenkilometer für den Personennahverkehr abbestellt – vor allem die neuen Bundesländer waren betroffen –, während auf nur 933 Kilometer der Fahrbetrieb wiederaufgenommen wurde. Auch beim Güterverkehr fällt die Bilanz negativ aus, dabei kann ein Güterzug bis zu 140 Lkw ersetzen. Erst Ende vorigen Jahres hat sich der größte Schienenstrangbetreiber, die DB Netz, dazu durchgerungen, keine Strecken mehr stillzulegen. Derzeit hat das hiesige Streckennetz noch eine Länge von 38.500 Kilometern.

Laut Allianz pro Schiene waren sinkende Nutzerzahlen in der Vergangenheit die Hauptursache für Stilllegungen. Wobei kaum nach den Ursachen gefragt und auch nichts getan worden sei, um die Angebote attraktiver zu machen. Heute zeige sich immer wieder, wenn neue Zugverbindungen angeboten würden, nutzten die Menschen auch das Angebot. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Bahnfahrer denn auch kontinuierlich.

Politik will Fahrgastzahlen auf der Schiene bis 2030 verdoppeln

Für Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, ist klar, dass das Wiederaktivieren “das Erfolgsrezept für einen besseren Verkehrsmix in der Zukunft ist”. Er erinnert dabei an das, was Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) als Ziel vorgegeben hat: Bis 2030 sollen die Fahrgastzahlen auf der Schiene verdoppelt und der Marktanteil der Eisenbahn am Güterverkehr deutlich erhöht werden, und zwar auf 25 Prozent. Das könne nur mit einem Ausbau der Infrastruktur und einer Wiedernutzung stillgelegter Strecken geschehen, so Flege.

Es geht dabei nicht nur darum, Verbindungen von einem Ort zum anderen herzustellen, sondern auch, Nutzern den Zugang zum bundesweiten Bahnnetz zu ermöglichen – ohne dass sie erst mit dem Auto in eine größere Stadt fahren müssen. Mehr Schienen in ländlichen Räumen könnten Pendlern ermöglichen, den Pkw stehen zu lassen, womit auch der Straßenverkehr in den Ballungsgebieten entlastet würde.

Reaktivierung alter Strecken oft günstiger als Neubau

Die Experten haben aber auch Netzlücken in Gegenden entdeckt, wo trotz hohen Verkehrsaufkommens schlicht keine Eisenbahn mehr fährt oder wo durch die Verlängerung einer Verbindung weiteres Fahrgastpotenzial erschlossen werden kann. Natürlich geht es auch darum, in unterversorgten Gebieten erst einmal ein Basisangebot zu schaffen. Die unkomplizierteste Wiederaufnahme im Personenverkehr ist dort möglich, wo Güterzüge noch fahren. Es gibt aber auch Strecken, wo Gleise herausgerissen wurden, wo eine Reaktivierung dennoch preiswerter als ein Neubau ist, da Trassen, Bahndämme und Brücken noch vorhanden sind. Häufig müssen dann Signalanlagen erneuert werden, was eine gute Gelegenheit sein könne, um Strecken auch gleich zu elektrifizieren, so die Allianz pro Schiene.

RND

Von Frank-Thomas Wenzel/RND